Der Stadtmarketing-Experte Mario S. Mensing über die Zukunft der Innenstädte ohne Karstadt, falsche Hoffnungen des Fachhandels und die Versäumnisse des Warenhauskonzerns.

Foto: Marcelo Crescenti
Foto: Marcelo Crescenti
Herr Mensing, stimmt die Behauptung, dass ein Sterben Karstadts auch die deutschen Innenstädte sterben lässt?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Warum nicht?
Zunächst bleiben ja die Häuser trotz Insolvenz weiter geöffnet. Zudem wird auf lange Sicht die jeweilige Fläche auf dem Markt bleiben. In vielen Fällen werden die Häuser unter einem anderen Namen und anderen Konzepten weiterlaufen - als Handelsflächen, wohlgemerkt.

Was macht Sie da so sicher?
Die Qualität der Karstadt-Standorte in den Innenstädten ist bis auf wenige Ausnahmen sehr gut, häufig ergänzt durch weitere eigene Besitztümer wie Parkhäuser und Verwaltungegebäude. Das Ende von Karstadt wird vielmehr den Umstrukturierungsprozess in den Innenstädten beschleunigen und verschärfen.

Es wird also keine Verlierer geben?
Doch, einige Städte werden das Aus von Karstadt zu spüren bekommen. Dort, wo derzeit das Warenhaus der zentrale Einkaufsort für die Menschen ist, der Standort aber nicht stark genug für eine attraktive Folgenutzung ist, werden das die Städte schmerzlich merken.

Wieviele solche Städte werden das sein?
Wir schätzen, dass für etwa 20 Prozent der Standorte, wo ein so beschriebener Karstadt existiert, die Alaramglocken läuten werden.

Foto: Cima
Foto: Cima
Wollen Sie Standorte nennen?
Nein.

Werden lokale Einzelhändler davon profitieren, wenn der örtliche Karstadt geschlossen wird?
Das zweifle ich massiv an. Es wird keine Umsatzneuverteilung zugunsten des Facheinzelhandels geben. Die Verluste an Frequenz ohne ein zentrales Warenhaus werden immer gravierender sein als denkbare Gewinne durch den Wegfall eines Karstadt-Hauses.

Also trifft das Aus von Karstadt doch die Innenstädte?
Es gibt einen Sofortverlierer: Das sind die Werbegemeinschaften und die City-Marketingorganisationen. Karstadt hat in solchen Vereinigungen ungemein positive Rollen gespielt. Die jeweiligen Geschäftsführer mit ihrem Personal wie Schauwerbegestalter beleben diese Gemeinschaften. Aber auch die finanziellen Beiträge sind immens wichtig. Wenn das alles wegfällt, wird das richtig schmerzen.

Wären also Steuermittel richtig gewesen, um Karstadt zu retten?
Nein. Die Strukturprobleme von Karstadt sind so viele Jahre alt, damit hat die Finanzkrise nichts zu tun. Der Auftritt des Warenhaus war uneinheitlich und offensichtlich nicht im Sinne des Konsumenten.

Zur Person: Mario S. Mensing ist Geschäftsführer der CIMA Stadtmarketing GmbH in Lübeck. Die CIMA ist spezialisiert auf Stadt- und Regionalentwicklung und für Marketing im öffentlichen Sektor.

Interview: Steffen Gerth