Rote Zahlen hatte man erwartet, doch das Gegenteil ist der Fall. Amazon hat im zweiten Quartal einen ordentlichen Gewinn erzielt. Die Börse jubelt. Und der Onlinehandelsgigant gibt sich neuerdings weniger öffentlichkeitsscheu.

Amazon hat die Anleger mit einem überraschenden Quartalsgewinn begeistert. Die Aktie des weltgrößten Onlinehändlers schoss im nachbörslichen Handel um über 17 Prozent hoch. Amazon war im vergangenen Quartal nach einem Umsatzsprung von 20 Prozent in die Gewinnzone zurückgekehrt. Die Analysten hatten eher wieder rote Zahlen erwartet. Mit dem nachbörslichen Kurssprung überholte Amazon beim Börsenwert erstmals den amerikanischen Supermarkt-Riesen Wal-Mart, der allerdings immer noch etwa fünf Mal mehr Umsatz macht.

Beeindruckend war vor allem die Entwicklung im Cloud-Geschäft, das Rechenleistung auf Amazon-Servern für Startups und etablierte Unternehmen anbietet. Der Umsatz des Bereichs schoss im Jahresvergleich um über 80 Prozent auf 1,82 Milliarden Dollar (1,66 Milliarden Euro) hoch. Der operative Gewinn sprang von 77 auf 391 Millionen Dollar (324 Millionen Euro).

Cloud-Geschäft brummt

Amazon legt erst seit Anfang des Jahres Zahlen für sein Cloud-Geschäft vor. Schon im ersten Quartal gab es einen operativen Gewinn von 256 Millionen Dollar (233 Millionen Euro), während Analysten zuvor daran zweifelten, ob der Bereich angesichts des scharfen Wettbewerbs mit Rivalen wie Google und Microsoft überhaupt Profite abwirft.

Insgesamt verdiente Amazon von April bis Juni 92 Millionen Dollar. Im Vierteljahr davor hatte der Konzern noch 57 Millionen Dollar verloren und im Vorjahresquartal 126 Millionen Dollar.

Firmengründer Jeff Bezos war bisher dafür bekannt, das verdiente Geld schnell wieder in den Ausbau des Geschäfts zu investieren. Die Anleger gewöhnten sich daher an bestenfalls schmale Gewinne, auch wenn sie schwache Quartale immer wieder mal mit Kursabschlägen abstraften.

Fast 40 Prozent mehr Mitarbeiter

Jetzt übertrafen die Ergebnisse die Erwartungen der Analysten deutlich. Ein Grund war, dass die Kosten langsamer wuchsen als die Einnahmen. Amazon braucht unter anderem viel Geld für die Logistik-Infrastruktur. Im vergangenen Jahr hatte zudem der Flop des ersten eigenen Smartphones Fire Phone die Bilanz belastet.

Die Mitarbeiterzahl stieg binnen eines Jahres um 38 Prozent auf 183.100 Beschäftigte, allein in den vergangenen drei Monaten kamen rund 18.000 Mitarbeiter hinzu. Unter anderem brauche Amazon mehr Leute für Lager und Call Center, wie Finanzchef Brian Olsavsky in einer Telefonkonferenz mit Analysten sagte. Unterdessen treibe der Konzern auch den Einsatz von Roboter in seinen Logistik-Zentren voran, was den Betrieb effizienter mache.

Amazon hat inzwischen 109 Logistikzentren weltweit. Man lege Wert darauf, die Waren näher bei den Kunden zu lagern, sagte Olsavsky. Ab diesen Freitag kann die Öffentlichkeit auch den größten deutschen Standort bei Bad Hersfeld besuchen. Bislang war dies nur in Graben (Bayern) und Koblenz (Rheinland-Pfalz) möglich. Nach den drei Städten soll das Programm auf weitere Standorte in Deutschland erweitert werden, wie eine Unternehmenssprecherin sagte.

"Prime Now" soll ausgebaut werden

Der Konzern arbeite auch weiter am Ausbau seines Angebots "Prime Now" mit Zustellung binnen einer Stunde, betonte Finanzchef Olsavsky. Der Angebotstag "Prime Day" vergangene Woche, habe einen Zustrom neuer Nutzer gebracht, sagte er. Bei der Aktion konnten Kunden nur dann Rabatte einstreichen, wenn sie ein kostenpflichtiges Abo für Amazons Prime-Service hatten. Es seien so viele Geräte verkauft worden wie an keinem anderen Tag bisher, erklärte Olsavsky, ohne Zahlen zu nennen.

Der Umsatz erreichte im vergangenen Quartal knapp 23,2 Milliarden Dollar, wie Amazon nach US-Börsenschluss am Donnerstag mitteilte. Im Heimatmarkt sprangen die Erlöse um ein Viertel auf knapp 13,8 Milliarden Dollar hoch. Das operative Ergebnis wurde mit 703 Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Im internationalen Geschäft gab es dagegen nur ein Umsatzplus von drei Prozent auf 7,56 Milliarden Dollar, der operative Verlust stieg von 2 auf 19 Millionen Dollar.

Die Auslandszahlen werden bei Umrechnung in die US-Währung vom starken Dollar-Kurs gedrückt. Ohne diesen Effekt wäre der internationale Umsatz um 22 Prozent gestiegen, sagte Olsavsky.