Mit der Gründung von 7Commerce baut die neue Gesellschaft von ProSiebenSat.1 vor allem auf Startups im Later-Stage-Bereich. Nach dem Vorbild der Reisebranche und dem "House of Travel" sollen auch Segmente wie Beauty & Accessories, Home & Living sowie Fashion & Lifestyle Cluster bilden und gemeinsam wachsen.
ProSiebenSat.1 tickt dabei längst nicht mehr lediglich im Media-for-Equity-Takt. Die Beteiligungen wie Valmano oder Amorelie werden auf Wachstum getrimmt und sollen dabei voneinander profitieren.
Jedes Cluster hat die 100-Millionen-Marke als Hausaufgabe. Weitere Zukäufe sind geplant.
Wie und wo 7Commerce die geballte Kraft nutzen will, sagt 7Commerce-Chef Claas van Delden im Interview mit etailment.

Claas van Delden
Claas van Delden

Wie ist 7Commerce bei Seven Ventures eingebettet?

Claas van Delden: Bislang hatten wir bei SevenVentures unterschiedliche Beteiligungsformen unter einem Dach.  Auf der einen Seite das Venture Capital-Geschäft, wo wir uns mit Minderheitsbeteiligungen an jungen Unternehmen beteiligt haben und diese später auch wieder abgegeben haben. Auf der anderen Seite gibt es seit 2012  strategische Beteiligungen, über die wir uns mit einer Mehrheit oder zumindest mit signifikanten Anteilen an reiferen Unternehmen beteiligen. Nicht um sie zu verkaufen, sondern um sie im Portfolio zu halten und weiter zu entwickeln. Aber beide Typen sind sehr unterschiedlich. Gleichzeitig haben wir in den Portfolios erheblich Substanz aufgebaut. Deshalb war  es sinnvoll, beide Bereiche zu trennen. Das klassische Venture-Geschäft ist deshalb bei SevenVentures beheimatet, das Buy-out-Geschäft bei 7Commerce angesiedelt.

Sie bündeln die Beteiligungen in Clustern. Mit dem „House of Travel“ sind Sie im Reisebereich schon sehr weit. Auch das Beauty&Accessories Cluster wächst. Welche Segmente können Sie sich noch vorstellen?

Claas van Delden: Im Bereich Fashion & Lifestyle, bei dem  wir mit Stylight und Gymondo eingestiegen sind, können wir uns noch weitere Beteiligungen vorstellen. Auch Home & Living, dort haben wir in Moebel.de investiert, ist ein Sektor mit vielversprechenden Möglichkeiten. Dann gibt es noch Optionen im Bereich digitaler Markplätze, wir nennen das „Lead Generation“, wo wir heute Preis24 im Portfolio haben und im Segment der Kfz-Portale aktiv sind.

"Es geht nicht darum,  einzelne Beteiligungen lose zusammenzuwürfeln. Ziel ist es, Synergien zwischen den Beteiligungen zu erzeugen, diese aufeinander einzahlen zu lassen und eine gemeinsame Kundenansprache zu ermöglichen."


ProSieben Travel ist dabei durchaus ein Vorbild für weitere Cluster. Es geht nicht darum,  einzelne Beteiligungen lose zusammenzuwürfeln. Ziel ist es, Synergien zwischen den Beteiligungen zu erzeugen, diese aufeinander einzahlen zu lassen und eine gemeinsame Kundenansprache zu ermöglichen. Im Travel Bereich funktioniert das Zusammenspiel von Reiseveranstalter, Reisebüro und Mietwagenfirma schon sehr gut.  Da geht es natürlich zum einen um Synergien mit unserem TV-Mutterkonzern, darüber hinaus bieten wir als Investor aber noch einen umfangreichen Instrumenten-Baukasten an: Marketing-Services, Marketing-Mix, E-Commerce-Know-how, Pricing-Politik bis hin zur Gestaltung der Prozesse und Technik. Natürlich lassen sich auch bei IT-Infrastruktur, Software, Distribution und Lagerhaltung gemeinsame Spielfelder finden.

Das Vorurteil, ProSiebenSat.1 stärke Startups nur, um die eigenen Werbeplätze zu füllen, ist also passé?

Claas van Delden: Ja, absolut TV ist unser höchstes Gut – warum sollten wir das verschleudern? Natürlich nutzen wir  unser Werbeplatz-Inventar, um Unternehmen aufzubauen -  aber ganz klar datenbasiert unter Effizienzgesichtspunkten. Bei 7Commerce sind wir vor allem an einem langfristigen Markenaufbau interessiert, nicht nur weil wir in der Regel die Mehrheit am Unternehmen halten, .sondern weil wir ja auch an den Mehrumsätzen partizipieren. Und das funktioniert am besten mit TV.

