Der starke Franken macht's möglich: Schweizer Unternehmen nutzten die Euroschwäche 2012, um sich reichlich im deutschen Einzelhandel mit Unternehmensbeteiligungen einzudecken.

Die aufsehenerregendste Übernahme eines deutschen Handelsunternehmens durch eine Schweizer Gruppe war sicherlich der Kauf des hessischen Lebensmittelhändlers Tegut: Die Migros Zürich, eine der zehn Regionalgenossenschaften des Konzerns, übernahm im Herbst 100 Prozent des Handelsgeschäfts der Tegut Gutberlet Stiftung.

Die Genossen haben mit Tegut viel vor: Sie wollen einen zweistelligen Millionen-Betrag bis 2015 in Tegut investieren, das Unternehmen soll wachsen. Nach der Offensive im deutschen Lebensmittelhandel stieg Migros übrigens auch in den deutschen Fitnessmarkt ein. Die Schweizer betreiben in München das erste ihrer neuen Sportstudios.

Capvis übernimmt Hessnatur

Die schweizerische Beteiligungsgesellschaft Capvis sorgte im Juni für Wirbel, als sie die Übernahme von Hessnatur vom Eigentümer Primondo Specialty Group ankündigte. Dem Verkauf des Ökoversenders ist ein Bieterkampf vorausgegangen.

Hessnatur wurde 1976 gegründet und bietet naturbelassene und nachhaltig produzierte Mode. Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten hatten die Sorge, dass die eidgenössischen "Heuschrecken" der hohe Ökoanspruch des Versenders und des dazugehörigen Modelabels nicht gewahrt würde. Der neue Eigner musste sie beruhigen.

Valora steigt im großen Stil ein

Gleich am Anfang des Jahres 2012 hat die Schweizer Handelsgruppe Valora Holding AG die Lekkerland-Tochter "Convenience Concept" übernommen. Mit den 1.300 Standorten stiegen die Schweizer zur Nummer Zwei der Kioskbetreiber in Europa auf.

Später im Jahr, Ende September, gab Valora zudem die Übernahme der Ditsch-Brezelkönig-Gruppe aus Mainz bekannt. "Der Kauf von Ditsch ist die perfekte modulare Ergänzung unserer bestehenden Verkaufsformate und erfüllt alle Kriterien für eine erfolgreiche Zukunft", begründete damals Valora-CEO Rolando Benedick die Akquisition.

Deutschland als sicherer Hafen für Schweizer

Mitte Dezember wurde dann die Übernahme des Fachhändlers für Motorradausstattung Hein Gericke durch einen Schweizer Investor bekanntgegeben. Damit soll der Spezialist aus der Insolvenz gerettet werden.

So viele Übernahmen sind kein Zufall: "Der Franken ist außerordentlich stark, das macht es für schweizerische Unternehmen günstig, sich in Deutschland einzukaufen", erklärte Deutsche-Bank-Währungsexperte Thomas Meyer gegenüber der Nachrichtenagentur dpa die Motivation der Eidgenossen. "Dazu kommt: Deutschland ist im Euroraum der sichere Hafen"

Alnatura und Adler gehen in die Schweiz

Deutsche Unternehmen haben 2012 auch in der Schweiz expandiert: Im Zürcher Quartier Höngg hat Alnatura den ersten Bio-Supermarkt in der Schweiz eröffnet. Weitere Standorte für die in Kooperation mit der Migros geführten Märkte sind bereits in Planung.

Die Textilkette Adler eröffnete in Wilen bei Zürich ihre erste Filiale in der Schweiz. Standort ist in einem Fachmarktcenter, wo auch eine Müller Drogerie sowie eine Lidl-Filiale residieren.