Dass die Buchbranche weltweit die Erfolge von Amazon nur mit einem säuerlichen Lächeln quittiert, ist hinlänglich bekannt. Während die Verlage naturgemäß wenig dagegen haben, wenn ein Händler ihre Produkte massenhaft unters Volk bringt, ist die eine Seite der Medaille. Dass der Erfolg von Amazon aber die traditionellen Absatzkanäle, und dort vor allem den Sortimentsbuchhandel, an den Rand der Existenz drängt, ist die andere Seite, die auch von den Verlagen mit Sorge betrachtet wird. Jetzt haben sich die Buch-Branchenverbände in Frankreich und Deutschland zu einem Angriff per Zangenbewegung auf den Riesen aus Seattle verständigt. Helfen soll unter anderem die EU-Kommission.

Schauen wir zunächst nach Deutschland: Seit 1998 ist Amazon hier unterwegs, nachdem das Unternehmen den ABC-Bücherdienst übernommen hatte. In diesen 15 Jahren hat der Konzern – dank geschickten Marketings, hervorragender Technik und sehr gutem Service seinen Anteil am Handel mit Büchern Jahr für Jahr gesteigert. Nach Amazon-Angaben kam das Unternehmen 2012 auf einen Umsatz mit Büchern von 1,8 Milliarden Euro – den Gesamtmarkt (Buchhandel und Verlage zusammengerechnet) beziffert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels für das gleiche Jahr auf rund 9,5 Milliarden Euro. Knapp 20 Prozent also laufen über Amazon – das ist eine Marke.


Die größten Konkurrenten sind weit abgeschlagen: Thalia kommt auf gut 900 Millionen Euro, DBH (das Gemeinschaftsunternehmen von Hugendubel und Weltbild) auf knapp 700 Millionen Euro. Schlimmer noch: Thalia und DBH kriseln mächtig vor sich hin, Standorte werden geschlossen, Flächen verkleinert. Der restliche Buchhandel, mit gut 4.000 Läden, kommt auf ungefähr zwei Milliarden Euro Jahresumsatz.

Für die Verlage ist der Umgang mit solch großen Handelspartnern schwierig: Hinter vorgehaltener Hand wird über alle drei Unternehmen heftig geklagt wegen hoher Rabattforderungen, heftigen Geldforderungen für vorteilhafte Platzierung im Laden und ähnliches.

Autist Amazon

Aber: vor allem die größeren Publikumsverlage sind der Kooperation mit diesen Partnern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, 60 Prozent oder mehr des Umsatzes werden mit diesen Händlern abgewickelt. Schon seit längerem warnt deshalb der Börsenverein vor einer allzu heftigen Liaison mit Amazon: Das Unternehmen bewege sich im Markt „wie ein Autist“, befand der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Alexander Skipis.

In Frankreich sieht die Sache kaum anders aus: Auch hier haben sich die nordamerikanischen Riesen wie Amazon, Google und Apple prächtig etabliert und erzielen, vor allem durch nicht-Buch-Verkäufe, einen Umsatz von wenigstens 2,2 Milliarden Euro. Anders als in Deutschland unterstützt die Regierung seit Jahren den unabhängigen Buchhandel, zuletzt wurde im Juni ein Förderprogramm aufgelegt. Genaue Zahlen für den französischen Buchmarkt gibt es nicht, allerdings dürfte, wenn man die aktuellen Daten des französischen Verlegerverbands SNE extrapoliert, das kombinierte Umsatzvolumen von Buchhandlungen und Verlagen etwa bei 6 Milliarden Euro zu veranschlagen sein.

Auch in Frankreich schwächeln die traditionellen Absatzkanäle; neben den etwa 3.000 unabhängigen Läden sind das größere Medienhändler. Virgin ging bereits in die Insolvenz, Fnac schwankt am Rande des Abgrunds, Châpitre will seine 56 Filialen so schnell wie möglich verkaufen oder dicht machen.

Kostenlose Lieferung untersagt

Was kann man tun? Unbestritten ist, dass ein dichtes Netz an stationären Buchhandlungen ein kaum zu überschätzendes Gut darstellt. Während die Bundesregierung dies in Sonntagsreden gerne bestätigt, aber keinerlei konkreten Bemühungen um den Erhalt dieses Netzes „geistiger Tankstellen“ (Helmut Schmidt) erkennen lässt, geht man in Frankreich gezielt vor. Gerade hat das französische Parlament einstimmig beschlossen, Amazon zu untersagen, seinen Kunden neben dem durch die dortige Buchpreisbindung erlaubten Maximalrabatt von 5 Prozent auch noch die kostenlose Belieferung anzubieten.

Hoffnung setzen der Börsenverein und die französischen Kollegen in die EU-Kommission und deren Netzpolitik-Agenda. Gemeinsam appelliert man an Brüssel, proprietäre Ökosysteme für E-Book-Reader zu untersagen, mit denen Amazon und Apple ihre Kunden an sich binden. Ob dieser Vorstoß bei der als hartleibig bekannten EU-Kommissarin Neelie Kroes allerdings Erfolg haben kann, ist eine andere Frage: Schon bei der Frage der Netzneutralität hat sie dafür gesorgt, dass der Weg in eine Zweiklassengesellschaft des Datenverkehrs geebnet werden kann – im Interesse der Großanbieter, gegen die Interessen der Verbraucher.

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