Amazon liefert den Echo Show ab morgen auch in Deutschland aus. Kritiker glauben, dass das Erfolgskonzept Echo mit immer mehr Produktvarianten verwässert wird. Dem Onlinehandel auf der Amazon-Plattform könnte das Gerät aber weiteren Schwung geben.

Der Echo Show ist jetzt auch in Deutschland erhältlich.
© Amazon
Der Echo Show ist jetzt auch in Deutschland erhältlich.
Bereits Ende Juni hat Amazon den Echo Show in den USA auf den Markt gebracht, nun ist es auch bei uns so weit. Ab dem 16. November gibt es die neueste Weiterentwicklung von Amazons smartem Lautsprecher hierzulande für 220 Euro zu kaufen.

Der Echo funktioniert wie die Echo-Lautsprecher als Schnittstelle zu Amazons sprechender Assistentin Alexa, verfügt aber zusätzlich über einen Bildschirm und eine integrierte Kamera. Beides erlaubt zahlreiche neue Funktionen wie den Zugriff auf Sicherheitskameras. Auch um zu schauen, ob das Baby im Nebenzimmer noch schläft, muss sich der Nutzer künftig nicht mehr vom Sofa erheben. Alexa präsentiert Wettervorhersage, Einkaufs- und To-Do-Listen damit auch optisch und ermöglicht Videoanrufe mit anderen Echo-Show-Nutzern.

Ein Echo für jeden Geschmack

Mit dem Echo Show und seinem kleinen Bruder Echo Spot ist die Echo-Produktfamilie inzwischen auf sieben Produktvarianten gewachsen: Neben dem „normalen“ Echo sind das der Echo Dot für Sparbrötchen, Echo Look für Fashionistas, Echo Plus für Smart-Home-Junkies, Echo Connect, das ab 2018 aus dem Echo ein vollwertiges Telefon machen soll, und Echo Spot beziehungsweise Echo Show für den Videochat mit Oma und Opa.

Bei der wachsenden Palette stellt sich die Frage: Verzettelt sich Amazon hier vielleicht? Als Jeff Bezos den Echo Mitte 2015 vorstellte, war er etwas völlig Neuartiges und etablierte den neuen Markt der smarten Lautsprecher. Beim Echo Show werden nun Produktkategorien verwischt: Er ist eine Art Mischung aus Tablet und digitalem Assistenten. Songtexte bei Musikvideos mitlesen? Videotelefonie? Das geht auch mit Skype und Whatsapp. Und Tablets besitzt inzwischen fast jeder Haushalt. Da stellt sich dem geneigten Käufer schon die Frage, ob der Echo Show wirklich im Warenkorb landen muss.

Das neue Modell ist außerdem deutlich größer als der „Ur-Echo“. Das unauffällige Integrieren in die Wohnumgebung fällt damit deutlich schwerer. Außerdem macht es doch gerade den Reiz von Alexa aus, dass man sie auf Zuruf aktivieren kann. Zwar sorgen acht Mikrofone, Richtstrahltechnik und Geräuschunterdrückung dafür, dass auch der Echo Show auf Zuruf reagiert, aber um die Informationen am 7-Zoll-Display zu lesen, muss man eben doch davor stehen.
Der kleine Bruder des Echo Show: Echo Spot
© Amazon
Der kleine Bruder des Echo Show: Echo Spot

Amazon will den Fuß in die Tür kriegen

Der Echo gehört zu den erfolgreichsten Amazon-Produkten. Schätzungen zufolge hat der Onlineriese bislang rund 15 Millionen Stück verkauft, 10 Millionen allein 2017, auch wenn zur Erreichnung dieses Ziels der Preis für den Echo Dot im Sommer von 99 auf 49 Dollar fast halbiert wurde. Ob der Echo Show ähnliches Erfolgspotenzial hat, bleibt abzuwarten.

Dass Amazon nun für jedes Budget und jeden Benutzertyp einen eigenen Echo anbietet, mögen manche als „Verzettelung“ sehen, die Strategie dahinter ist jedoch klar: Amazon will Alexa möglichst schnell in möglichst vielen Haushalten als Betriebssystem des vernetzten Eigenheims etablieren. Denn: Die Konkurrenz, allen voran Google Home mit dem Google Assistant ist, schläft nicht. Während Amazons Echo dort mit 15 Millionen verkauften Einheiten die Nr. Eins bei smarten Lautsprechern ist, kommt das Google-Pendant mit immerhin auf 5 Millionen Nutzern auf ein Viertel des Marktes.

Und der Konkurrent macht Amazon das Leben schwer. So hat Google in den USA den Zugriff auf YouTube über Echo Show im September kurzerhand gesperrt. Ein harter Schlag, schließlich ist YouTube die größte Quelle für Kochvideos, Strickanleitungen oder Unterhaltungsvideos im Internet.

Bilder erleichtern Bestellungen

Für Amazon ist es nun umso wichtiger, seinen Vorsprung bei den Geräten auszubauen. Mit dem Echo hat man seinerseits die Konkurrenz unter Zugzwang gesetzt. So wollte Google ein ähnliches Gerät ursprünglich erst Mitte 2018 auf den Markt bringen, arbeitet wohl nun aber mit Hochdruck daran, dies noch in diesem Jahr hinzukriegen. Das Ziel ist klar: Wer erst den sprichwörtlichen Fuß in der Tür der Nutzerhaushalte hat, hat gewonnen. Nutzer, die sich erstmal an Alexa gewöhnt haben, werden sich nicht mehr so schnell umorientieren – und können von Amazon künftig gewinnbringend mit Updates, neuen Geräten und jeder Menge Prime-Medieninhalte versorgt werden.
Nicht zuletzt sorgt Alexa für zusätzliche Umsätze auf der Amazon-Plattform. Je näher Amazon am Kunden ist, desto mehr sinkt die Schwelle für Käufe im Onlineshop. Erhebungen zufolge bestellt in den USA schon jeder fünfte Nutzer über Alexa bei Amazon.com. Hier könnte der Echo Show mit dem Touchscreen zusätzliche Impulse setzen. Gegenüber der rein akkustischen Bestellung über den Echo könnten Produktabbildungen für viele Nutzer die Hemmschwelle für Bestellungen deutlich senken.
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