Die Schlagzeile ist angesichts der Logistik-Pläne von Amazon dieser Tage schnell gestrickt: Amazon sagt DHL und Co den Kampf an. Der Aufbau eines eigenen Zustelldienstes mag die Logistiker zwar schmerzen, doch wirklich toxisch wird die Amazon-Lieferflotte vor allem für den stationären Handel.


Fest steht: Amazon will sich von DHL, Hermes, UPS und Co emanzipieren. Das zeigen auch die Beteiligungen an den eher überschaubaren Logistikern Colis Privé in Frankreich und Yodel in UK. Bei Colis Privé erwartet nun die Seattle-Times,  dass Amazon seine 25%-Beteiligung an dem französischen Dienstleister aufstockt und das Unternehmen alsbald komplett übernimmt. Drängt Amazon also doch mit Verve ins Liefergeschäft, um den großen Logistikern mit einem eigenen Paketdienst den Schneid abzukaufen?

Fast hat es den Anschein. Die  Ankündigung, mit einer eigenen Frachtflugzeugflotte (20 Boeing 767) das Cargo-Geschäft mehr denn je in die eigene Hand zu nehmen, klingt wie eine globale Bedrohung.

Kontrolle und Flexibilität

Im Kern aber geht es Amazon nicht um ein neues Geschäftsfeld, sondern vor allem um die vollständige Kontrolle und ein Höchstmaß an Flexibilität. Will Amazon seine Markenversprechen halten, muss es einen Lieferservice aufbauen, der perfekt auf die eigenen Bedürfnisse (und die Bedürfnisse der Kunden) zugeschnitten ist und sich nicht mit Prozess-Hürden der großen Anbieter und deren Mängeln auf der letzten Meile abplagen muss.

Wenn nun Amazon hierzulande Verteilzentren in Großstadtnähe aufbaut und daher medial gerne einmal zum Post-Gegner stilisiert wird, dann geht es bei den Plänen vor allem darum, die Services Next Day - und Same Day-Delivery (in 14 Städten) sowie künftig Prime Now noch Metropolen-tauglicher und tempo-kompatibler zu machen. Den etablierten Anbietern traut Amazon das offenbar nicht so recht zu. Die aber dürften angesichts der Auftragsverluste zwar Schmerzen leiden, verlieren aber andererseits gerade im Same-Day-Geschäft einen auf Sicht nur schwer skalierbaren Teil des Kuchens. Zudem bleibt  ihnen ganz sicher noch das Amazon-Geschäft in dem längere Laufzeiten kein Problem sind und die Zielgebiete als weniger rentabel gelten. Fixkostendegression lautet da schlicht das Stichwort. „Qualitätseinbußen (längere Sendungslaufzeiten) werden dafür auch in Kauf genommen. Auch wenn Jeff Bezos mit seinem Mantra "Alles für den Kunden" gerne mal das Gegenteil propagiert“, schrieb etailment dazu schon 2013.

Notebooksbilliger kommt jetzt gratis am gleichen Abend

Schwerer wiegen die Folgen für den stationären Handel. Mit einem ohne Rücksicht auf eigene Verluste und lediglich auf Zuverlässigkeit und Schnelligkeit hin optimierten “eigenen“ Lieferdienst, rückt Amazon noch näher an den Kunden heran. Der klassische Handel, der sich zuletzt etwas auf seine Nähe, seine Click & Collect-Angebote,  vielfach eher versteckt (und teuer) angebotenen Same-Day-Delivery-Lösungen und seine Experimente mit Fahrradkurieren eingebildet hat, verliert durch die regionalen Verteilzentren seinen Zeitvorteil.  

Und: Weil die Eilzustellung für „Prime“-Kunden kostenfrei ist, erhöht der Online-Riese damit außerdem die Attraktivität seines Ökosystems. Da kann der stationäre Handel dann auch preislich bei der Express-Zustellung nicht mehr mithalten, wenn Amazon nach London und Mailand mit "Prime Now" die Lieferung binnen Stundenfrist auch hierzulande alsbald zum Prinzip erhebt. Man muss sich dazu nur die eine oder andere Jubelmeldung in sozialen Medien ansehen.
 

