Seit zwei Jahren befehden sich Presse-Großhändler und der Hamburger Verlag Bauer Media. Es geht um Rendite, um Marktmacht - und um die Frage, ob das monopolistische Grosso-Modell zur Disposition steht.

Bernd Neumann, Kulturstaatsminister im Kanzleramt, ist ein Hüter der Pressefreiheit. Und als solcher auch Verfechter eines Großhandel-Verteilsystems, das die Vielfalt von Presseerzeugnissen in den Regalen des Einzelhandels garantiert. "Das Grosso-System steht für mich nicht zur Disposition, ein Kahlschlag hätte für die Meinungsvielfalt in Deutschland verheerende Folgen", betont Neumann.

Für den Vertrieb von Presseerzeugnissen ist Deutschland in 69 Gebiete aufgeteilt - in jedem dieser Gebiete sitzt ein Grossist und hat dort einen gesetzlichen Auftrag: Er soll dafür sorgen, dass alle Presseerzeugnisse, vom Spartenblatt des Kleinverlages bis zum großen Boulevard-Blatt mit vier Buchstaben, die gleichen Chancen haben, in die Regale der Kioske und Supermärkte zu kommen.

Im Einzelhandel tobt der Wettbewerb, ebenso unter den Verlagen, die in Zeiten des Internets sukzessive Anzeigen- und Vertriebserlöse verlieren. Der Grossist als Mittler zwischen diesen beiden Branchen hat in seiner Region in der Regel keine Konkurrenz - er arbeitet bei Windstille, quasi im Auge des Orkans.

Die Verlage wollen mehr

"Ein Wettbewerb auf der Ebene des Großhandels würde zu einer Einschränkung der publizistischen Vielfalt führen, da die Vertriebspflicht des Grossisten entfiele", meint Kai-Christian Albrecht, Geschäftsführer des Bundesverbands Grosso.

Die Vertragskonditionen zwischen Grossisten und Verlagen sind nach Auflage und Umsatz gestaffelt. Im Schnitt und über den groben Daumen gepeilt, sieht die Renditeverteilung so aus: Der Einzelhandel erhält bis zu 20 Prozent vom Waren-Nettopreis, die Grossisten ebenfalls. Die restlichen 60 Prozent verbleiben beim Verlag, der das alleinige wirtschaftliche Risiko trägt - denn nicht verkaufte Presseerzeugnisse gehen als Remittenten zurück.

Die Verlage hätten gerne mehr. Seit Jahren drängen die Großen der Branche, nicht nur die Hamburger Bauer Media Group, auf eine Änderung der Vertragskonditionen mit den Grossisten. Bauer allerdings suchte den offenen Konflikt: Ende 2008 kündigte der Verlag die Verträge mit zwei norddeutschen Grossisten, um seine Blätter dort fortan über den eigenen Vertrieb auszuliefern.

Kostenstruktur in der Kritik

In Hamburg moniert man eine mangelnde Kosteneffizienz bei den Grossisten. "Es müssen Effizienzgewinne realisiert werden, und diese müssen gerecht verteilt werden", fordert Heribert Bertram, Geschäftsleiter der Bauer Vertriebs KG. Bertram verweist auf zu hohe Personalkosten insbesondere in den Geschäftsführungsetagen der Grossisten.

Zum Beleg führt Bertram zwei Grosso-Unternehmen an, an denen der Bauer-Verlag Kapitalanteile hält und deren Geschäftsbücher er somit einsehen kann. "Dort liegen die Kosten bei gleicher Leistung um drei bis vier Prozentpunkte unter denen vergleichbarer Großhändler", berichtet Bertram.

Die Grossisten lassen solche Rechnungen nicht unkommentiert stehen. Unter anderem verweisen sie darauf, dass die Belieferungsgebiete höchst unterschiedliche Strukturen aufweisen und damit Leistungserfordernisse und Kostenaufwand nicht vergleichbar sind.

Bauer gegen Pressegrossisten

Kai-Christian Albrecht, Geschäftsführer des Bundesverbands Grosso: "Das Vertriebsmarketing in Deutschland ist sehr ausgefeilt - bei uns wird der Einzelhändler aus einer Hand frei Haus beliefert, jeden Tag und ohne Umsatzmindestgrenzen oder Erschwerniszuschläge für entlegene Standorte."

Der mehr oder weniger freundliche Austausch dieser und anderer Argumente läuft seit geraumer Zeit, und parallel dazu sind die Gerichte bemüht: Die beiden betroffenen norddeutschen Grossisten klagten gegen die nach ihrer Ansicht nicht gerechtfertigte Bauer-Kündigung, bekamen in erster Instanz recht und verloren in zweiter Instanz.

Inzwischen liegt die Akte beim Bundesgerichtshof (BGH) - allerdings sind die beiden Parteien bemüht, schon im Vorfeld eines BGH-Urteils Gespräche zu führen und eine Einigung zu erzielen.

Ministerium moderiert Verhandlungen

Darauf hofft auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Auf Bitte der Branchenverbände von Grossisten und Verlagen übernimmt sein Ministerium die Moderation in den Verhandlungen. Obwohl der gesetzliche Auftrag zur Sicherung der Vielfalt in den Regalen den Großhändlern eine quasi monopolistische Marktstellung gewährt, stellt Neumann dabei das Grosso-Modell an sich nicht zur Disposition.
 
Allerdings markiert er eindeutig die Richtung, in die sich die anstehenden Verhandlungen zu bewegen haben. "Die gegenwärtige Lage auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt erlaubt es kaum, Veränderungen von Geschäftsbedingungen prinzipiell abzuwehren", erklärt Neumann.

Klaus Manz

Der Artikel ist in der November-Ausgabe von Der Handel erschienen. Hier können Sie ein Probeheft bestellen.