In Berlin spricht er mit Angela Merkel und Sigmar Gabriel, im Westerwald mit seinen Kunden. Der Handel sprach mit dem HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.

Herr Sanktjohanser, Ihre Familie betreibt in Ihrem Heimatort die Petz Rewe GmbH, zu der bald 33 Rewe-Märkte gehören. Wie oft verschlägt es den HDE-Präsidenten nach Wissen im Westerwald?

In den besten Zeiten passiert es schon zwei- bis dreimal in der Woche, dass ich dort in meinem kleinen Büro arbeite. Dann bin ich nicht der HDE-Präsident, sondern ein Unternehmer und Händler.

Wie nennen die Westerwälder Ihre Läden, wenn sie dort einkaufen: Petz oder Rewe XL, wie Ihre Märkte heute offiziell heißen?

Viele sagen aus alter Tradition noch Petz.

War es damals schwer, den Namen des Familienbetriebes in der Rewe aufgehen zu lassen?

Es gab schon Diskussionen bei uns zu Hause, alle hatten ja eine hohe Identifikation mit dem Namen. Auch die Mitarbeiter waren skeptisch. Aber mein Bruder und ich haben das damals durchgezogen – es war eine phänomenale Entscheidung. Denn wir gehören seitdem zu der großen Rewe-Vertriebsmarke.

Was kann ein Wissener Einzelhändler vom HDE-Präsidenten lernen – und umgekehrt?

Der Händler kann lernen, wie man mit einer klugen Investition in ein Objekt in der richtigen Lage ein kundenorientiertes Geschäft erfolgreich betreibt. Er ist als Unternehmer gefragt. Er darf nicht warten, bis ihm von politischer Seite geholfen wird.

Weil es Ihre Familie auch selbst ohne politische Hilfe geschafft hat?

So war das in unserer Familie auch, als mein Vater 1968 loslegte. Seinerzeit wurde das ganze Familienvermögen ins Unternehmen investiert. Damals eröffneten wir im November, damit fielen die Weihnachtsgeschenke zu Hause aus. Stattdessen sagte mein Vater: Wenn wir in der zweiten Woche über 100.000 D-Mark Umsatz machen, sind wir durch.

Hat er dieses ehrgeizige Ziel erreicht?

Ja, es ging steil nach oben.

Was lernt nun der HDE-Präsident von der Basis?

Die Leidenschaft, den Kunden Waren zu verkaufen.


Die Handelsbranche erlebt den größten Strukturwandel seit Einführung der Selbstbedienung. Wie haben Sie sich an diese Umwälzung angepasst?

Als HDE-Präsident vertrete ich die Interessen aller Vertriebskanäle des Handels. Mein Credo ist, keine Schutzzäune bauen, sondern faire Wettbewerbsbedingungen für alle.

Musste nicht erst im HDE ein Bewusstsein entstehen, dass der Onlinehandel kein Feind ist?


Das ist längst kein Thema mehr: Jeder dritte stationäre Händler hat bereits ein zweites Standbein im Onlinehandel.

Kaufen Sie eigentlich auch bei Amazon?

Ich kaufe gelegentlich im Internet, und ich informiere mich dort – aber bei Amazon habe ich noch nie etwas bestellt.

Warum nicht?

Das Unternehmen ist als Geschäftsmodell erfolgreich, davor habe ich Hochachtung. Trotzdem habe ich Probleme, wenn es im Wettbewerb nicht fair zugeht. Da bin ich konservativ und sage, dass unsere mittelständische inhabergeführte Unternehmenskultur fühlbar nachhaltiger ist, sie ist nicht rein finanzgetrieben. Deswegen arbeite ich in politischen Gremien, weil mir diese Werte wichtig sind.

Amazon will sich noch ausdehnen, auch in den Online-Lebensmittelhandel. Wie sehen Sie das?

