Noch ist die Situation am Kreditvergabemarkt entspannt. Doch sollte sich die Konjunktur eintrüben, könnte es schnell zu Engpässen kommen. Darauf sind viel zu wenig Unternehmen vorbereitet, warnen Experten. Wie Händler gegensteuern können.

Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland schätzen ihre Finanzierungs-Situation und ihr Verhältnis zu ihren Banken zum zweiten Mal in Folge schlechter ein als im Vorjahr. Dies gilt insbesondere für kleine inhabergeführte Unternehmen mit bis zu 40 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Das zeigen die Ergebnisse des "KMU-Banken-Barometer 2016", das die KMU-Berater, der Bundesverband freier Berater, nun in Düsseldorf vorgestellt haben.

"Von den rund 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland gehören mehr als 90 Prozent dieser Gruppe an", sagt Carl-Dietrich Sander, Leiter der Fachgruppe Finanzierung-Rating der KMU-Berater. Dies lasse sich unter anderem aus der Umsatzsteuerstatistik berechnen. Die Umfrage zeige, dass ein Drittel der Unternehmen ihre Finanzierungssituation und die Zusammenarbeit mit der Bank als stark verbesserungsbedürftig einschätzten, immerhin 40,3 Prozent die Ausgangssituation als verbesserungsbedürftig beurteilen.

"Das Ergebnis ist ernüchternd"

"Handel, Handwerk: Das Problem zieht sich durch alle Branchen, es gibt keine spezifischen Unterschiede", sagt Sander. "Erschwerend kommt hinzu, dass viele Unternehmer sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen wollen oder können". Oft sei der Chef für alles zuständig, und es fehle Zeit oder das Bewusstsein dafür, dass jedes Unternehmen eine längerfristige Finanzierungsstrategie brauche.

"Das Ergebnis ist aus unserer Sicht ernüchternd", kommentiert Sander. Eine mögliche Erklärung: Die Banken optimieren ihre Abläufe und standardisieren viele Prozesse, um Kosten zu sparen. "Vor allem kleinere Kunden sind von dieser Standardisierung betroffen und nehmen das als schlechtere Beratung wahr", sagt der Experte. Größere Kunden werden anders behandelt – das zeigt sich nicht nur an den Umfrageergebnissen, das erleben die Berater auch immer wieder in der Praxis.

Schlechtere Bonitätsnote bei Schnellrating

Beispielsweise beim Rating: Während in das klassische Rating neben der Kontoführung auch Dinge wie die Gewinn-Verlust-Rechnung und das Jahresabschlussgespräch mit in die Bewertung der Bonität einfließen, werden laut Sander vor allem bei kleineren Firmen immer öfter so genannte Schnellratings eingesetzt. Diese prüfen automatisch monatlich ausschließlich die Kontoführung. So wird die Kreditwürdigkeit nur noch durch ein Kriterium beurteilt.

Das spart Kapazitäten beim Bankpersonal, doch die Noten fielen im Vergleich zum klassischen Rating in der Regel schlechter aus, sagt Sander. "Vielen Unternehmern ist nicht bewusst, wie ihre Ratingnote zustande kommt. Und dass im Falle eines automatisierten Ratings die Disponierung des Geschäftskontos extrem wichtig ist, man beispielsweise die Kreditlinie nicht überzieht."

Händler sollte nach Ratingexposé fragen

Zugleich würde die Banken meist zu wenig Informationen herausgeben, beispielsweise über das Zustandekommen des Ratings. Händler sollten in so einem Fall gezielt nach einem Ratingexposé fragen. "Ich habe in vielen Fällen erlebt, dass die Banken auf Nachfrage Informationen zur Verfügung stellen."

Die Banken berichten hingegen von so guten Kreditkonditionen wie nie. Der jüngste Beleg dafür: Laut Europäischer Zentralbank haben die Banken in der Eurozone ihre Kreditstandards - Zinsen, Kreditlaufzeiten, Sicherheiten - im zweiten Quartal erneut gelockert. Zudem habe die Nachfrage nach Krediten von Unternehmen zugenommen.

