Alnatura fliegt bei dm aus den Regalen - daran hat der Bickenbacher Biohändler zu knabbern. Trotzdem war das abgelaufene Geschäftsjahr wieder gut. Damit es auch so bleibt, bindet sich das Unternehmen an neue Kooperationspartner.

Seitdem Thomas Tuchel bei Borussia Dortmund Trainer ist, spielt die Mannschaft nicht nur wieder guten Fußball. Auch in Ernährungsfragen geht der Bundesligaverein neue Wege. Gesunde Kost steht auf dem Speiseplan. Und dazu gehört Reiseverpflegung von Alnatura. Bestellt werden die Energieriegel im Webshop des Bickenbacher Produzenten und Händler von Biolebensmitteln. So gesehen war der im April erfolgte Einstieg des Unternehmens in den Onlinehandel lohnend.

Das große Geld verdient Alnatura im Netz noch nicht, rund 950 Produkte sind aktuell im Webshop verfügbar (1.250 eigene Produkte hat das Gesamtsortiment), im ersten Onlinemonat lag der Umsatz bei 180.000 Euro. Aktuell wachse man monatlich um die 20 Prozent, erklärte Unternehmensgründer und -chef Götz Rehn an diesem Donnerstag, als er in Frankfurt über das abgelaufene Geschäftsjahr berichtete (Stichtag 30. September).

Künftig eine 3D-Optik im Webshop

Das Unternehmen begreift die digitale Welt als eigenständigen Vertriebskanal, nicht als erweitertes stationäres Geschäft. "Wir werden neue Wege gehen", sagte Rehn. So soll es ab 2016 einen Webauftritt mit einer dreidimensionalen Ansicht der Produkte sowie einer Filiale geben. Das Geschäft im E-Commerce betreibt das Unternehmen in Kooperation mit dem Onlinehändler Gourmondo.

Alnatura versucht sich neu zu erfinden - notgedrungen. "Wenn Einschnitte stattfinden, geht ein Ruck durch die Organisation", hatte Rehn jüngst dem "Handelsblatt" gesagt. Dieser Einschnitt ist die schrittweise Auslistung beim jahrelangen Kooperationspartner dm-Drogeriemarkt, der künftig auf eine eigene Bio-Marke setzen will.

In Spitzenzeiten erzielte Alnatura über den Vertrieb bei dm ein Drittel des Gesamtumsatzes, sagte Rehn. In der Branche wird geraunt, dass dieser Anteil sogar noch höher gewesen sein soll. Wieviele Alnatura-Produkte derzeit noch in den dm-Regalen stehen, vermochte Rehn nicht zu sagen, etwa 600 dürften es sein.

Flächenwachstum? Wird nicht verraten

Alnatura ist bemüht, den Verlust des bisher größten Umsatzbringers zu kompensieren. Auch im Geschäftsjahr 2014/15 (Stichtag 30. September) war das Bickenbacher Unternehmen gewohnt stark, wenngleich die Steigerung "etwas weniger als sonst war", wie Rehn einräumte. Trotzdem stieg der Umsatz seines Unternehmens im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent auf 760 Millionen Euro - der Gesamtmarkt wuchs 2014 um knapp 5 Prozent auf 7,91 Milliraden Euro.

Was das Umsatzplus für Alnatura flächenbereinigt bedeutet, verriet Rehn ebensowenig, wie er Angaben zum Gewinn machte. Immerhin betonte der Firmenchef, "dass man auch auf der Fläche wachsen muss, wenn man überleben will".

Umso mehr redete er über das Fundament des Unternehmens, das er "auf mehr Beine" stellen will. Heißt: Der Verlust durch dm muss durch mehrere Kooperationspartner ausgeglichen werden. Der prominenteste ist Edeka, seit einigen Wochen werden in rund 2.000 Märkten Alnatura-Produkte angeboten. Für die Bickenbacher bedeutet diese Kooperation mit dem Lebensmittelhändler ein anderes Arbeiten, schließlich hat man es nun mit eigenständigen Kaufleuten zu tun. dm ist ja ein Filialsystem.

Es geht in den Norden - und in den Osten

Weitere neue Vertriebspartner sind Coop Kiel, die ab Ende November in rund 200 Sky-Märkten in Norddeutschland Alnatura-Produkte anbieten wird. Zudem läuft seit Sommer eine Zusammenarbeit mit den österreichischen Ketten Billa, Merkur, Mpreis und Sutterlütly mit insgesamt 1.400 Verkaufsstellen. Insgesamt sind Alnatura-Produkte nun in 7.500 Verkaufsstellen zu haben, doppelt so viele im Vergleich zum Jahresanfang.

Generell sieht Rehn in Österreich und der Schweiz zukunftsträchtige Märkte. Ziel ist, "möglichst vielen Kunden ein Alnatura-Angebot zur Verfügung zu stellen". Auf 1.320 eigene Produkte soll in diesem Geschäftsjahr das Sortiment anwachsen.

Daher will das Unternehmen auch mit eigenen Läden wachsen, und zwar schnell, wie es Rehn formulierte. Aktuell gibt es 98 so genannte Supernaturmärkte in 45 Städten - auf 109 Filialen soll das Netz im Geschäftsjahr 2015/16 anwachsen. Erstmals steht dabei auch der Osten Deutschlands auf der Expansionsliste - so ist für Potsdam der erste Markt dort geplant. In Leipzig und Dresden sollen weitere folgen. "Wir suchen Standorte", beschrieb Rehn sein Ost-Engagement.

Eine Veränderung des Unternehmens zieht sich allerdings noch hin: der Umzug von der mittlerweile zu kleinen Zentrale in Bickenbach an der Bergstraße ins gut 15 Kilometer entfernte Darmstadt auf ein ehemaliges Kasernengelände. Wegen der speziellen Bauproblematik dort könne man frühestens April/ Mai 2016 beginnen, das geplante Hauptquartier zu errichten, sagte Rehn. Wenn das nach ökologischen Maßstäben konzipierte Haus fertig ist, sollen dort 500 Menschen Platz finden. Aktuell arbeiten in Bickenbach etwa 370 Beschäftigte, insgesamt beschäftigt Alnatura 2.530 Mitarbeiter.