6.000 Saisonarbeiter schuften derzeit bei Amazon, um das Weihnachtsgeschäft zu bewältigen. Das spezielle Lagersystem sorgt zwar für schnelles Verteilen der Waren auf die Laster. Doch wegen des Wetters stockt die Lieferung an die Kunden.

In Europas größtem Amazon-Versandzentrum herrscht Chaos. Das aber mit System. Hier stehen nicht etwa akkurat die gleichen CDs und Bücher nebeneinander in den riesigen Regalen im Logistikzentrum in Bad Hersfeld. Scheinbar zufällig angeordnet teilen sich die verschiedenen Artikel ähnlicher Größe ihre Fächer.

Der Logistikfachmann nennt dieses Prinzip chaotische Lagerhaltung und behält dank Codierungen an Artikeln und Regalen den Überblick. Durch das Lagersystem soll die Fläche optimal genutzt werden und auch Abholwege verkürzt werden, erklärt Armin Cossmann, Leiter der Amazon-Logistikzentren in Deutschland.

Eis und Schnee bereiten Probleme

Das schnelle Abarbeiten der Bestellungen ist für den weltgrößten Online-Einzelhändler wichtig. Denn das Weihnachtsgeschäft brummt. Probleme bereitet den Onlinekunden derzeit aber das Wetter mit Eis und Schnee auf den Straßen. Es könne in weiten Teilen Deutschlands zu Lieferverzögerungen von ein bis zwei Tagen kommen, sagte eine Amazon-Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Die Witterung stelle den Versandhandel vor eine große Herausforderung.

Kurzentschlossene müssen sich deswegen diesmal sputen. Bis zum 22. Dezember müssen sie spätestens ihre Express-Bestellungen aufgegeben haben. Dann können sie das Päckchen zu Heiligabend noch rechtzeitig erwarten. Wie gut das Weihnachtsgeschäft genau läuft, will Amazon erst in ein paar Wochen bekanntgeben.

Keine Probleme wegen Wikileaks

Fachleute erwarten glänzende Bilanzen. Die Kurve von Amazon kennt derzeit nur eine Richtung: steil nach oben. Daran haben auch Boykott-Aufrufe gegen Amazon nichts geändert, nachdem das Unternehmen aus den Vereinigten Staaten seine Dienstleistungen für die Enthüllungsplattform Wikileaks aufkündigte.

Für das vierte Quartal rechnet der in Seattle (USA) ansässige Branchenprimus nach eigenen Angaben mit einem Plus zwischen 26 und 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Allein im dritten Quartal 2010 machte Amazon ein Plus von 39 Prozent, der Umsatz lag letztlich bei 7,65 Millionen Dollar.

Die Zahlen verwundern nicht, denn das Weihnachtsgeschäft im Onlinehandel boomt. Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Versandhandels und des Handelsinstituts EHI wird der Umsatz im Online-Weihnachtsgeschäft 2010 bei 3,6 (Vorjahr: 3) Milliarden Euro liegen. Das entspreche einem Anteil von 60 Prozent am gesamten Versandhandelsumsatz im Weihnachtsgeschäft.

Wer in Bad Hersfeld in die riesigen Hallen auf dem mehr als 100.000 Quadratmeter großen Gelände schaut, sieht vor allem viele orangefarbene Warnwesten. Die tragen die Lagerarbeiter aus Sicherheitsgründen, damit niemand im Verkehr mit Regalwagen übersehen wird. Um die Bestellflut zu bewältigen, hat Amazon viele Hilfskräfte eingestellt und auf ein Drei-Schicht-System umgestellt - Arbeit rund um die Uhr. Bundesweit wurden rund 6.000 Saisonarbeiter rekrutiert.

Sarrazin und "Take That"

Die Aushilfskräfte stehen dann etwa in langen Schlangen an Förderbändern und packen die Bestellungen zusammen. Das filigranere Einpacken in Geschenkpapier übernehmen vorwiegend Frauen. Die Verkaufsschlager in diesem Weihnachtsgeschäfts kommen aus dem Bereich Elektronik: Smartphones, MP3-Player und Navigationsgeräte werden von den Kunden geordert wie nie zuvor.

Bei den Büchern steht das umstrittene Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin ganz oben auf der Hit-Liste. Am meisten gefragt ist auch das Musik-Album "Progress" der wiedervereinigten, mittlerweile gealterten Boygroup "Take That".

Die Weihnachtszeit ist bei Amazon die arbeitsreichste des Jahres. Am Spitzentag 2009 verließen nach Unternehmensangaben mehr als 1,2 Millionen Artikel in knapp 300 Lastwagen die deutschen Logistikzentren. Amazon hat vier Logistikzentren an drei Standorten in Deutschland, neben Bad Hersfeld noch Leipzig und Werne. Weltweit beschäftigt der Handelsriese 31.200 Mitarbeiter.