Der derzeit in Zürich lebende Internet-Unternehmer Christian Heitmeyer und die ehemalige Logistikleiterin des Online-Supermarktes All You Need, Nadine Lederhilger, übernehmen den insolventen Krawattenhersteller Edsor Kronen. Heitmeyer, der durch die Gründung des Online-Shopping-Clubs Brands4friends 2007 bekannt wurde, will Edsor mit dem vor zwei Jahren ebenfalls aus der Insolvenz übernommenen Online-Maßschneider YouTailor zu einem Multichannel-Anbieter verschmelzen.
Das stationäre Geschäft läuft künftig unter dem Namen Edsor Berlin; aus YouTailor wird Edsor Bespoke. Bespoke ist der englische Fachbegriff für maßgeschneidert. „Ich glaube an Multichannel und Maßmode und die Individualisierung von Kleidungsstücken“, erklärt Heitmeyer. Der 48-Jährige ist fest überzeugt, dass Maßkleidung hierzulande eine Renaissance erleben wird. „Allerdings ergibt das Geschäft nur einen Sinn, wenn die Qualität stimmt.“  Ein Grund, warum die Produktion von Thailand nach Europa verlegt wurde. Zunächst nach Mazedonien, dann nach Italien und Tschechien. Die neuen Partner in San Marino und dem tschechischen Roznov sind sowohl für den Stoffeinkauf als auch die Produktion der passgenauen Kleidungsstücke zuständig, hauptsächlich Hemden und Anzüge, aber auch Sakkos, Mäntel, Pullover und Chinos.

Demnächst bietet YouTailor auch wieder Maßblusen an. In Planung sind obendrein maßgeschneiderte und individualisierte Kaschmir-Produkte, zum Beispiel Pullover, Schals, Mützen und Handschuhe. Der Einstiegspreis für Maßhemden soll bei 79 Euro liegen. Nach oben reicht die Preisskala bis 159 Euro. „Für 59 Euro kann man kein gutes Maßhemd herstellen“, erklärt Heitmeyer im Hinblick auf die turbulente siebenjährige Geschichte von YouTailor, in der das Management jahrelang auf eine aggressive Preispolitik gesetzt hatte. Über Gutschein-Portale wie Groupon wurden zeitweise Maßhemden im Doppelpack für 50 Euro angeboten.

Abschied vom Preiskampf


Die Folge: „Es wurden Hemden ohne Marge in einer Stückzahl verkauft, die man selbst in Thailand nicht herstellen kann.“ So kam es zu einem Rückstau von bis zu 5000 Hemden, der zu wütenden Kundenprotesten im Social Web führte. Laut Heitmeyer liegt die Zahl der unerledigten Aufträge inzwischen auf „Normalmaß“. Die Lieferzeit betrage nunmehr maximal sechs Wochen. Da die Fixkosten stark gesenkt wurden – die Zahl der Mitarbeiter wurde von einst 100 auf 6 reduziert, Einkauf und Accounting ausgelagert – ist der neue Edsor-Chef zuversichtlich, schon bald profitabel arbeiten zu können. „Wenn wir 500 Hemden in der Woche verkaufen, sind wir locker im schwarzen Bereich.“

Das Vermessen und die Konfiguration der maßgeschneiderten Kleidungsstücke sind durch den Zukauf von Edsor demnächst auch im stationären Handel möglich, und zwar in den beiden Edsor-Geschäften in Berlin-Mitte und Leipzig. Dort sollen große Touch-Screens die einzelnen Schritte des Maßanfertigungsprozesses visualisieren. Der Shop-in-Shop im Berliner Kaufhaus Galerie Lafayette ist von der Verzahnung mit Edsor Bespoke vorerst ausgenommen.

Pro Jahr sollen vier neue Standorte hinzukommen, vorzugsweise in 1a- und 1b-Lagen in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern. Über ein Franchise-System sollen auch die Nachbarmärkte Österreich und Schweiz erschlossen werden. Ergänzend wird es ein so genanntes Flying Tailor-System geben. Dabei handelt es sich um ein Netz aus Vertriebsmitarbeitern, die Kunden en gros in Großunternehmen vermessen. Ein erster Feldversuch findet bereits in Zusammenarbeit mit einer Versicherungsgesellschaft in Hannover statt.

Edsor machte zuletzt unter 1 Million Euro Umsatz.  Bei YouTailor war die Gemengelage mit mehreren Insolvenzverfahren weitaus komplexer. Nach einem „Jahr des Lernens und Aufräumens“ (Heitmeyer) will das neue Management nun im Markt für Online-Maßmode neu angreifen. Dieser gilt nach wie vor als äußerst schwierig. Neben YouTailor schlitterten auch die Mitbewerber Shirts on the Fly und Herrenschmiede.de 2012 in die Insolvenz. Im Gegensatz zu YouTailor mussten sie liquidiert werden. Noch im Rennen befinden sich unter anderem Hemdwerk.de, Tailor4You, Nero Note und Tailor Jack.

Bert Rösch berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Sie erscheint, ebenso wie etailment, in der dfv Mediengruppe.