Noch im Juni soll der Ökomode-Versender Hessnatur verkauft werden. Der Betriebsrat befürchtet, dass profitgierige Investoren den Zuschlag bekommen - und bietet selbst mit.

Genossenschaft gegen Finanzinvestoren: Knapp zwei Jahre nach der Arcandor-Pleite steht die einstige Tochter Hessnatur kurz vor dem Verkauf. Für den Ökomode-Hersteller und -Versender aus dem mittelhessischen Butzbach interessieren sich nach dpa-Informationen knapp ein halbes Dutzend Bieter.

Seit der Insolvenz des Essener Arcandor-Konzerns im Sommer 2009 wird um die Zukunft der Hessnatur-Textilien GmbH gerungen - nach eigenen Angaben heute Europas größtes Versandhaus für Naturtextilien. Aber welcher Investor passt zu dem Öko-Hersteller?

Der Betriebsrat hat Angst vor "Heuschrecken" und will das Unternehmen kurzerhand selbst übernehmen: mit einer eigens dafür gegründeten Genossenschaft.

Über Monate hatte es Gerüchte gegeben, jetzt soll alles ganz schnell gehen. "Wir gehen davon aus, dass noch im Juni der neue Eigentümer feststeht", sagte ein Sprecher des Eigentümers Primondo Specialty Group (PSG) aus dem insolventen Arcandor-Konzern.

"Giftfreie Mode"

Seit 1976 verkauft das Unternehmen Kleidung aus Biobaumwolle und anderen Naturfasern. Hessnatur wirbt für "giftfreie und fair produzierte Mode". Das Geschäft laufe gut, sagt ein Sprecher. 320 Angestellte und 700.000 Kunden zählt das Unternehmen.

Mit seinen 60 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr ist Hessnatur nicht nur für Investoren aus der Ökobranche interessant. Der Kaufpreis wird auf 25 Millionen bis 30 Millionen Euro beziffert.

Unter den Bietern sollen auch Finanzinvestoren sein, denen nachgesagt wird, weniger an Nachhaltigkeit und mehr an Profit interessiert zu sein.

Boykott-Aufruf gegen Investor

Die globalisierungskritische Organisation Attac hatte im Februar zum Boykott des Ökoherstellers aufgerufen, falls der US-Investor Carlyle Group den Zuschlag bekommen sollte.

Attac sammelte damals nach eigenen Angaben 10.000 Unterschriften - offenbar mit Erfolg: Medienberichten zufolge ist Carlyle nicht mehr an einer Übernahme interessiert. Der Investor kommentierte das nicht.

Aus dem Unternehmen heißt es, nach Carlyle sei auch ein anderer riskanter Investor interessiert. "Wir sind höchst besorgt", sagte Christina Pöttner vom Hessnatur-Betriebsrat.

Der Eigentümer PSG beschwichtigt: "Alle Bieter, die nicht zu Hessnatur gepasst hätten, sind mittlerweile ausgeschieden."

Fünf Bieter, eine Genossenschaft

In Unternehmenskreisen kursiert die Zahl von fünf verbleibenden Bietern. Kriterien für die Übernahme sind laut PSG der Kaufpreis, aber auch eine Unterstützung der ökologischen und sozialen Standards, "weil die der Erfolgsfaktor von Hess Natur sind". Der Verkaufserlös soll Geld in die Kasse der Karstadt-Quelle Pensionäre spülen.

Der Hess-Natur-Betriebsrat hofft, dass künftig eine Genossenschaft das Sagen im Unternehmen haben wird - und macht damit Werbung in eigener Sache: Im März wurde die Genossenschaft "Hngeno" gegründet, die jetzt auch für Hessnatur bieten will.

"Wir geben ein qualitativ gutes Angebot ab", sagte Walter Strasheim-Weitz, Betriebsratschef von Hessnatur und Vorstand der hnGeno.

Nach seinen Angaben haben sich bereits 3.000 Männer und Frauen der Genossenschaft angeschlossen. 1.200 von ihnen kauften schon Anteile für mindestens 250 Euro.

Damit fühlt sich die Genossenschaft gut gewappnet für eine Übernahme: "Wir haben die Legitimation der Hessnatur-Kunden, die die anderen nicht haben", sagte Strasheim-Weitz. Das Ringen ums Image der Ökofirma geht weiter.

Stephan Scheuer, dpa