Nachdem eine Fernseh-Dokumentation ein düsteres Bild vom Umgang mit Leiharbeitern bei Amazon zeichnete, will der Onlinehändler den Vorwürfen nun nachgehen.

Der Internet-Versandhändler Amazon steht nach einer ARD-Dokumentation über den Umgang mit Leiharbeitern erneut wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Logistikzentren in der Kritik.

Der am späten Mittwochabend ausgestrahlte Fernsehfilm zeigte unter anderem, wie Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die oft aus dem Ausland stammenden Leiharbeiter und das Film-Team bedrängten. Zudem wurde gezeigt, wie ausländische Zeitarbeitskräfte permanent kontrolliert und überwacht werden.

Auch die Gewerkschaft Verdi wirft dem Konzern seit längerem vor, gerade Saisonkräfte schlecht zu bezahlen und etwa mit strengen Kontrollen und Überwachung zu gängeln. Amazon selbst will die Vorwürfe nun prüfen.

Kaum Betriebsräte

Es ist nicht die erste Kritik an die Personalpolitik von Amazon. Nur an zwei von den acht Logistikzentren des Unternehmens gibt es bisher Betriebsräte. Im Lagerstandort Pforzheim ist Amazon in der Kritik, weil Saisonkräfte angeblich mit der Aussicht auf unbefristete Arbeitsverträge angeheuert wurden - ein Versprechen, das oft nicht eingelöst wurde.

Der Online-Riese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7.700 festangestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz.

"In der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein", teilte Amazon am Donnerstag in München auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. In Spitzenzeiten arbeite das Unternehmen mit Zeitarbeitsfirmen zusammen.

Im ersten Jahr verdienten Mitarbeiter einen Bruttostundenlohn von mehr als 9,30 Euro. Danach steige der Bruttolohn auf über 10 Euro. In der TV-Dokumentation wurde allerdings berichtet, dass die Zeitarbeitsfirma nur 8,52 Euro pro Stunde zahlt.

Zeitarbeiter in Ferienparks untergebracht

Der Amazon-Experte der Gewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, sagte, das Unternehmen werbe viele Zeitarbeiter mittlerweile im Ausland an, da in der Umgebung der Logistikzentren viele Arbeitskräfte bereits schlechte Erfahrungen gemacht hätten und nicht mehr dort arbeiten wollten.

Seinen Angaben zufolge setze Amazon in der Weihnachtszeit mehrere tausend Zeitarbeiter ein, die oft in der Umgebung in im Winter leerstehenden Ferienparks untergebracht würden. Manchmal seien kleine Bungalows mit bis zu sechs Menschen belegt. In den Anlagen würden die Arbeiter zudem von Sicherheitsfirmen überwacht.

Im Film wird berichtet, dass Sicherheitsleute zum Beispiel Unterkünfte von Zeitarbeitern durchsucht hätten. "Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten", heißt es in der Stellungnahme von Amazon dazu.

Man dulde "keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung". Auch überprüfe Amazon Dienstleister, "die die Unterbringung von Saisonkräften aus anderen Regionen verantworten, regelmäßig".

Verdi: Amazon als "Dauerproblem"

Verdi-Funktionär Reimann sagte, die Zustände bei Amazon seien ein "Dauerproblem", auch im Branchenvergleich. Es gebe in anderen Versandfirmen ebenfalls Missstände, aber nicht in diesem Ausmaß.

Dennoch habe Amazon durchaus auch auf Beschwerden reagiert und Mängel abgestellt. Allerdings bleibe angesichts des Geschäftsmodells dem Konzern kaum etwas anderes übrig, als befristete Mitarbeiter oder Zeitarbeiter einzusetzen, so Reimann.

Amazon dominiert den deutschen Onlinehandel: Gut ein Viertel des Branchenumsatzes entfällt allein auf das Unternehmen. Der weltgrößte Onlinehändler hat in Deutschland im vergangenen Jahr Waren im Wert von mehr als 8,7 Milliarden Dollar (6,4 Milliarden Euro) verkauft. Das geht aus Zahlen hervor, die der E-Commerce-Händler bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte.

dpa, DH