Die Neuausrichtung von Karstadt dürfte nicht ohne Filiallschließungen vonstatten gehen. Wieviele Standorte zur Disposition stehen, ist offen. Klar ist: Die Häuser müssen und sollen produktiver werden.

Dunkle Wolken über Karstadt: Nach der mit Spannung erwarteten Krisensitzung des Karstadt-Aufsichtsrats wächst nun die Sorge um die Zukunft des Essener Warenhausunternehmens. Wer auf einen Befreiungsschlag und größere Investitionen in die Modernisierung durch den neuen Eigentümer René Benko gehofft hatte, wurde enttäuscht. Der harte Sanierungskurs, den er mit dem seit Jahren in der Krise steckenden Warenhauskonzern einschlägt, lässt eine düstere Zukunft für die Mitarbeiter erahnen.

Demnach soll Karstadt mit einem "Dreisäulen-Konzept" saniert werden: Einsparen der Personal- und Sachkosten sowie Steigerung der Flächenproduktivität. Laut "Süddeutscher Zeitung" muss das Unternehmen in den nächsten anderthalb Jahren etwa 200 Millionen Euro sparen, "um wenigstens eine schwarze Null zu haben", wie das Blatt einen Insider aus dem Konzernumfeld zitiert. Um stabil zu wirtschaften seien gar 250 Millionen Euro notwendig, heißt es weiter.

Dafür könnten laut "Süddeutscher Zeitung" 2.000 der noch rund 17.000 Jobs gestrichen werden. Das restliche Personal solle überdies nach einem veränderten Einsatzkonzept arbeiten. Montags und dienstags sollen demnach weniger, freitags und samstags mehr Leute eingesetzt werden.

Kein Konzept: schlechtes Zeichen

Auch wenn bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag noch nichts Konkretes bekannt wurde - der Wegfall von Stellen und Filialen scheint kein Tabu mehr zu sein. Für weitere Beratungen hat sich das Kontrollgremium von Karstadt eine Frist von sechs Wochen bis zum nächsten Treffen am 23. Oktober gesetzt.

"Die Tatsache, dass zu einem Zukunftskonzept nichts gesagt wurde, deute ich als schlechtes Zeichen", stellte der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein fest. Bei Karstadt werde "alles getan, nur nicht über die Zukunftsfähigkeit nachgedacht", bemängelte der Experte. Heinemann vermisst vor allem Angaben zu den "dringend notwendigen Investitionen" in die Warenhauskette.

"Wenn Herr Benko beschlossen hätte, ich richte Karstadt neu aus, dann hätte er sicherlich bisher auch schon ein Investitionsvolumen genannt", meinte der Professor. "Vieles deutet auf ein Ausstiegsszenario auf Raten hin", lautet sein Fazit.

30, 40 - wer bietet mehr?

Vor allem die Beschäftigten des Warenhausunternehmens sind alarmiert: "Man bereitet die Arbeitnehmervertreter auf harte Einschnitte vor und vertagt das bis zur nächsten Sitzung", beschreibt der frühere Karstadt-Manager und heutige Dozent an der Universität Leipzig Gerd Hessert die aktuelle Situation.

Von dem Personalabbau könnten nach Auffassung des Immobilienexperten gar bis zu 4.000 Beschäftigte betroffen sein. Von 83 Karstadt-Standorten verbucht er derzeit 29 Läden in der Kategorie "Rückzug", also Verkleinerung oder gar Abwicklung. Heinemann sieht sogar "zwischen 30 und 40" Standorte in Gefahr.

Dünne Personaldecke

Die angekündigten Stellenstreichungen könnten auch die Beschäftigten in der Zentrale und in den gutlaufenden Warenhäusern treffen. "Man überprüft jede Filiale, ob ein Personalabbau notwendig ist", so Hessert. Doch die Personaldecke in den Warenhäusern sei schon deutlich ausgedünnt: Wo noch vor einigen Jahren ein Verkäufer im Warenhaus durchschnittlich für eine Fläche von 60 Quadratmetern zuständig gewesen sei, liege dieser Wert heute schon bei etwa 76 Quadratmetern. "Die kritische Personaldecke ist in vielen Warenhäusern bereits unterschritten", stellte Heinemann fest.

Gut laufende Karstadt-Filalen könnten von Benko in seine Premium-Group eingegliedert werden, glaubt Hessert. Auf längere Frist sieht er - unabhängig von dem jeweiligen Eigentümer - jedoch nur eine Überlebenschance für eine Minderheit unter den Warenhäusern: "Ich glaube, dass in Deutschland von aktuell 191 Warenhausstandorten langfristig 70 Bestand haben", ist sein Fazit.