Naschwerk spielt dem Zahnarzt in die Hände, PC-Arbeit dem Optiker: Die Branche rechnet mit immer mehr Menschen, die eine Brille brauchen. Ein Markt mit Wachstumspotenzial.

Sind Sie Brillenträger? Wenn ja, sind Sie in guter Gesellschaft: Zwei von drei Deutschen tragen bereits eine. Die vom Kuratorium Gutes Sehen beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegebene "Brillenstudie 2008" fasst zusammen: 62 Prozent der Bundesbürger brauchen eine Sehhilfe; die erste Studie 1952 summierte 43 Prozent. Rosige Zeiten für die Augenoptiker: gut 39 Millionen potenzielle Kunden - Tendenz steigend.

Kürzlich fanden Berliner Augenärzte bei einem Sehtest unter Kindergartenkindern bei 18 Prozent Auffälligkeiten. Andererseits: 90 Prozent dieser Kinder waren noch nie beim Sehtest. Experten rechnen auch mit mehr Brillenträgern, da Computer, Handy & Co. im Verdacht stehen, eine Sehschwäche zu forcieren. "Die Optikbranche braucht sich um ihr Überleben keine Sorgen zu machen", sagt Peter Frankenstein vom Fachverband Spectaris. Langfristig betrifft der Anstieg jede Altersgruppe.

Fachmännischer Blick

So wie den Mittvierziger, der ins Geschäft von Thomas Stark kommt. "Meine Nasenpads sind grün angelaufen. Zudem ist eine neue Brille fällig. Mir fällt das Bildschirmlesen immer schwerer." Ein fachmännischer Blick des Augenoptikermeisters und die Diagnose: "Die Patina stammt von den Schrauben. Die tausche ich gleich mit aus. Das Metall ihrer Fassung ist teilweise oxidiert. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen einige Modelle aus Titan. Vorher untersuche ich aber noch Ihre Augen." Der Kunde nickt zufrieden.

Der inhabergeführte Laden zählt zu den "Top 100 Optikern" und wurde nach 2006 im vergangenen Jahr erneut prämiert. Starks Klasse: Kundenservice, Verkaufsförderung, Marktanalyse, Unternehmensführung und Ladendesign. Die "Top 100" ermittelt das BGW Institut für innovative Marktforschung in Essen.

Thomas Stark Augenoptik teilt sich den Markt in Deutschland mit über 10.000 Betrieben; Hauptumsatzträger ist die Brille mit über 80 Prozent Anteil: "Ich weiß immer, was am Markt los ist und kenne mein Einzugsgebiet", sagt der selbstbewusste Geschäftsmann. Das Innungsmitglied schult und informiert sich und seine Mitarbeiter regelmäßig, kauft über einen Einkaufsverband ein, ist mit Kollegen in Kontakt. "Manchmal frage ich auch meine 16-jährige Tochter, was gerade in ist." Fachmessen wie die Münchner opti, die Mailänder mido, regionale Herstellerbörsen und der Rückgriff auf den Außendienst der Hersteller liefern die Trends.

Die Platzhirsche

Platzhirsche der Branche in Deutschland sind Fielmann (Hamburg), