Reisende am Berliner Hauptbahnhof bekommen sonntags nur das Nötigste. Diese Trostlosigkeit bedauern auch Berliner Politiker - und beraten heute, wie man Abhilfe schaffen kann.

Der Streit um Ladenöffnungszeiten im deutschen Einzelhandel hat eine prominente Station erreicht: Den Berliner Hauptbahnhof. Nur wenige Schritte von Kanzleramt, Reichstag und Brandenburger Tor entfernt ist der 2006 eröffnete Glaspalast auch ein gut besuchtes Einkaufszentrum nicht nur für Touristen.

Mit einem breiten Angebot an "sieben Tagen die Woche von 8 bis 22 Uhr" lockt die Werbung für die rund achtzig Geschäfte auf drei Ebenen. Doch sonntags bleiben in den Ladenpassagen nach Intervention der Behörden inzwischen die Schaufenster von 18 Läden dunkel. Nach dem Bundesverfassungsgerichts-Urteil gegen Sonntagsöffnungen im Advent ringt Berlin um neue Einkaufsregeln.

Dazu berät der  Wirtschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses heute über Sonntagsöffnungen im Einzelhandel in Berlin. Speziell geht es dabei auch um den Verkauf im Hauptbahnhof.

Waschmittel bei Rossmann

"Sonntag geschlossen" steht auf einem kleinen aufgeklebten Stück Papier an der Eingangstür eines Modegeschäfts im Hauptbahnhof. Der Optiker bedauert per Aushang im Fenster, "nach dem 21.12.2009 nur noch an Werktagen für Kunden geöffnet zu haben". Die Geschäftszeiten der zwei Mobilfunkläden beiderseits eines Serviceschalters der Bahn: Montag bis Samstag, 8 bis 22 Uhr.

In der Rossmann-Drogerie im Tiefgeschoss wird das Wasch- und Putzmittel-Sortiment mittlerweile sonntags vor Absperrbänden verhängt, wie ein Sprecher sagt. Die Regale mit Elektrogeräten verdecke dann ein Rollo. Hintergrund ist das Ladenöffnungsgesetz des Landes Berlin, das an Sonntagen in Bahnhöfen allein "das Anbieten von Reisebedarf" erlaubt.

Der Bahnhof ist kein Flughafen

In der Zentralstation am Regierungsviertel konnten Reisende und Flaneure jedoch seit der Eröffnung an allen Tagen einkaufen, ohne dass Einwände dagegen geltend gemacht wurden. Nach "konkreten Beschwerden" starteten Gewerbeamt und Landesarbeitsschutz aber im Herbst mit Kontrollen und verschickten Bußgeldbescheide. Verfahren laufen teils noch.

"Wir überprüfen die Einhaltung der geltenden Gesetze", sagt der zuständige Bezirksstadtrat Carsten Spallek (CDU). Politisch fände er es aber wünschenswert, wenn im Hauptbahnhof, der ja "ein Eingangstor zur Stadt" sei, dieselben Regeln gelten wie für den Flughafen Tegel.

Bahn bangt um Umsätze

Darauf hoffen auch die Bahn als Hausherrin und Ladeninhaber, die um Umsatz und Arbeitsplätze bangen. Denn nur für den Airport am nördlichen Stadtrand steht als ausdrückliche Ausnahme im Gesetz, dass dort sonntags auch "Waren des täglichen Ge- und Verbrauchs" verkauft werden dürfen - inklusive Textilien und Sportartikel.

Die Sonderregel sollte im Hauptbahnhof ebenfalls gelten und ein Verkauf nicht nur geduldet werden, fordern auch die oppositionellen CDU und FDP im Landesparlament. An diesem Montag steht das Thema auf der Tagesordnung im Wirtschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses. Denn das Ladenschlussgesetz muss der rot-rote Senat in der nächsten Zeit ohnehin überarbeiten.

Händler setzen auf Protest

Im Dezember hatte das Bundesverfassungsgericht die bundesweit liberalste Regelung beanstandet, wonach Geschäfte an allen vier Adventssonntagen öffnen dürfen. Auch in einer Neuregelung will der Senat aber Sonntagsverkauf erlauben, zumal der Tourismus zu den bedeutendsten Branchen der industriearmen Metropole zählt.

Das Ringen um Einkaufsmöglichkeiten am siebten Tag der Woche hat in der Hauptstadt schon eine gewisse Geschichte. Während Kirchen und Gewerkschaften für den Schutz des Sonntags werben, setzten einige Händler auf besondere Protestaktionen.

So öffneten mehrere Läden im Sommer 1999 sonntags und gaben Kunden an den Kassen Aufkleber mit dem Aufdruck "Berlin-Souvenir" auf Bundfaltenhosen oder Bettlaken - gemäß einer Regelung zum Verkauf von Artikel des touristischen Bedarfs.

Sascha Meyer, dpa