Fortsetzung 220 Gramm Textil = 11 Kilogramm CO2: Die Vergleichbarkeit und die Methodik.

Ein absoluter Vergleich zwischen den drei ermittelten Footprints ist jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Die Damenstrickjacke besitzt ein doppelt so hohes Nettogewicht wie die beiden anderen Textilien. Ein Vergleich auf Masseäquivalenz, also auf angeglichener Gewichtsbasis, würde diese Unterschiede zwar berücksichtigen, bringt aber ebenfalls Verzerrungen mit sich: nicht alle Anteile sind auf Massebasis gerechnet.

Die Emissionen von Distribution, Verpackung, Katalog und zum Teil Konfektion sind auf Stückbasis gerechnet, unabhängig vom individuellen Gewicht des Artikels. Hier zeigt sich, dass die bloße CO2-Angaben auf Produkten - egal in welcher Form - zu Fehlschlüssen führt.

"Der Carbon Footprint eignet sich vielmehr dazu, Transparenz zu schaffen", erläutert Projektleiter Norbert Jungmichel von Systain. "Aus den Ergebnissen können konkrete Zusammenhänge über die Klimawirkung eines Produktes und mögliche Hot Spots für weitere Maßnahmen abgeleitet werden."

Acrylfaser mal gut, mal schlecht für die Werte

So weise beispielsweise die Kinderstickjacke einen hohen Anteil bei der Herstellung der in China produzierten Acrylfaser auf. Grund hierfür ist der hohe Anteil von Kohleverstromung in China. Andererseits machen die stofflichen Eigenschaften von Acryl das Bügeln überflüssig und lassen nur niedrige Waschtemperaturen
zu, was den Carbon Footprint der Gebrauchsphase verringert.

Ebenso lassen sich Rückschlüsse auf den Einfluss des Kataloges ziehen: Der geringere Anteil des Kataloges am Carbon Footprint der Damenstrickjacke im Vergleich zum Longshirt und zur Kinderstrickjacke kommt durch die niedrigere Auflage des BAUR-Kataloges, über den die Damenstrickjacke angeboten wurde, zustande.

Der Vergleich der Produktionsprozesse zwischen dem Longshirt (Bangladesch) und der Damenstrickjacke (Türkei) zeigt, dass die höhere Effizienz bei der Nutzung von Energie in der Türkei und der günstigere Strommix des Landes (hoher Anteil an Wasserkraft) den Carbon Footprint begünstigen. Bei gleicher Massebasis verursacht die Fertigung in der Türkei 40 Prozent geringere Emissionen, obwohl der dickere Stoff, die intensivere fuchsia-Farbe und die Qualitätsanforderungen den Färbeprozess aufwendiger machen.

Abwasserreinigung kostet Energie

Ebenso kostet das hohe Niveau der Abwasserreinigung in der Türkei zusätzliche Energie. Letzteres verdeutlicht, dass sich der Carbon Footprint mitunter konträr zu anderen Umweltindikatoren verhält. Die Datenaufnahme der Färberei zeigte, dass sie für die Wärmeerzeugung sowohl auf Erdgas als auch auf Kohle zurückgreift. Würde sie ausschließlich Erdgas nutzen, verringert sich der Carbon Footprint für das Färben auf 1,43 kg CO2e, bei ausschließlicher Kohlenutzung erhöht er sich auf 2,30 kg CO2e.

Bei Datenabfragen anderer Färbereien konnte ein Trend in der Textilindustrie beobachtet werden, vom Energieträger Erdgas zur kostengünstigeren, aber CO2-intensiveren Kohle zu wechseln. Noch gravierender wirkt sich die Auslastung der Fabrik auf den Product Carbon Footprint aus. Bei niedriger Auslastung verdoppelten sich die produktbezogenen CO2e-Emissionen, da fixe Energieverbraucher oder Vorwärmzeiten für Kessel auf weniger Teile / Masse umgeschlagen werden. Ähnliche Ergebnisse wurden im Rahmen der Untersuchung auch bei anderen Textilbetrieben festgestellt.

Das Projekt

Das Projekt war Teil eines Forschungsvorhabens des Bundesumweltministeriums, des Umweltbundesamtes mit dem Öko-Institut zur CO2-Bilanzierung von Waren und Dienstleistungen. Ziel war es, die Treibhausgasemissionen, die mit Herstellung, Transport und Gebrauch von Textilien einher gehen, transparent zu machen. Das Projekt dient gleichzeitig als Praxisinput für die Diskussion um einen geeigneten, international einheitlichen Standard zur CO2-Bilanzierung.

Grundlage bildeten die ISO-Normen für Produktökobilanzen. Der vom britischen Normungsgremium herausgegebene PAS 2050:2008 diente als Hilfsmittel, wurde jedoch nicht in allen Punkten übernommen. So wurden ‚Gutschriften' für das in der Baumwolle gebundene CO2 anders als im PAS 2050 nicht eingerechnet. Ebenso wurde die höhere Treibhauswirkung von Luftfahrtemissionen in der Stratosphäre berücksichtigt. Der britische Standard sieht hierzu keine Zusatzfaktoren vor.