Die Inventurdifferenzen im Einzelhandel sind 2015 auf 4 Milliarden Euro gestiegen. Hauptursache sind weiterhin die Ladendiebstähle. Ein Problem stellen straff organisierte Diebesbanden dar.

Geklaut wird im Einzelhandel ja immer. Inzwischen machen den Händlern aber immer öfter organisierte Langfinger zu schaffen, so ein Ergebnis der Studie "Inventurdifferenzen" 2016 des EHI Retail Institute: "Im vergangenen Jahr sind Ladendiebstähle um rund 100 Millionen gestiegen – einen Löwenanteil daran muss man wohl dem gewerbsmäßig organisierten Diebstahl, insbesondere den organisierten Bandendiebstählen zuordnen", erläutert Frank Horst, Leiter des Forschungsbereichs Inventurdifferenzen und Sicherheit beim EHI.

Im gesamten Einzelhandel summierten sich 2015 die Inventurdifferenzen – wenn man die Verkaufspreise rechnet – auf 4 Milliarden Euro. Die Handelsexperten schätzen, dass davon auf Ladendiebstähle durch Kunden rund 2,24 Milliarden Euro zurückzuführen sind. Den eigenen Mitarbeitern werden knapp 810 Millionen angelastet und auf Lieferanten sowie Servicekräften sind etwas mehr als 340 Millionen Euro der Warenverluste im Jahr zurückzuführen. Die restlichen 640 Millionen Euro entfallen auf sogenannte organisatorische Mängel. Dazu zählen etwa Erfassungs-, Buchungs- und Bewertungsfehler.

Die durchschnittliche Inventurdifferenz beträgt laut Studie 1 Prozent vom Umsatz, weitere Kosten entstehen der Branche durch Investitionen von rund 1,3 Milliarden Euro in Technik und Personal zum Diebstahlschutz. Insgesamt gehen dem Einzelhandel somit durch Inventurdifferenzen und Investitionen zu deren Vermeidung 1,3 Prozent des Umsatzes verloren, absolut sind das rund 5,3 Milliarden Euro. Berücksichtigt man die hohe Dunkelziffer, die das EHI mit gut 98 Prozent annimmt, bleiben nach Expertenschätzung zudem jährlich mehr als 26 Millionen Ladendiebstähle je im Wert von rund 86 Euro unentdeckt.

Ladendiebstahl durch organisierte Banden

2015 sind die angezeigten Ladendiebstähle laut polizeilicher Kriminalstatistik wieder deutlich um 7,1 Prozent angestiegen auf insgesamt 391.401 Fälle (Vorjahr 365.373). Vor allem schwere Ladendiebstähle haben der Statistik zufolge in den vergangenen acht Jahren drastisch zugenommen. Laut § 243 des Strafgesetzbuches (StGB) zählen zu besonders schweren Fällen des Diebstahls unter anderem, wenn der Täter in einen umschlossenen Raum eindringt, einen falschen Schlüssel oder ein anderes Werkzeug benutzt oder sich in dem Raum verborgen gehalten hat, um dann den Diebstahl zu begehen und wenn er gewerbsmäßig stiehlt.

Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass allein durch straff organisierte kaukasische Tätergruppen jährlich Waren im Wert von 250 Millionen Euro im Einzelhandel gestohlen werden. Zählt man andere Diebesbanden, etwa aus dem Balkan und anderen europäischen Nachbarn oder dem nordafrikanischen Raum dazu, entfällt nach EHI-Schätzungen wertmäßig rund ein Viertel aller Ladendiebstähle auf Bandendiebstähle und organisierte Kriminalität.

Prävention und Sicherheit

Im Durchschnitt gibt der Handel wieder gut 0,3 Prozent vom Umsatz für Sicherheitsmaßnahmen aus. Bei den Trends zeigt sich die größte Steigerungsrate bei der offenen, also für den Kunden sichtbare Kameraüberwachung, die für mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen künftig oberste Priorität hat. Nach wie vor komme aber auch der Schulung und Sensibilisierung von Personal eine Schlüsselrolle zu, um Ladendiebstahl zu minimieren, so das EHI.

Den Lebensmittelhändlern werden vor allem Parfüms und Kosmetika, Rasierklingen, Tabakwaren, Spirituosen, Wein und Sekt, Zeitschriften, aber auch Kaffee und Babynahrung geklaut. Im Bekleidungshandel sind aktuell neben den üblichen Accessoires wie Gürtel und Tücher vor allem hochwertige Damenmarken sowie Funktionsbekleidung bei Dieben beliebt. Im Elektronik-Bereich zeigt sich hoher Schwund bei Tonträgern, Smartphones samt Zubehör, Speicherkarten, Druckerpatronen und Elektrokleingeräten. Baumärkte nennen unter anderem Akku-Schrauber, Werkzeuge und LED-Leuchtmittel als Diebstahlrenner.