Der Flughafen Berlin Brandenburg soll der modernste Europas werden. Für den Einzelhandel ein lukrativer Standort - wenn er denn einmal eröffnet wird. Betroffene Händler erzählen.

Auf Besichtigungstouren kann sich jedermann bereits ein Bild von dem neuen Flughafen machen. Und eine solche Exkursion sei dann "ein besonderes Erlebnis" wie die Flughafengesellschaft auf ihrer Homepage wirbt. Doch wann der Airport Berlin Brandenburg (BER) unter dem Namen Willy-Brandt-Flughafen letztlich auch in Betrieb genommen wird, bleibt vorerst Spekulation.

Mehrmals wurde der Eröffnungstermin aufgeschoben, die letzte Verschiebung - vom 27. Oktober 2013 auf einen noch unbekannten Zeitpunkt - wurde Anfang dieses Jahres bekannt. Fest steht: Nicht nur den Flugbetrieb, den Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg, sondern auch die zahlreichen Einzelhändler, die sich am Airport niedergelassen haben, trifft die ständige Verzögerung.

Probleme mit der Einrichtung

Insgesamt 47 Läden hat die Flughafengesellschaft an Einzelhandelsunternehmen vermietet. "Glücklicherweise gab es keine Neugründungen", sagt Günter Päts, stellvertretender Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin Brandenburg. "Bei den größeren Unternehmen besteht die Möglichkeit, die Arbeitnehmer anderweitig unterzubringen."

Probleme gibt es dennoch: "Angesichts der zeitlichen Schwierigkeiten und der damit verbundenen extremen Verschiebungen nach hinten kommt es zu massiven Problemen mit der Ladeneinrichtung. Aufgrund der Gewährleistungsdauer und der Abschreibungsverläufe würde die eingebaute Einrichtung vermutlich beim ersten Einschalten bereits aus der Gewährleistungsfrist ausgelaufen und möglicherweise bereits abgeschrieben sein - ohne jemals Umsatz gemacht zu haben", sagt Tobias Tuchlenski, Regionsleiter von Kaiser’s Tengelmann für Berlin und das Umland.

Die Konsequenz bei Tengelmann: "Wir haben uns dazu entschlossen, die hochwertigen Einrichtungsgegenstände auszubauen und an anderer Stelle in einem neuen Objekt einzubauen."

Bis auf weiteres aus den Plänen gestrichen

Noch härter trifft es Päts zufolge die kleinen Betriebe: "Die haben geordert, haben jetzt die Ware und müssen diese überproportional in anderen Filialen loswerden", sagt er. Dass dadurch die Existenz der Betriebe bedroht sei, glaubt er aber nicht.

"Als die plötzliche Absage des Eröffnungstermins im vergangenen Jahr kam, stand die gesamte Waren-Erstbestückung bereits verpackt in unserer Auslieferung. Wir hätten wenige Tage später geliefert", erinnert sich Timo Röpcke, Geschäftsführer der Stylemittel GmbH, die den Shop am Flughafen von LS Travel Retail betreiben lässt.

"Für uns ist die Situation sehr unerfreulich. Wir hatten zum Beispiel schon eine zusätzliche Kraft in der Produktion eingestellt und die Stundenkapazität in der Versandabteilung erhöht. Beides mussten wir rückgängig machen." Röpckes Fazit fällt entsprechend nüchtern aus: "Wir hoffen darauf, dass der Flughafen möglichst bald eröffnet wird, haben ihn aber bis auf weiteres aus allen unseren Plänen gestrichen."

Alle Mieter an Bord halten

Die Flughafengesellschaft hat das Ziel, möglichst alle Mieter an Bord zu halten. "In den zurückliegenden Monaten haben wir individuelle Lösungen wie Mietflächenvergaben an den alten Flughäfen Tegel und Schönefeld oder die Auflösung von Bankbürgschaften vereinbart", betont Sprecherin Nicole Dapper.

Was die Verzögerung für Handel und Dienstleister am Flughafen bedeutet, verdeutlichen die Zahlen der Agentur für Arbeit. "Insgesamt wurden 1.500 Stellen von etwa 150 verschiedenen Arbeitgebern gemeldet, davon entfallen etwa 700 auf die Handelsbranche", sagt Marko Wilke von der Flughafen-Agentur Berlin Brandenburg.

Unterm Strich seien für den geplanten Eröffnungstermin im Juni vorigen Jahres 908 Stellen schon im Vorhinein besetzt worden, die meisten Arbeitnehmer jedoch seien inzwischen in andere Filialen verteilt worden oder hätten anderweitig Arbeit gefunden. "Etwa 100 Menschen sind arbeitslos geblieben", sagt Marko Wilke.

Besonders gut ausgebildet

"Die Arbeitgeber am Flughafen haben qualifiziertes Personal gesucht - und das zu finden, ist ein Glücksfall", erklärt Wilke die hohe Übernahmequote in andere Filialen. Die erneute Verschiebung werde daran nichts ändern, denn das Flughafenpersonal sei besonders gut ausgebildet und für die Unternehmen wertvoll.

Weiteres Personal sei vor der Bekanntgabe des gescheiterten Eröffnungstermins für Ende Oktober 2013 noch nicht gesucht worden. "Das wäre erst sechs Monate vor der Eröffnung der Fall gewesen“, sagt Wilke. "Wäre der Flughafen tatsächlich im Oktober eröffnet worden, hätte dies aber noch einmal ein paar hundert neue Arbeitsplätze geschaffen."

Annette Sandhop