Unternehmen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, konkurrieren plötzlich miteinander. Das Spielfeld ist der Arbeitsmarkt. Fachleute für E-Commerce sind hochbegehrt, denn komplexe Zeiten erfordern komplexes Denken.

Es gibt ja einige wenige Menschen, die nicht nur die großartigen Chancen der Digitalisierung preisen – sondern auch vor den Risiken warnen. Joe Kaeser, zum Beispiel, der Chef von Siemens. Der forderte vor einiger Zeit eine bessere soziale Absicherung für Menschen, weil infolge des digitalen Wandels "einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen".

Zeit, auf diese Abgehängten zu warten, sei allerdings nicht. Vielmehr müsse die Gesellschaft dafür sorgen, dass diese Menschen versorgt sind. Kaesers Konsequenz: "Eine Art Grundeinkommen wird völlig unvermeidlich sein."

Der Mensch wird überflüssig, wenn es der Computer besser kann

Gestützt wird diese Prognose vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das vorhersagt, dass bis zum Jahr 2025 etwa 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze in Deutschland verschwinden und durch eine in etwa gleich große Zahl von anspruchsvollen Computerbedienjobs ersetzt werden.

Es werden wohl eher einfache Tätigkeiten überflüssig, die sich maschinell schneller und präziser durchführen lassen. Lagerhaltung, Verwaltung, Datenerfassung, so etwas.
"Werden Sie mein Kollege." Amazon-Fresh-Chef Florian Baumgartner als Headhunter.
© GS1
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Stattdessen wandelt sich die Arbeitswelt in einen gehobenen Dienst. Der klassische Einzelhändler wird sich künftig sehr schwertun, wenn er kein Warenwirtschaftssystem hat. Wenn er nicht weiß, wie er Kundendaten sammelt, verwaltet und zielgerichtet nutzt. Und vielleicht wird er eines Tages gezwungen, ein Multichannelhändler zu werden, der auch den Onlinekanal bedient.

Ein bisschen umschulen reicht nicht

Für all diese Prozesse benötigt es Mitarbeiter, die über die nötigen Kenntnisse verfügen. Einfach so das bestehende Personal ein bisschen zu schulen, reicht oft nicht mehr aus. Da müssen neue Fachleute her.

Aber auch der Onlinehandel wird seine personelle Struktur überarbeiten, professionalisieren müssen. Die Zeitenwende für alle wird am 1. September 2018 erfolgen. Ab diesem Datum können Unternehmen für den neu geschaffenen Beruf E-Commerce-Kaufmann ausbilden. Noch nie zuvor in Deutschland wurden für einen neuen Ausbildungsberuf so zügig Regularien erstellt – nach nur zehn Monaten Arbeit einigten sich die Sachverständigen über die Inhalte. Das zeigt, wie dringend alles ist.

Testen, analysieren, optimieren

"Der E-Commerce-Kaufmann verantwortet den Onlinevertrieb in einem Unternehmen. Er wählt die Online-Vertriebskanäle oder auch das im Internet genutzte Geschäftsmodell aus und kümmert sich um alle dazu gehörenden Prozesse. Das ist die Entwicklung eines attraktiven Sortiments, die Beschaffung und Optimierung der Daten, und besonders auch der Online-Verkauf an sich", erklärt Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim E-Commerce-Verband BEVH.
Und weiter: "Der E-Commerce-Kaufmann sollte die Instrumente des Online-Marketing, des Shopmanagement mit allen wichtigen Aspekten wie Gestaltung der Kategorien- und Produktseiten, des Checkout-Prozesses, der Zustell- und Retourenprozesse beherrschen. Eine Kernkompetenz ist dabei auch das permanente Testen, Analysieren und Optimieren des Shopangebots."

"Die Generation Y will Geschichte schreiben"

Media-Markt-Saturn war einer der Initiatoren für den neuen Beruf, was logisch ist, schließlich versteht sich das Unternehmen längst als Multichannel-Händler – und braucht entsprechend ausgebildetes Fachpersonal. Der Elektronikhändler sucht bereits Bewerber und wirbt unter anderem damit, dass der Beruf aufgrund des Wachstums im Onlinehandel attraktiv und zukunftssicher sei.

Doch um Leute für diesen neuen Beruf ausbilden zu können, benötigen sie nicht nur die Zulassung der IHK sowie ein Curriculum – sie müssen auch ein neues Arbeitsumfeld für eine neue Generation von Mitarbeitern schaffen. "Die Generation Y will nicht nur einfach Anweisungen ausführen. Diese jungen Leute kommen zu uns, um Geschichte zu schreiben", sagte Jean-Jacques van Oosten einst zu Etailment.

