Angesichts der hohen Benzinpreise ist ein neuer Streit um den Wettbewerb an deutschen Tankstellen entbrannt. Das Bundeskartellamt könnte hier schon bald für Klarheit sorgen.

In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung hatte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle in dieser Woche Lebensmitteldiscounter ermuntert, in das Tankstellengeschäft einzusteigen. "Preise bilden sich am besten immer noch durch Wettbewerb. Wenn das Angebot steigt, sinkt der Preis", wurde er zitiert.

Ob das Tankstellengeschäft für die deutschen Lebensmittelhändler ein attraktives Geschäftsfeld wäre, ist jedoch zweifelhaft, obwohl es in Nachbarländern wie Österreich oder Frankreich durchaus Beispiele dafür gibt. Lidl hat der Idee des Wirtschaftsministers umgehend eine Absage erteilt. 

Der Preis für ein Barrel Rohöl liegt aktuell bei etwa 100 Dollar und der Liter Benzin kostet hierzulande rund 1,50 Euro - so viel wie seit dem Rekordsommer 2008 nicht mehr.

Die "Großen Fünf"

Dass die Preise durch mehr Wettbewerb tatsächlich sinken würden, scheint eher unwahrscheinlich. Nach wie vor verfügt Deutschland mit mehr als 14.400 Stationen über ein gut ausgebautes Tankstellennetz.

Neben den fünf großen Ölfirmen BP (Aral), Shell, ExxonMobil (Esso), Total und ConocoPhilips (Jet) mischen auch regionale Konkurrenten wie die polnische Orlén (Star) oder die österreichische ÖMV auf dem Markt ebenso mit wie Mittelständler und manche Verbrauchermärkte.

Nicht nur im Wirtschaftsministerium hegt man dennoch den Verdacht, dass die "Großen Fünf" den Markt so dominieren, dass kein echter Wettbewerb stattfindet. In der Tat kooperieren die großen Tochterunternehmen internationaler Ölmultis zum Beispiel bei Tanklagerung, Raffinerien, Pipelines und Logistik, was auch vom Kartellamt mit Argwohn beobachtet wird.

Doch ist die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur wirtschaftlich betrachtet vernünftig. Würden diese Strukturen zerschlagen, könnte es für den Autofahrer noch teurer werden. 

Deutschland bei Benzinpreisen im unteren Drittel

Sorgte mit seinem Vorschlag bei Lidl angeblich für Heiterkeit: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Foto: Santiago Engelhardt
Sorgte mit seinem Vorschlag bei Lidl angeblich für Heiterkeit: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Foto: Santiago Engelhardt
Wirtschaftsminister Brüderle hatte auch die "Achterbahnfahrt" der Benzinpreise an deutschen Tankstellen kritisiert. Dass diese sich langfristig preistreibend auswirkt, ist allerdings nicht zu belegen.

Die Branche interpretiert die häufigen Preisänderungen im Gegenteil gerade als Ausdruck eines besonders intensiven Wettbewerbs. Wegen der großen Markttransparenz müssten die Wettbewerber die Preise ständig anpassen.

Fest steht: Stabilere Preise müssen nicht zwingend niedriger sein. In Italien oder Luxemburg verändern sich die Preise beispielsweise seltener, sind aber vor Steuern deutlich höher als hierzulande. Und die Gewinne der Ölkonzerne sind dort größer.

Die Preisdifferenzen zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern sind vielmehr durch die unterschiedlichen Steuersätze zu erklären. Ohne Steuern liegen die Preise hierzulande im EU-Vergleich seit Jahren im unteren Drittel, gegenwärtig auf Platz 19 von 27.

Keine attraktiven Margen

Auch wenn es der gebeutelte Autofahrer angesichts des hohen Preisniveaus und der Milliardengewinne der Ölkonzerne kaum glauben mag: Mit dem Verkauf von Benzin lassen sich in Deutschland keine großen Gewinne erzielen.

"Die Margen sind relativ niedrig; das sagen nicht nur die Großkonzerne, sondern auch die kleinen und mittleren Anbieter", erläutert Rainer Wiek vom Hamburger Energie-Informationsdienst EID. Tankstellen verdienen ihr Geld überwiegend mit Getränken, Süßigkeiten, Zigaretten und Presseerzeugnissen sowie den Waschanlagen.

Noch in diesem Monat will das Kartellamt übrigens für mehr Klarheit in der Debatte um den Wettbewerb an deutschen Tankstellen sorgen: Nach drei Jahren Arbeit legt das Amt die bislang tiefstgehende Sektoruntersuchung vor.