Was spricht dafür, in den jeweiligen Unternehmen die Mehrheit zu übernehmen?

Claas van Delden: Grundsätzlich verstehen wir uns als Growth Enabler und wollen das Unternehmen eine Zeit lang zusammen mit dem Gründer erfolgreich weiterentwickeln. Doch wenn wir langfristig Synergien schaffen wollen, gelingt das mit einer Minderheitsbeteiligung nur schwerlich. 

Stichwort Synergien. Im Travelbereich sind die einleuchtend. Im Beauty-Segment vielleicht auch noch im rückwärtigen Bereich. Doch für das Zusammenspiel von Amorelie (Sexspielzeug), Valmano (Uhren), Flaconi (Parfum) und Brille24 in Richtung Kunde fehlt mir ein wenig die Phantasie.

Claas van Delden: Natürlich sind die Synergien bei Beauty&Accessories eher im Prozess-Know-how und im E-Commerce-Knowhow zu finden. Aber allein dadurch stehen die Unternehmen schon auf einer breiteren Basis, als wenn sie als Einzelkämpfer agieren müssten. Sie täuschen sich aber, wenn Sie glauben, dass die Zielgruppen bei Beauty&Accessories nicht nahe beieinander liegen. Beispielsweise gibt es im Bereich Cross-Selling synergetische Chancen. Darüber denken wir übrigens nicht nur innerhalb der jeweiligen Cluster nach, sondern suchen auch übergreifende Anknüpfungspunkte.

"Es gibt im Bereich Cross-Selling synergetische Chancen. Darüber denken wir nicht nur innerhalb der jeweiligen Cluster nach, sondern suchen auch übergreifende Anknüpfungspunkte."


Ein Beispiel bitte.

Claas van Delden: Bei mydays verkaufen wir vor allem Erlebnis-Gutscheine. Viele dieser Einkäufe sind Geschenke. Was tun, wenn der Kunde nicht das Passende findet? Dann könnte man ihm doch alternativ auch ein Parfum oder ein personalisierbares Schmuckstück anbieten.

Hoffen Sie eigentlich darauf, dass zwischen all den Beteiligungen das nächste Zalando heranwächst, oder haben Sie eher das große Ganze des Clusters im Blick?

Claas van Delden: Unser Blick ist auf das gesamte Cluster gerichtet. Jedes soll eine kritische Größe erreichen, die bei rund 100 Millionen Euro Umsatz liegt. Damit können wir weiter wachsen. Wie viele Bausteine wir dafür brauchen, werden wir sehen.

Im Bereich Home & Living gibt es bislang nur die Meta-Suche Moebel.de. Das kann Sie auf Dauer nicht zufrieden stellen?

Claas van Delden: Da halten wir weiterhin die Augen auf.

"Wir erschließen bevorzugt Bereiche, die wir als Nischen gegen die großen Anbieter verteidigen können."


Was sind die Kriterien?

Claas van Delden: Eine Frage, die wir uns zunächst immer stellen ist, wie die Zielgruppen der Unternehmen zu den Zielgruppen unserer Sender passen. Das ist bei jeder Investition relevant.
Wir erschließen zudem bevorzugt Bereiche, die wir als Nischen gegen die großen Anbieter verteidigen können. Wir möchten aber auch nicht in einer Mini-Nische unterwegs sein. Da gibt es durchaus spannende Kandidaten im Bereich Home & Living. Moebel.de ist da als Meta-Suche ein gutes Fundament.

An Anbietern großer Schrankwände wie Home24 dürften Sie dabei weniger Interesse haben. Denn Sie scheinen sich nur bei Firmen einzukaufen, die „Light Assets“ anbieten – also Produkte oder Services, die keine allzu aufwendige Lagerhaltung oder Logistik erfordern?

Claas van Delden: Richtig. Wir achten darauf, dass die Unternehmen geringere Anforderungen an Kapitalinvestitionen, Anlagevermögen und Warenausstattung haben.

Wie halten Sie es mit der Internationalisierung?

Claas van Delden: Dieses Thema wird immer relevanter. ProSiebenSat.1 hat eine internationale Media-Allianz mit sechs führenden TV-Häusern in Europa ins Leben gerufen, mit der wir die Expansions-Logik weiter vorantreiben. Wir schauen genau hin, welche Beteiligungen sich eignen, sie  im Ausland  zu etablieren.

Rocket Internet wirft sich gerade massiv in den Bereich ortsnaher Logistikanbieter und Serviceplattformen. Kein Thema für Sie?

Claas van Delden: Das beobachten wir eher unter der Venture-Brille. Für strategische Investments ist das Segment noch zu jung.