Sie werden auf diesem Feld nach meiner Einschätzung nicht so schnell erfolgreich sein. Rewe etwa ist hier enorm aktiv. Wir sind national verbreitet, haben die Produkte, kennen die Kunden und sind als Marke populär. Da muss es schon mit dem Teufel zugehen, wenn ein reiner Online-Player uns in unserem Stammmarkt überholt.

Der Onlinehandel wächst stetig. Wie rettet man den Handel in den Innenstädten?

Immobilienentwicklung ist fast das einzige Rezept gegen die Verödung. Es geht darum, dass frei werdende Objekte oder Grundstücke in Innenstadtlagen, etwa aus der Industrie, wieder dem Handel zugeführt werden. Genau das praktizieren wir in unserem Familienunternehmen. Immobilienentwicklung wird zudem durch die historisch niedrigen Zinsen begünstigt. Nie war es leichter, an Geld zu kommen. Es ist gut, wenn die Immobilien in die Hände der Händler kommen, die können viel mehr daraus machen.

Früher galt für Händler die Devise: Bloß nicht in Steine investieren. Stimmt das heute nicht mehr?

Das hat sich geändert, früher waren die Ressourcen der meisten Händler begrenzt, so dass nicht in Immobilien, sondern mehr in die Einrichtung investiert wurde. Inzwischen gibt es eine Rückkehr, vor allem bei den großen Ketten. Auch wir haben heute im eigenen Unternehmen mit dem Joint Venture-Partner Rewe zwei Drittel der Objekte in eigener Verfügung. Billiges Geld verstärkt diesen Trend.


Der HDE rechnet mit der Schließung von 50.000 Standorten – wegen Finanzierungsproblemen?

Nein, das erfahren wir durch unsere regelmäßigen Umfragen unter Händlern. Vielmehr macht der Branche zu schaffen, dass zu kleine Ladeneinheiten zu geringe Erträge bringen. Dagegen erzielen die großen Filialisten enorme Skaleneffekte. Das ist bitter, aber ein ökonomisches Gesetz. Man kann beklagen, dass sich dadurch die Innenstädte immer mehr gleichen. Doch der Kunde hat sich entschieden, seinen Eigennutz zu mehren, und nicht den des Händlers. Alle lieben Tante Emma, aber keiner geht hin.

Das klingt düster.

Wieso? Hier sind die Unternehmer gefordert, den Umbruch mitzugehen.

So etwas sagt sich leicht.

Es gibt genügend Händler, auch in kleinen und mittleren Städten, die gerne ihre Flächen vergrößern würden, aber an bürokratischen Hindernissen wie dem Baurecht verzweifeln – selbst ein handelsfreundlicher Bürgermeister ist oft machtlos.

Öffnen sich seit Ihrem Einzug ins Präsidium der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände neue Türen?

Ja, der Einzelhandel gestaltet jetzt in der ersten Reihe der wirtschaftspolitischen Interessenvertretung mit. Schließlich erwirtschaftet die Branche 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mit drei Millionen Beschäftigen sind wir drittgrößter Arbeitgeber in Deutschland. Makroökonomisch gesehen sind wir eine tragende Säule, die Bedeutung der Branche nimmt auch noch weiter zu.

Werden Sie von der Politik gehört?

Sicher! Beim Energiedienstleistungsgesetz konnten wir Mehrbelastungen in zweistelliger Millionenhöhe von den Unternehmen abwenden. Wir konnten zur Verhinderung der Arbeitsstättenregelung beitragen, die hohe Kosten und regulatorische Belastungen nach sich gezogen hätte. Auch kommt in der Politik an, dass wir uns für nachhaltige Wertschöpfungsketten engagieren, wie beim Textilbündnis.

Zur Rettung der Städte: Gibt es erste Ergebnisse in der "Dialogplattform Einzelhandel"?

Wir brauchen eine Allianz für die Innenstadt. Am 13.April wird in Hannover die Auftaktveranstaltung stattfinden für die Kampagne "Neue Allianzen für die Innenstädte". Hier arbeiten wir mit dem Städte- und Gemeindebund zusammen. Die Kampagne soll dann in allen Bundesländern laufen. Zum lebendigen Handel gehört gutes Personal. Dieses zu finden, tut sich die Branche schwer.

