Die schnelllebigen Börsianer können sich nicht mit der Strategie von Amazon anfreunden. Der Onlinehändler setzt auf Investionen, die langfristig die Kundenfreundlichkeit weiter verbessern wollen. Das betrifft auch die Logistik.

Amazon treibt sein Geschäft voran: Um die Menschen zum Einkaufen auf der Internetplattform zu bewegen, räumt der weltgrößte Einzelhändler satte Rabatte ein, gibt Millionen für Werbung aus und investiert kräftig in seine Auslieferungszentren. Das sorgt zwar für ein enormes Wachstum, nagt aber an den Gewinnen. Am Donnerstag, nach Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal, rutschte der Kurs der Aktie um fast 4 Prozent ab.

Seit nun 15 Jahren arbeite Amazon daran, den Service für die Kunden weiter zu verbessern, sagte Jeff Bezoz. "Und dieses Jahr ist keine Ausnahme." Der Umsatz legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 39 Prozent auf 7,6 Milliarden Dollar zu, der Gewinn hinkte hinterher mit einem Plus von 16 Prozent auf 231 Millionen Dollar.   

Noch mehr Lagerhäuser

Bereits im vorangegangenen Quartal hatten die Aktionäre Amazon dafür bestraft, dass der Händler in seinem Wachstumsdrang keine Kosten gescheut hatte. Die Aktie war am Tag der Zahlenvorlage noch drastischer als jetzt eingebrochen; Börsenkenner sprachen damals von einem "Schlachtfest".

Anders als die Anleger sei Amazon jetzt nicht enttäuscht, sagte Ralf Kleber, Geschäftsführer von Amazon Deutschland. "Es ist jedes Mal das gleiche: wir meinen es ernst. Wir wollen langfristig investieren."

Im abgelaufenen Quartal baute Amazon seinen Bestand an Lagerhäusern weltweit um zehn Standorte weiter aus, im laufenden Quartal sollen drei weitere hinzukommen. In Deutschland unterhält das Unternehmen insgesamt vier Zentren.

Aufgrund immer mehr Produktgruppen wie der sogenannten Weißen Ware (Waschmaschinen, Kühlschränke) oder moderner Fernseher sowie eines zunehmenden Geschäfts mit externen Händlern wachse der Bedarf an Versandfläche kontinuierlich, sagte Kleber. Allein in Deutschland sucht Amazon für das anstehende Weihnachtsgeschäft 6.000 Mitarbeiter.

Im Reinvestitionsmodus

Dieser Ausbau, kombiniert mit kräftigen Werbeausgaben und einem drastischen Preissturz beim Lesegerät Kindle hätten zeitweise die Gewinne gedrückt, sagte Fred Moran, Analyst bei Benchmark Co. in Florida, der Finanznachrichtenagentur "Bloomberg". "Das Unternehmen ist derzeit in einem Reinvestitionsmodus, der kurzfristig die Profitabilität belastet, um ein kräftiges Umsatzwachstum zu stärken."

Unter anderem bietet Amazon die neue Variante seines Verkaufsschlagers Kindle je nach Ausführung um rund ein Viertel billiger an als den Vorgänger, obwohl das Gerät leistungsfähiger ist. Der Kindle ist Amazons Lesegerät für elektronische Bücher und ab 139 Dollar plus Steuern zu haben. Der Markt der sogenannten E-Books wächst weiter rasant. Allerdings drückt sich das nicht im Absatz von Lesegeräten aus.

Kindle startet langsam, soll aber gewaltig kommen

Der Grund für den aggressiven Preis liegt in der starken Konkurrenz durch den Tablet-Computer iPad von Apple und das Lesegerät nook der führenden US-Buchhandelskette Barnes & Noble.

Erst am Donnerstag wurde bekannt, dass sich der Buchhändler mit dem Discount-Riesen Wal-Mart verbündet hat und dieser auch bald den nook anbietet. Die zweite große US-Buchhandelskette Borders greift zusätzlich mit dem Kobo zum Kampfpreis von 129,99 Dollar an.

Während sich in Deutschland Apples iPad derzeit eine beachtliche Fangemeinde im boomenden Markt der elektronischen Lesegeräte erobert, lässt sich Amazon erstaunlich viel Zeit. Der Kindle ist hierzulande weiterhin nur als Import aus den USA erhältlich. Inhalte gibt es bis auf weiteres nur in englischer Sprache - mit Ausnahme einiger weniger deutscher Magazin-Titel. Dennoch werde der Kindle "vermutlich das meistverkaufte Lesegerät in Deutschland", ist sich Kleber sicher. Der Marktstart in Deutschland sei nur eine Frage des Wann, nicht des Ob.

Staubsauger laufen besser als Bücher

Auch bei Elektronikartikeln vom Fernseher bis zum Staubsauger dreht Amazon an der Preisschraube. Damit macht Amazon schon längere Zeit mehr Geld als mit Büchern, CDs und DVDs. Schärfster Rivale ist hier der Online-Marktplatz Ebay. Nicht zuletzt durch die satten Rabatte war Amazon dem Konkurrenten ein ums andere Mal davongezogen. Um magere 3 Prozent war Ebays Marktplatz im vergangenen Quartal gewachsen.

Für Deutschland erwartet Kleber, dass zum Weihnachtsgeschäft wieder traditionell die Klassiker wie Elektronik-Artikel zu den Verkaufsschlagern gehören werden. Das zuletzt gestartete Geschäft mit Lebensmitteln sei zufriedenstellend angelaufen. "Das ist noch eine junge Kategorie, wir bauen das Angebot kontinuierlich aus."

Amazon war mit ambitionierten Plänen an den Start gegangen und bietet über Partner Waren aller Art bis hin zu Frischware an. Amazon befinde sich weiter in der intensiven Testphase, sagte Kleber. "Das Angebot wird aber auch künftig nicht den Gang in den Supermarkt komplett ersetzen."

Seit Anfang Juli verkauft Amazon Lebensmittel via Web. Bisher hat der Onlinehändler dafür aber wenig Lob einheimsen können. Die Stiftung Warentest etwa schrieb in ihrer Zeitschrift "Test", dass das große Sortiment lückenhaft und teilweise extravagant sei. Fachleute sagen dem Online-Verkauf von Lebensmitteln allerdings eine große Zukunft voraus.