Anders gesagt: der stationäre Handel wird von Amazon gleich von zwei Seiten in die Zange genommen: beim Preis und bei der Exekution. Wozu noch Click & Collect, wozu noch Parkplatzsuche, wenn man das Paket genauso schnell bekommt und nicht mal mehr aus dem Haus muss - und Amazon schon geliefert hat, bevor der heimische Händler überhaupt ans Telefon gegangen ist.
Derlei schützt den Online-Giganten auch vor den Nadelstichen von Media-Saturn, dass die taggleiche Lieferung an rund 240 Media-Markt- und 155 Saturn-Standorten für 14,95 Euro verspricht. (Ohne Prime-Mitgliedschaft sind es bei Amazon 9,99 Euro) Auch Notebooksbilliger beliefert seit diesem Jahr zusammen mit NBB Kurier Kunden im Stadtgebiet Hannover mit einer Auswahl von über 10.000 Artikeln aus dem Zentrallager Laatzen noch am gleichen Abend. Gratis.

Lösung für den Verkehrsinfarkt

Amazon schaut mit seinen flexiblen, lokalisierten Lösungen zudem voraus, rüstet sich gegen den drohenden Verkehrsinfarkt in deutschen Städten und dürfte so auch gegenüber anderen Onlinehändlern im Vorteil sein. Während der Hermes-Wagen von Otto dann eines Tages womöglich noch verspätet auf dem Kölner Autobahn-Ring im Stau steht, schlängeln sich die Amazon-Kuriere dschon durch die Wohnviertel.  Verspätungen vermeiden, Zeitfenster einhalten -  das wird mehr denn je zum Asset, wenn die Straßen mit noch mehr Lieferwagen vollgestopft sind, weil sich die Paketzahl  pro Kopf von 12 (2012) bis 2018 auf 24 Päckchen pro Kopf verdoppeln wird, wie eine DHL-Prognose (Geschäftsbericht) wissen will.

Das Modellprojekt von Amazon im Verteilzentrum in Olching bei München, wo der Onlinehändler bereits seit Oktober vergangenen Jahres ein etwa 13.500 qm großes Verteilzentrum betreibt und dort die Zustellung der Pakete aus den Amazon-Logistikzentren an die Endkunden in München koordiniert, zeigt, dass es Amazon gar nicht um einen eigenen Paketdienst geht. In München arbeitet Amazon nämlich mit sechs Expressdienstleistern, darunter auch die Firma Liefery, zusammen. An dem einstigen Konzern-Start-up, das früher zur Lufthansa-Tochter time:matters gehörte, ist übrigens unter anderem die Hermes Logistik Gruppe mit 28,5 Prozent beteiligt.


Verteilzentren in City-Nähe


Liefery dürfte beinahe aus dem Stand auch eine Prime-Now Lieferung möglich machen.



City-Nähe ist angesichts des bevorstehenenden Staus im E-Commerce und mit Blick auf Prime Now gefragt. In Berlin soll sich Amazon eine 2500 qm große Fläche in einem Büro- und Einkaufskomplex unweit des Bahnhofs Zoo gesichert haben, die für logistische Zwecke genutzt werden soll. In Hamburg liebäugelte das Management mit einem Standort in Bahnhofsnähe in St.Georg bis Anwohner protestierten. Für Frankfurt-Fechenheim sucht Partner Liefery gerade für ab Mitte April nach Kurieren.

Das zeigt nochmals: Es geht Amazon nicht darum, ein eigenes Geschäftsmodell hochzuziehen, um DHL, Hermes und Co zu verdrängen. Es geht Jeff Bezos, und das ist zentraler Teil seiner Philosophie, vor allem um genügend qualifizierte und flexible Player, so etailment-Autor Karsten Werner, „mit denen man kooperieren, die man auslasten, preislich drücken und die man gegeneinander ausspielen kann. Heute und in naher Zukunft.“ Und es geht darum, den lokalen Handel überflüssig zu machen - im Zusammenspiel der lokalen Hubs, Same Day Delivery und Prime Now. Ach ja, es funktioniert: