Ein Berliner Autohaus kooperiert beim Vertrieb eines Kleinwagens mit Amazon. Und sammelt Erfahrungen für eigene digitale Projekte.

Das Autohaus König gehörte mit seiner Idee nicht zu den ersten. Aber mit der "Verlängerung" der eigenen Website in das Angebot von Handelsriesen Amazon will das Unternehmen Erfahrungen im Digital Commerce sammeln. Seit Juli vertreibt das Berliner Autohaus König Leasingverträge für den Kleinstwagen Renault Twingo über den weltgrößten Online-Händler und Geschäftsführer Dirk Steeger ist unabhängig vom Erfolg der laufenden Aktion sicher: „Es bringt den Namen König ins Netz.“
Die schiere Größe von Amazon, dazu plakativ-attraktive Leasingraten (ab 50 Euro im Monat) und ein entsprechender Werbedruck sorgen auf jeden Fall für Kundenfrequenz und Aufmerksamkeit in der Branche.

Händler fürchten Digitalbestrebungen der Hersteller

Die Branche der Autohändler diskutiert und fürchtet bereits seit geraumer Zeit, dass der Online-Vertriebskanal durch die Hersteller besetzt werden könnte – unter Umgehung des Handels versteht sich. Da sind bei den Autoverkäufern Mut und Kreativität gefragt.

„Wir wollen nicht einfach zuschauen und abwarten, was passiert, sondern proaktiv und richtungsweisend mitgestalten“, sagte Dirk Schumacher, Online-Marketingleiter im Hause König und seit Februar mit der Umsetzung der Kooperation betraut, unlängst gegenüber dem Fachmedium „autohaus.de“.

Leasing-Vertrag als Test für den Autokauf

Schon seit fast 15 Monaten arbeitet man bei König an der Realisierung eines eigenen digitalen Projektes. Die Twingo-Vermarktung bei Amazon bringe da realistische Einschätzungen, die in die weitere Projektumsetzung einfließen würden.

Die bisherigen Erfahrungen hätten bereits gezeigt, dass der deutsche Kunde durchaus dazu bereit ist, einen Neuwagen in den Online-Warenkorb zu legen und die Reservierung auch zum Abschluss zu bringen. Allerdings glaubt selbst der Digitalfachmann nicht, dass die aktuell bei Amazon entwickelte Möglichkeit die finale Lösung für den Handel sein wird. Dennoch soll der Absatz der drei bereits konfigurierten Twingo-Varianten keine Eintagsfliege bleiben.
Man sei in der Lage, auch andere Modelle und Marken bei Amazon anzubieten, erklärt Schumann und geht zudem davon aus, dass die Produkte nach Ablauf des Projektes nicht entfernt würden, sondern die Angebotspalette vielmehr erweitert wird. Mit den Marken Abarth, Alfa Romeo, Dacia, Fiat, Jeep und Fiat Nutzfahrzeuge bietet sich im Hause König schließlich noch jede Menge Auswahl. Die Zusammenarbeit mit dem Onlinegiganten funktioniere „sehr zuverlässig und professionell“. Es gäbe einen regelmäßigen Austausch, in dem sich beide Partner gegenseitig transparent über Ergebnisse und Optimierungen im Projekt sowie zur Kampagne informieren.
Jeder Händler, der die Anforderungen bei Amazon erfüllt, könne seine Fahrzeuge dort auch platzieren, so die Einschätzung von Schumann. Die Frage sei dann, ob er auf seine Angebote durch Werbung aufmerksam machen kann. Hierzu stünden dem Händler bei Amazon zahlreiche Werkzeuge zur Verfügung, für deren Bedienung man nicht unbedingt eine Werbeagentur zur Umsetzung benötigte: „Je größer das finanzielle Engagement, desto besser wird natürlich auch der Betreuungsgrad seitens Amazon, aber dies ist auch in den klassischen Medien oder bei den etablierten Automobilbörsen nicht anders“.

Das Internet stellt keiner mehr ab

Dass von Kollegen vereinzelt Unmut darüber geäußert wurde, dass das Autohaus König damit in das Vertriebsgebiet anderer Unternehmen eindringe, lässt der Marketingmann nicht gelten. Schließlich biete „jede Fahrzeugbörse im Internet die Möglichkeit zur bundesweiten Vermarktung“. Amazon stelle sich lediglich als weiterer Partner für den Automobilvertrieb zur Verfügung. Ein Kommentator brachte die Initiative im Fachorgan „kfz-betrieb.de“, an den gesamten Autohandel gerichtet, lobend und mahnend zugleich auf den Punkt: „Das Internet stellt keiner mehr ab. Merkt es doch endlich mal!“
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