Kreative dürfen nicht an Vorzimmern scheitern

Der ehemalige Chef von Rewe digital spricht von einer modernen Arbeitswelt, in der es kein Silodenken gibt, in der jeder mit jedem vernetzt ist, es viel Gestaltungsspielraum gibt – und flache Hierarchien. Wer Geschichte schreiben will, soll nicht an Vorzimmern scheitern müssen.
Jobportal Stepstone: Gesucht wird... ein E-Commerce-Manager.
© Screenshot
Jobportal Stepstone: Gesucht wird... ein E-Commerce-Manager.
Der digitale Kosmos von Rewe kann als Blaupause dienen für viele Unternehmen. Denn die Arbeitswelt wird sich verändern. Das ist auch das Ergebnis einer Umfrage der Netzwerkplattform LinkedIn in Zusammenarbeit mit dem Digitalverband Bitkom unter 305 Personalentscheidern und Vorständen aus deutschen Unternehmen. Die Frage war: Welche beruflichen Fähigkeiten in zehn Jahren gefragt sind.

Soft Skills werden wichtiger

Bei den sogenannten Hard Skills verändert sich demnach nur wenig: Datenanalyse sowie -interpretation und Wissensmanagement sind und bleiben die gefragtesten Fachkompetenzen, gefolgt von Projektmanagement.
Doch bei den Soft Skills wandeln sich die Anforderungen erheblich. Nur Verhandlungsführung bleibt in den nächsten Jahren eine gefragte Sozialkompetenz, während funktionsübergreifende Kompetenzen sowie Mitarbeiterführung stärker in den Fokus rücken.

Frankfurt sucht den Projektmanager, Berlin den Programmierer

Zudem wird in jeder Region etwas anderes gefragt: Während in Frankfurt am Main künftig geübte Change- und Projekt-Manager gute Chancen am Arbeitsmarkt haben, sind in München Social-Media-Experten besonders gefragt. Berliner Unternehmen suchen hingegen verstärkt nach Programmierern und allgemeinen Digitalkompetenzen, heißt es.

Insgesamt gewinnen die Soft Skills an Bedeutung. Allerdings verschieben sich hier die Prioritäten deutlich: Gegenwärtig gelten Kritikfähigkeit, Entscheidungsstärke und Verhandlungsführung als die wichtigsten Fähigkeiten. In zehn Jahren werden nach Ansicht der Studienbefragten funktionsübergreifende Kompetenzen, Verhandlungsführung und Mitarbeiterführung von höchster Bedeutung sein.

Der Chef muss künftig mehr auf dem Kasten haben als heute

Heißt: Der Big Boss muss künftig mehr können als heute. Und: Das digitale Zeitalter verlangt nach Fach- und Führungskräften, die in der Lage sind, eine große, heterogene Mannschaft zu moderieren. Wobei das nach einem alten Hut klingt. Wie wichtig Teamplaying ist, stand bereits gestern in jeder Führungskräftebibel.

Doch wahrscheinlich ist es heute und vor allem morgen ernst, und die bekannten Management-Tipps erweisen sich jetzt erst recht als Phrasendrescherei, wenn sie nicht praktisch umgesetzt werden. Denn die digitalen Zeiten sind vor allem eines: schnell. Die Veränderungen prasseln auf alle mit einer derartigen Vehemenz ein, dass der Chefdenker einerseits mehr können muss als heute. Und wenn er nicht jedes Detail mehr überblickt, dann ist er ohne sein funktionierendes Team aufgeschmissen. Wer Kreative bremst, wird irgendwann die Quittung dafür bekommen.

Alle, alle, alle suchen E-Commerce-Manager

Unter den Unternehmen ist längst ein Wettbewerb um die neuen Fachkräfte entstanden, der mit Sicherheit noch schärfer werden wird. Wer etwa beim Jobportal Stepstone Stellen sucht mit dem recht beliebigen Stichwort "E-Commerce" bekommt etwas über 3.000 Treffer. Der Schuhhändler Görtz sucht Mitarbeiter, der Gartenspezialist Dehner ebenfalls, und der Bio-Händler Alnatura will die Stelle der Leitung E-Commerce neu besetzen. Selbstverständlich akquirieren auch Pureplayer wie Lampenwelt.de oder der Versandveteran Klingel Leute.Nicht viel anders sieht es beim Portal Monster aus, wo sogar der FC Bayern München einen E-Commerce-Marketplace-Manager sucht.

Das Problem der neuen Digitalzeiten: Alle Händler konkurrieren heute mit der Industrie um dieselben Leute.

Wenn Florian Baumgartner die große Bühne nutzt

Wie scharf der Wettbewerb um Mitarbeiter geworden ist, bewies Florian Baumgartner, Deutschland-Chef von Amazon Fresh. Als er auf dem ECR-Tag vor zwei Wochen in München seinen Vortrag beendet hatte, nutzte er die große Bühne ganz frech und unverblümt für das Recruiting. "Ich lade Sie hiermit ein: Werden Sie meine Kollegen", rief er in den Saal.

Zur Orientierung: Der ECR-Tag ist keine Bewerbermesse, sondern ein Spitzentreff der Konsumgüterindustrie. Dass solche Veranstaltungen heute genutzt werden, um neue Leute zu gewinnen, beschreibt gut, wie rasant sich die Zeiten verändert haben. Wer das nicht versteht, wird abgehängt.

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