Die Onlinehändler Netzoptiker und Mister Spex zeigen, dass man auch Korrektionsbrillen erfolgreich im Internet verkaufen kann. Branchenprimus Fielmann ist unterdessen beim Web noch zurückhaltend.

"Schuld" an der Gründung von Netzoptiker.de ist eigentlich die Politik: Dirk Meier hatte sich im Jahr 2002 in Limburg gerade als Optiker selbstständig gemacht, da schaffte die damalige rot-grüne Bundesregierung im Zuge der Gesundheitsreform die Bezuschussung von Brillen ab. "Das bescherte uns Ende 2003 einen Vorzieheffekt, weil viele noch von der alten Regelung profitieren wollten. Aber ich stand wie andere Kollegen vor dem Problem, dass mir 2004 rund ein Drittel des Umsatzes weggebrochen ist", erinnert sich Meier.

Also fing er an, über den Onlinemarktplatz Ebay einzelne geschliffene Gläser zu verkaufen. Auf Nachfrage von Kunden auch Fassungen. Und dann komplette Brillen. "Doch dabei stieß ich online an technische Grenzen, denn es gibt mehrere Hunderttausende Varianten von Stärkegläsern und Brillengestellen", berichtet er. "Außerdem waren wir nur zu zweit, den Versand haben meine Mutter und ich organisiert."

Da traf es sich, dass inzwischen die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet auf den Limburger Augenoptiker aufmerksam geworden war und im Jahr 2008 in Netzoptiker investierte - in Technik und Wachstum.

Korrektionsbrillen mit niedriger Retourenquote

"Die typische Handelsware, also Sonnenbrillen und Kontaktlinsen, sind nicht so unser Ding. Wir konzentrieren uns auf Korrektionsbrillen, da ist die Marge höher und die Retourenquote niedriger", erläutert Meier. "Der Anteil von Korrektionsbrillen liegt bei uns bei 80 Prozent."

Bestimmte Dinge sind online etwas komplizierter bei der Brillenanpassung, etwa das Gestell hinter dem Ohr zu justieren, räumt er ein. "Deshalb machen unsere Optiker eine anatomische Grundanpassung der Gestelle, die für einen guten Sitz der Brille bei 80 Prozent unserer Kunden völlig ausreicht", sagt Meier. Falls die Sehhilfe dann doch mal nicht ganz richtig sitzt, könne der Kunde immer noch einen Optiker in der Nähe aufsuchen - auch "Meiers Optik Lounge" in Limburg.

Standards bei der Brillenanpassung nutzen

"Es gibt bei der Brillenanpassung gewisse Standards, wie etwa die sogenannte Einsatzhöhe beim Schleifen, die bewegt sich immer im gleichen Rahmen", so der Optiker. "In das System haben wir viel Arbeit reingesteckt und sind beispielsweise bei der Messung der Schliffhöhe von Gleitsichtbrillen besser als so mancher stationärer Optiker." Daher nutzt der Optiker die Daten auch in seinem Limburger Geschäft und misst dort nicht mehr aus.

Kennzahlen gibt Netzoptiker grundsätzlich nicht heraus, aber das Unternehmen arbeitet kostendeckend, versichert Meier: "Wir fertigen Brillen in hoher Stückzahl und hoher Qualität - und zwar alles hier in Deutschland", sagt der Unternehmer mit einem kleinen Seitenhieb auf den ein oder anderen Onlinekonkurrenten, der die Brillen in Fernost bauen lässt.

Made in Germany habe zudem einen weiteren Vorteil: "Für Onlinekunden ist nicht der Preis allein entscheidend, sondern auch die Geschwindigkeit. Auch da können wir es mit den stationären Brillenanbietern aufnehmen", so Meier. Als Beispiel nennt er das Angebot Express-Brille: Wer bei Netzoptiker bis 15 Uhr eine Brille bestellt, bekommt sie am nächsten Tag bis spätestens 12 Uhr geliefert - zumindest auf dem deutschen Festland.

Mister Spex mit einer Million Kunden in Europa

Mister Spex setzt unterdessen auf Internationalisierung. Der frühere Unternehmensberater Dirk Graber gründete den Online-Brillenhändler im Jahr 2007 und expandiert seitdem kräftig. Mittlerweile hat das Unternehmen mit Sitz in Berlin Webshops in Frankreich und Spanien sowie eine englischsprachige Website. Zudem übernahm Mister Spex Mitte 2013 die schwedischen Onlineshops Lensstore und Loveyewear. "Wir haben noch für ein, zwei weitere Länder konkrete Pläne", sagt der Gründer, der Geschäftsführer der Mister Spex GmbH ist, ohne freilich zu verraten, welche.

Die Internationalisierungsstrategie geht offenbar auf: Der Berliner Online-Brillenhändler meldet für 2013 in Europa einen Umsatzanstieg im Vergleich zum Vorjahr von 26 Millionen auf 47 Millionen Euro, das entspricht einem Wachstum von rund 80 Prozent. "Die Zahl der Kunden stieg unter anderem durch die Zukäufe in Schweden ebenfalls kräftig, von 500.000 auf europaweit mehr als eine Million", berichtet Graber.

2014 will Mister Spex das Segment Brille mit Sehstärke ausbauen: "Bei der Korrektionsbrille sehen wir nach wie vor das meiste Wachstumspotenzial", erläutert der Unternehmer. "Das ist der größte Markt und die anfänglichen Berührungsängste der Verbraucher beim Online-Brillenkauf lassen spürbar nach." Um auch die letzten Skeptiker zu überzeugen, testet das Unternehmen mit Sitz in Berlin aktuell Print- und Radiowerbung - Fernsehwerbung macht das Unternehmen schon länger.

Außerdem kooperieren die Berliner inzwischen mit rund 400 stationären Augenoptikern in Deutschland, bei denen die Onlinekunden Serviceleistungen wie Sehtest und Brillenanpassung in Anspruch nehmen können. Die Partneroptiker bekommen dafür von Mister Spex eine Pauschale für die Serviceleistungen sowie eine Umsatzbeteiligung. "Und so mancher unserer Partneroptiker freut sich, wenn ihn unsere Kunden den Großeltern empfehlen, die ihre Brille noch nicht online kaufen", erläutert Graber.

Fielmann sperrt sich noch gegen das Web

Der Brillenfilialist Fielmann steht dem Internet unterdessen ambivalent gegenüber: Mal sagt Unternehmensgründer Günther Fielmann in Interviews, dass die Optikerkette grundsätzlich von heute auf morgen den Onlinevertrieb starten könnte. Dann wieder lässt er keinen Zweifel an seiner Abneigung gegenüber dem Brillenverkauf im Web: "Nur weil einer im Winter in die Alster springt, springe ich nicht gleich hinterher", sagte Fielmann beispielsweise bei der Vorstellung der Bilanz 2013. Branchenkenner vermuten, dass die Ankündigung des an der Börse notierten Optikers, jederzeit im E-Commerce starten zu können, nur die Aktionäre beruhigen soll. Da die Preise in den rund 680 deutschen Filialen lokal variieren, würde ein Fielmann-Webshop für unerwünschte Transparenz sorgen.

Sybille Wilhelm

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