Immer mehr Personalchefs informieren sich über Bewerber in sozialen Netzwerken. Große Handelsunternehmen beteuern jedoch, dass potenzielle Mitarbeiter keineswegs über Facebook & Co. ausspioniert werden.

Hier ein peinliches Foto von einer wilden Party, dort ein alberner Kommentar. Es ist leicht, im Internet Spuren zu hinterlassen, die sozialen Netzwerke sind voll davon. Gerade Facebook ist ein Sammelsurium für persönliche Hinterlassenschaften vieler Art.

Doch im Web geht nichts verloren, weswegen manche Spuren sich auch nachteilig für den Verursacher auswirken können - etwa, wenn er sich bei einem neuen Arbeitgeber bewirbt.

Der Branchenverband Bitkom hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass in Deutschland jedes zweite Unternehmen im Internet nach persönlichen Infor­mationen über seine Bewerber sucht. Dafür hat der IT-Verband 1.504 Geschäftsführer und Personalchefs befragt.

Personalberater mögen die Online-Recherche

Auch eine andere Umfrage bestätigt diesen neuartigen Rechercheeifer: Das Münchner Unternehmen Reputeer, das sich um den guten Ruf von Privatpersonen im Web kümmert, wollte von Personalberatern wissen, ob und wie häufig sie Kandidaten im Internet ausspähen.

50 Personalberater nahmen an einer entsprechenden Befragung teil - 86 Prozent bestätigten, dass sie auch im Web Informationen über potenzielle neue Mitarbeiter ihrer Auftraggeber zusammentragen.

Unternehmen aus der Handelsbranche wollen diesen Trend jedoch nicht bestätigen - zumindest nicht offiziell. So sagt etwa Dominique Fara aus der Abteilung Employer Branding von Fressnapf, dass die systematische Onlinerecherche "kein Instrument ist, das wir nutzen".

Ihm sei auch kein Fall bekannt, in dem bei Fressnapf ein Bewerber wegen eines unvorteilhaften Fotos auf Facebook abgelehnt worden sei. Das A und O im Bewerbungsverfahren seien die Unterlagen der Kandidaten.

Bei Christina Stylianou, Sprecherin von Netto Marken-Discount, klingt es ähnlich. Die Bewerbungsunterlagen seien entscheidend bei der Auswahl neuer Mitarbeiter. "Es gehört nicht zu unserer Unternehmenskultur, Daten von Bewerbern in sozialen Netzwerken zu recherchieren. Zumal private Einträge in sozialen Netzwerken für uns kein Kriterium zur Einschätzung der Persönlichkeit des Bewerbers darstellen."

Die Hälfte der Firmen sucht im Internet

Laut Bitkom-Umfrage nutzen allerdings 49 Prozent der Firmen Internet-Suchmaschinen, um Informationen über Bewerber zu gewinnen. Ein Fünftel recherchiert in sozialen Onlinenetzwerken, die einen beruflichen Schwerpunkt haben, zum Beispiel Xing oder LinkedIn.

19 Prozent aller Unternehmen suchen auch in sozialen Onlinenetzwerken wie Facebook oder StudiVZ, die eher für die Kontaktpflege im privaten Umfeld genutzt werden.

Fraglich ist nun, ob Unternehmen diese Form der Recherche rechtlich gestattet ist. Bitkom sagt ja, verweist aber auf ein geplantes Gesetz der Bundesregierung zum Mitarbeiterdatenschutz.

Laut Entwurf soll die Recherche über Bewerber künftig nur noch mit Suchmaschinen sowie in sozialen Onlinenetzwerken mit eindeutig beruflichem Charakter erlaubt sein. Die Onlinesuche nach Informationen mit eher privatem Charakter hätte dann zu unterbleiben.

"Wie die Internetrecherchen der Personalabteilungen in der Praxis überprüft werden sollen, ist aber unklar", betont Bitkom-Präsident Dieter Kempf. Das neue Datenschutzgesetz könnte im kommenden Jahr in Kraft treten.

Die Arbeitsrechtsanwältin Monika Birnbaum aus der Berliner Kanzlei Fritze Wicke Seelig rät Personalverantwortlichen grundsätzlich davon ab, sich in soziale Internetnetzwerke einzuloggen, um dort private Bewerberinformationen zu sammeln.

"So ein Verhalten macht erpressbar", sagt sie, denn schnell könnten sehr private Informationen zur Diskriminierung genutzt und damit gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstoßen werden.

Grenzwertig sei es, wenn ein Personaler beispielsweise seinen Sohn, der etwa bei Mitglied in StudiVZ ist, bittet, auf diesem Portal nachzuschauen, ob er dort nicht Infos über einen bestimmten Absolventen finden kann, der sich gerade im Unternehmen beworben hat. "Das ist halblegal", betont Anwältin Birnbaum.

Wer hat Zeit für Web-Check von Bewerbern?

Christina Kremer kann sich nicht vorstellen, dass ein Personalverantwortlicher genug Zeit hat, jedem potenziellen Mitarbeiter im Netz hinterherzuspionieren. "Wir haben allein für unsere Azubistellen rund 3.000 Bewerbungen pro Jahr", sagt die Leiterin des Personalmarketings von Peek & Cloppenburg in Düsseldorf.

Überdies haben Internetnetzwerke, die nicht der beruflichen Orientierung dienen, für Christina Kremer keine Bedeutung. Daher ist es für sie ausgeschlossen, sich etwa bei Facebook über Vorlieben von Bewerbern zu erkundigen.

Sehr penibel achtet man bei Peek & Cloppenburg allerdings auf korrekte Bewerbungsunterlagen wie Arbeitszeugnisse und Lebensläufe. "Das muss alles lückenlos sein", fordert Kremer.

Facebook spielt aber auch für P&C eine wichtige Rolle, aber nicht zum Hinterherspionieren, sondern zum Finden geeigneter Mitarbeiter. Ab dem kommenden Jahr wird der Textilhändler dort mit einer eigenen Recruiting-Seite vertreten sein. Und dann wird auch Christina Kremer fleißig Kommentare schreiben.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der Dezember-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Ansichtsexemplar erhalten Sie hier.