Unangefochten ist der Handel beliebtester Ausbilder. Aber wir müssen Arbeitsleistung mehr honorieren und den Service im Einzelhandel wertiger gestalten.

Schauen wir in Ihre Heimat Wissen: Kommen dort Impulse zur Belebung der Innenstadt an?

Fast wie ein Missionar treibt mein Bruder das Konzept „Neue Mitte Wissen“ voran, ich unterstütze ihn. Wir wollen einen Stadtkern schaffen. Das braucht Zeit, aber wir schärfen das öffentliche Bewusstsein.

Petz hat kein Nachfolgeproblem, Ihre Kinder arbeiten im Unternehmen. Bei anderen Händlern zieht der Nachwuchs nicht mit. Was raten Sie?

Wenn ein Kaufmann seinen Kindern vermittelt, dass der Beruf attraktiv ist und man als Unternehmer viel gestalten kann, dann werden die Kinder das auch machen. Beim Ladensterben haben vor allem Betriebe in strukturschwachen Regionen Probleme.

Was raten Sie den Händlern noch?

Ich sage allen Händlern, sie müssen die Chancen der Digitalisierung ergreifen. Wer im Netz nicht präsent ist, fällt hinten runter. Das ist die Kehrseite einer Wettbewerbsgesellschaft. Hier kann und würde der HDE nicht eingreifen. Der Handel ist eine Branche, die die Grundsätze der Marktwirtschaft am saubersten denkt. Wir sind die Puristen des Wettbewerbs.

Andreas Chwallek/Steffen Gerth

Das Interview ist in Der Handel erschienen. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier. Lesen Sie Der Handel auch auf dem iPad.


Zur Person

Die Kraft von Wissen

Wer in Wissen angekommen ist, hat einen langen Weg hinter sich. Er führt durch enge Kurven und über die Berge des Westerwaldes. Jeder Kilometer führt den Reisenden weg von der großen Welt. 8.100 Menschen leben heute in Wissen, die Stadt hat ihre besten Zeiten als Industriestandort hinter sich, aber es gibt immer noch Spuren aus dieser Epoche.

Dort, wo heute der Rewe Markt von Josef Sanktjohanser steht, war früher eine Ziegelei. Nebenan liegt die Zentrale der Petz GmbH, an der die Rewe mit 50 Prozent kapitalmäßig beteiligt ist. Geführt wird das Unternehmen von der Familie Sanktjohanser. 32 Märkte gehören zu Petz, Nummer 33 wird derzeit in Westerburg gebaut.

Seit zehn Jahren ist Josef Sanktjohanser Präsident beim Handelsverband Deutschland. Doch gerne spricht er auch über Lokalpatriotismus und über Verantwortung gegenüber der Region, aus der er stammt. "Wir haben unsere Heimat immer als unser Kraftzentrum bezeichnet." Während er in Berlin auf dem großen Parkett der Bundes- und Wirtschaftspolitik unterwegs ist, wird er zu Hause zum Rewe-Manager – seine Heimatstadt Wissen war und ist die Aufladestation seiner Batterie. Doch auch hier ruht er nicht.

Was kaum jemand weiß: Seit vielen Jahren ist Sanktjohanser Teilhaber an einer Wissener Fabrik, die Maschinen für Widerstandsschweißen herstellt. Der Betrieb stand einst vor dem Aus, eine Handvoll Wissener Geschäftsleute rettete das Unternehmen mit heute 150 Mitarbeitern quasi per Biertischentscheidung. Im September wird Sanktjohanser 66 Jahre alt – er könnte in Rente gehen. Auf keinen Fall. "Mich treibt die Neugier", sagt er. Immer auf der Suche, stets voller Energie, Neues zu gestalten. In der großen Welt des deutschen Einzelhandels, und daheim, in seiner Heimat Wissen.

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