"Es mag sein, dass es gerade keinen Kreditengpass gibt", sagt Thomas Thier, Vorstandsvorsitzender der KMU-Berater. Ein Blick auf die Bilanzen der Banken zeige jedoch, dass die derzeitige Entwicklung aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase und strengeren Regulierungsvorgaben bereits jetzt weniger Spielraum für Kreditrisiken lasse als früher. Die Bank braucht Erträge, um Risiko in ihre Bilanz nehmen zu können. Die Erträge bei Banken und Sparkassen gehen jedoch zurück.

Ein Tipp: Wenn die jeweilige Hausbank damit wirbt, die Basel-III-Bestimmungen zu höheren Eigenkapitalrücklagen zu erfüllen, ist das ein gutes Zeichen. "Bis 2018 müssen alle Banken diese Vorgaben erfüllen", sagt Thier. "Sollte eine Bank noch nicht so weit sein, muss sie bis 2018 vermehrt Rücklagen bilden. Das heißt, sie kann dann nur risikotragfähige Kredite aufnehmen." Wer dann kein erstklassiges Rating hat, für den könnte es schwierig werden, einen Kredit zu bekommen.

Banken werden weniger Kredite vergeben

Laut Thier werden die Kreditinstitute im Firmenkreditgeschäft künftig noch vorsichtiger und wählerischer werden müssen. Dies werde vor allem die große Zahl der Unternehmen mit mittlerer Bonität treffen. "Man sollte jetzt seine Finanzierung aufbauen, damit man auch in zwei bis drei Jahren noch gut da steht", appelliert Thier. Verschlechtere sich die konjunkturelle Lage, hätten die Banken nicht mehr so viel Spielraum bei der Kreditvergabe.

Trotz allem Verständnis für die schwierige Situation der Banken sollte ein offenes Gespräch mit den Kunden über die Kreditvergabekriterien möglich sein, fordern deshalb die Berater. "Unternehmen sowie Banken und Sparkassen müssen unbedingt offener und intensiver miteinander sprechen", sagt Sander. "Ein Beratungsgespräch bei der Bank ist keine Einbahnstraße: Nicht nur die Bank darf Informationen vom Kunden fordern."

Der Unternehmer solle ebenfalls seine Erwartungen formulieren, Ergebnisse und Verbesserungspotenziale im Rating, in der Kapitaldienstfähigkeit und eine Bewertung der vom Unternehmen gestellten Sicherheiten einfordern.

"Verbände nehmen problematische Entwicklung nicht wahr"

Die Unternehmen seien auf diese negative Entwicklung überwiegend nicht besonders gut vorbereitet, interpretiert Thier die Ergebnisse des Banken-Barometers. "Unsere Umfrage zeigt deutlich, dass sich hier eine Struktur festigt, die bei einer Verschlechterung der Konjunkturlage zu einer dramatischen Entwicklung im Mittelstand führen kann."

Auch die Verbände und Verbünde der Mittelständler würden diese problematische Entwicklung noch nicht so wirklich wahrnehmen. Dabei sei es geboten, die Mitglieder zu einer weitsichtigen Finanzierungsstrategie zu drängen, appellieren die Berater.

Volks- und Raiffeisenbanken vor Genossen

Ein weiteres interessantes Detail der Umfrage: Die Qualität der Zusammenarbeit wird von Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken tendenziell besser bewertet, an zweiter Stelle liegen die Sparkassen, an dritter die Geschäftsbanken.

Das "KMU-Banken-Barometer" umfasste zehn jährlich wiederkehrende und zwei Sonder-Aussagen. 206 Unternehmen haben zwischen dem 18. April und dem 20. Juni 2016 an der Umfrage teilgenommen.