Amazon hat einmal mehr fulminante Zahlen vorgelegt, die die marktbeherrschende Stellung des Online-Riesen untermauern. Amazon-Experte Adrian Hotz erwartet, dass der Onlinehändler rund um Lieferanten, Konditionen, Preise, Liefertempo und Logistik auf Sicht weitere Pfeiler erinrammt, die Wettbewerber und Partner schmerzen dürften.

Amazon, so Hotz, werde in den kommenden Jahren mehr als 75 Prozent des deutschen E-Commerce-Marktes vereinnahmen.

Als wenn das allein nicht reichen würden, gibt es noch andere Gründe, um Amazon zu fürchten.

Adrian Hotz
Adrian Hotz
In einem Interview im privaten Blog des E-Commerce-Experten Dietmar Hölscher, Projektleiter bei der Shopware AG, sieht Adrian Hotz, Partner bei eTribes, Herausgeber von www.insideecommerce.de, Amazon als überragenden und immer gefährlicher werdenden Giganten.

Hier sind seine zentralen Thesen und Prognosen:

Der Leviathan:

"Wenn der Umsatz über den Marktplatz und der eigene Händler-Umsatz zusammengerechnet wird, dann verantwortet Amazon in Deutschland jeden zweiten Euro im E-Commerce.  Das jährliche Wachstum von Amazon ist nach wie vor überdurchschnittlich in Relation zum Wettbewerb. So das man davon ausgehen sollte, dass Amazon in den kommenden Jahren mehr als 75 Prozent des deutschen E-Commerce ausmachen wird. Wahrscheinlich sogar noch mehr, denn das was Google für Informationen ist und Facebook für soziale Beziehungen, ist Amazon für das Einkaufen".


Der Infrastruktur-Moloch:

"Amazon ist ein Ökosystem, welches immer weitere Geschäftsmodelle entwickelt. Zum Beispiel ist Amazon auch der größte Anbieter von Cloud-Speicher weltweit. Von A wie Airbnb bis Z, wie Zalando, mehr als eine Millionen Firmen hosten auf AWS. Darunter auch Tinder, Dropbox oder Konkurrenten im Bereich des Streaming-Angebots von Amazon wie Netflix. Hier ist Amazon kein Händler, kein Logistiker, kein Streamingdienst. Hier ist Amazon zur Infrastruktur des Internets geworden. Natürlich ist auch das eine marktbeherrschende Stellung und natürlich kann diese auch gegen Wettbewerber ausgenutzt werden."


Der Konditionen-Behemoth:


"Desto höher der Online-Umsatz mit Amazon eines Lieferanten ist, desto weniger Spaß machen die Einkaufsgespräche mit Amazon. Hier spielt Amazon, wie üblich im Handel, die klassische Nachfragemacht aus. Das geht bis hin zur Androhung von Eigenmarken und Auslistung.  Das kann natürlich auch so weit gehen, dass Konkurrenzprodukte einfach komplett aus dem Sortiment verbannt werden. Wie zuletzt auch von Amazon angekündigt in Bezug auf Apple TV oder den Google Chromecast."


Der Grenzkosten-Teufel:

"Wie haben in verschiedenen Projekten ausgerechnet ab welchen Preisdifferenzen Amazon anfängt Cross-Border-Sales zu fördern. Also Produkte in einem Land zu einem günstigeren Preis sourced, um sie in einem anderen Land zu verkaufen. Das macht Amazon nur, wenn der Preiskorridor pro Produkt zwischen verschiedenen Länderorganisationen eines Lieferanten höher ist, als die Versandkosten pro Produkt in dieses Land. Dann lohnt es sich für Amazon die günstigeren Einkaufskonditionen in einem Land zu realisieren und die Produkte in einem anderen Land zu verkaufen. Aus unserer Erfahrung über verschiedene Projekte hinweg, kann ich sagen, dass der Versand eines 30kg Paket bei Amazon ungefähr mit Kosten von 1,60 Euro zu Buche schlagen wird. Logistiker bestätigen mir, dass das wohl schon sehr nahe an den Grenzkosten ist."


Der schnelle Totengräber:

"Same Day-Delivery, wie es in Köln ja schon angeboten wird, wird aus meiner Sicht der Wettbewerbsvorteil schlechthin werden. Da werden kleine Online-Händler nicht mithalten können und der stationäre Handel einer seiner zentralen USPs beraubt – der Verfügbarkeit. Für 5 Euro Aufschlag kann ich in Köln aktuell bis 12 Uhr bestellen und bekomme die Produkte am selben Tag zwischen 18 – 21 Uhr geliefert. Ein Ausflug in die Stadt ist da nicht günstiger und deutlich anstrengender. Same Day-Delivery von Amazon wird der Sargnagel für den klassischen Handel werden."


Der neue Götterbote:

"Gerade sind ja in München die ersten Pilotprojekte (für eine eigene Amazon-Logistik) gestartet. In den USA gibt es ja auch schon verschiedene Projekte mit eigener Logistik z.B. Amazon Fresh oder Amazon Flex. Wenn man sich mit den Kollegen von Hermes und DHL unterhält, dann wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis Amazon in Deutschland als Mitbewerber einsteigt. Das wird eine gigantische Herausforderung für deutsche Paketdienstleister. Denn wer Amazon kennt, weiß Amazon wird zunächst die eigenen Produkte ausliefern und im Anschluss die Dienstleistungen auch für Dritte anbieten. Für die Paketdienstleister steht also nicht nur ein Großkunde auf dem Spiel, sondern es formiert sich darüber hinaus ein sehr ernstzunehmender Wettbewerber."


Olymp & Hades:

"Händler von Drittmarken werden auf Amazon keine Zukunft haben. Warum auch? Außer einen günstigeren Preis liefern Sie in diesem Ökosystem keinen Mehrwert. Das Geschäftsmodell von Händlern auf Amazon ist immer limitiert. Kurzfristig können Händler natürlich Ihren Umsatz über Amazon aufblasen. Sobald die Händler aber aus der Nische herauskommen und die Produkte auch attraktiv für den direkten Einkauf von Amazon werden, übernimmt Amazon das Geschäft selbst. Für Markenhersteller und vertikale Anbieter sieht das natürlich anders aus. Amazon ist für Marken der direkteste und einfachste Weg zum Kunden und für den Kunden der einfachste Weg zur Marke. Hier werden Kaufentscheidungen vorbereitet und getroffen. Marken müssen in dieser Mall präsent sein, keine Frage. Ohne Vorbereitung und Strategie würde ich jedoch keiner Marke empfehlen auf Amazon zu starten. Die Konsequenzen der schnell steigenden Abhängigkeit sollten bereits vorher durchdacht werden."


Hier geht es zum vollständigen Interview.