Die Bilder gleichen sich, der Tarifstreit zwischen Verdi und Amazon verschärft sich im Weihnachtsgeschäft. Die Gewerkschaft reklamiert für sich, dass die Streiks Wirkung zeigen. Der Versandhändler erwidert: Die Proteste verpuffen.

Das Duell der Gewerkschaft Verdi mit dem Branchen-Riesen Amazon - es hat etwas von "Dinner for One". An Silvester läuft der bekannte Sketch wieder im Fernsehen. Aber schon jetzt gilt abgewandelt mit Blick auf den Tarifstreit: Die selbe Prozedur wie im vergangenen Jahr. Wieder läuft das Weihnachtsgeschäft, wieder wird beim weltgrößten Versandhändler gestreikt - und wieder betont Amazon: Die Proteste verpuffen, die Bestellungen werden pünktlich abgearbeitet. Die Kunden sollen sich keine Gedanken zu machen. Das Lieferversprechen wird eingehalten.

Genauso so eisig wie das Wetter ist der Umgang von Amazon und Verdi miteinander. Der Tarifkonflikt ist seit langem festgefahren. Eine Lösung scheint nicht in Sicht, ohne dass eine Partei ihr Gesicht verliert und ein Scheitern eingestehen muss. Verdi fordert Amazon zu Tarifgesprächen unter den Bedingungen des Einzelhandels auf. Amazon sieht sich als Logistikunternehmen und verweigert Zugeständnisse.

Deswegen kommt es seit Mai 2013 immer wieder zu Streiks; am Montag mal wieder am größten deutschen Standort in Bad Hersfeld sowie in Leipzig.

In diesem Jahr wird an sechs Standorten gestreikt

Waren es im Dezember 2013 bis zu drei Streikstandorte, sind es mittlerweile sechs - mit steigender Tendenz. "Wir erzielen Wirkung. Wir werden keine Ruhe geben, solange wir keinen Tarifvertrag haben", sagt Verdi-Sprecherin Eva Völpel. Die hessische Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke ergänzt: "Wir brauchen einen langen Atem und sind auf einem erfolgreichen Weg." Sie sehe auch keine sinkende Streikbereitschaft bei den Beschäftigten.

Dabei könnten die Rückmeldungen von Amazon tatsächlich demoralisierend auf die Streikenden wirken. Denn immer wieder beteuert das Unternehmen, dass die große Mehrheit der Beschäftigten sich nicht am Streik beteilige.

Amazon verweist zunehmend auf sein großes Logistik-Netzwerk in Europa. Es ist auf 28 Standorte angewachsen, neue Versandlager sind etwa in Polen entstanden. Und deswegen könne Amazon die Streiks mehr oder minder problemlos kompensieren, erklärt Amazon-Sprecherin Anette Nachbar. Auch Robert Gottfried Marhan, der Standortleiter des größten Versandzentrums in Bad Hersfeld, sagt: "Streiks sind ein Szenario, auf das wir vorbereitet sind."

Niedriger Lohn, hoher Krankenstand

Doch es geht nicht nur um den Lohn, Verdi legt in dem Konflikt nochmal nach. Die Zeitung "Welt" berichtet über einen vergleichsweise hohen Krankenstand bei den Mitarbeitern bundesweit. Eine Umfrage bei Gewerkschaftssekretären und Betriebsräten an sieben von acht Standorten habe ergeben: Der Krankenstand liege nirgendwo unter elf Prozent.

Zum Vergleich führt die "Welt" an: Im vergangenen Jahr lag der Krankenstand im Schnitt in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei 3,8 Prozent. Bei DHL, einem Unternehmen, bei dem ebenfalls Pakete verschickt werden, lag die Quote dem Bericht zufolge bei 8,4 Prozent. "Die hohen Krankenstände bei Amazon sind absolut inakzeptabel", sagt Stefanie Nutzenberger., im Verdi-Bundesvorstand zuständig für den Handel. Die Gewerkschaft führt den Krankenstand auf die "hohe Arbeitsbelastung" bei Amazon zurück.

Amazon-Sprecherin Anette Nachbar hält dagegen: "Der von der Gewerkschaft genannte Krankenstand ist falsch." Die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter genieße bei Amazon einen sehr hohen Stellenwert. "Wir verwahren uns dagegen, dass die Arbeit in unseren Logistikzentren krank macht."