Zu viel Ware, zu viel Fläche, zu starke Onlinekonkurrenz. Der Modehandel ist eine Krisenbranche. Aktuell kämpfen Wöhrl und SinnLeffers ums Überleben - und es werden weitere Unternehmen folgen, sagen Experten vorher.

Gerry Weber, Hugo Boss, Tom Tailor. Und jetzt Wöhrl mit der insolventen Tochter SinnLeffers - der deutsche Modehandel steckt in einer tiefen Krise. Es gibt kaum Anzeichen der Besserung, im Gegenteil. "Einige textile Einzelhändler hängen am seidenen Faden", sagt der Deutschland-Chef des Warenkreditversicherers Euler Hermes, Ron van het Hof. "Das werden deshalb vermutlich nicht die letzten Insolvenzen gewesen sein."

So eine relativ deutliche Aussage ist für Euler Hermes, einen der Hauptgläubiger des ehemaligen Drogeriehandelsunternehmens Schlecker, erstaunlich. Meist wird sich zu einzelnen Branchen eher zurückhaltend geäußert. Etwa so: "Insgesamt steht der Bereich Mode und Textil vor großen Herausforderungen", sagte Risikodirektor Ulrich Nöthel vor einer Weile zu Der Handel. "Um attraktiv zu sein, müssen Modeunternehmen schnell neue Sortimente bieten. Das gelingt einigen Unternehmen - und diese setzen dadurch den Rest der Branche unter Druck. Wenn die Ware dann aber nicht verkauft werden kann, weil der Winter zu warm oder der Sommer zu kalt ist, sind die Betriebe gefährdet, deren Bilanzen ohnehin schwach sind", so Nöthel weiter.

"Bekleidung wurde entwertet"

Ronny Krohn ist grundsätzlich ein Mann deutlicher Worte. Für ihn kommen die Krisenfälle Wöhrl und SinnLeffers keineswegs überraschend. Der Einzelhandelsexperte im Frankfurter Büro des weltweiten Immobiliendienstleisters Colliers hat den Textilhandel als Fachgebiet. "Bekleidung wurde über die Jahre entwertet", klagt der Immobilienexperte. Immer mehr Ware, billig in Fernost hergestellt, prasselt auf den Markt. Der Kunde wird zugeschüttet mit immer mehr Angeboten, immer mehr Kollektionen, immer mehr Marken. Einst bot H&M viel Mode für wenig Geld - mittlerweile hat Primark die Grenze noch weiter nach unten verschoben. 

"Der Druck auf die Gewinnspannen im Textilhandel wird immer größer", sagt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung. "Der stationäre Handel hat immense Kosten." Das sind immer mehr die Mieten, die immer mehr die bescheidenen Umsätze auffressen. Zusätzlich haben die stationären Läden mit dem Onlinehandel zu kämpfen. Nicht nur, weil dort die Kunden verstärkt einkaufen, sondern auch, weil das Netz Druck auf die Preise macht.

Zalando hat fast 20 Millionen Kunden

 
Für die stationären Händler rächt sich jetzt die intensive Expansion der Vergangenheit. Doch die Mieten sind zuletzt rasant gestiegen, die Umsätze aber gesunken. Das kann sich kaum noch rechnen. "In den Toplagen reichen die Flächenleistungen immerhin meist noch, um die Mieten zu zahlen", sagt Stumpf. Doch es gibt auch andere Beispiele: Im Spätsommer 2015 schloss der Münchner Laden der kalifornischen Modekette Forever21. Nach nur zwei Jahren. Für die 6.800 Quadratmeter Fläche in der Toplage Neuhauser Straße mussten die Amerikaner 700.000 Euro Monatsmiete zahlen. Für ein rentables Geschäft hätte man mehrere Millionen Euro im Monat umsetzen müssen – utopisch.

Filialen werden künstlich am Leben gehalten

Auch Gerry Weber muss sein Filialnetz drastisch verschlanken. Doch wie hält man Läden noch rentabel, angesichts der sich dramatisch verschlechternden Bedingungen? Für den Immobilienfachmann Ronny Krohn funktioniert das bei den Vertikalen über Querfinanzierung. Entweder alimentieren lukrative Filialen, etwa im Ausland, die schlechten. Oder die Defizite im eigenen Einzelhandelsgeschäft gleicht der Wholesale aus, also der Großhandel, indem etwa Warenhäuser beliefert werden.

Und wie machen es Multilabelhändler, vor allem die kleinen? "Die werden von den Herstellern künstlich beatmet", behauptet Colliers-Mann Krohn. Eine Maßnahme sei etwa, die Zahlungsziele so weit wie möglich zu verlängern. Überleben auf Pump wäre das. Ewig kann das nicht funktionieren. 

Für Euler Hermes steckt die Textilbranche mitten im Strukturwandel. Stagnierende Umsätze, geringe Margen, hoher Wettbewerbsdruck  und der "Gegner" Onlinehandel machen allen stationären Marktteilnehmern zu schaffen.

Der Sommer ist da - wenn der Schlussverkauf gelaufen ist

Da hilft auch nicht die andauernd gute Konsumlaune der Verbraucher. Denn was will man gegen Widrigkeiten machen wie das aktuell überraschend schöne Spätsommerwetter - Wochen, nachdem im Sommerschlussverkauf die leichte Kleidung verschleudert werden musste, weil es kühl war? 

Umverteilung von Marktanteilen zugunsten einiger großer, vertikal aufgestellter Unternehmen - so sieht Ronny Krohn die Veränderungen in der Branche. Und die Discounter drehen an diesem Rad mit, wie etwa Lidl mit einem Pop-up-Store in Hamburg oder Aldi Süd mit Mode der Designerin Jette Joop.

Euler Hermes ist immer wie ein Seismograph. Die Hamburger Kreditversicherer wissen genau, wo Risiken in einer Branche lauern, in diesem Fall Textil. Ron van het Hof sagt, dass die Ertragsprognose und Liquiditätsdecke bei einigen Firmen relativ gering, das Ausfallriskio in einigen Fällen wiederum hoch sei. "Insgesamt beobachten wir, dass die Bonität in der Branche im Durchschnitt abnimmt." Die nächsten Insolvenzfälle dürften nur eine Frage der Zeit sein.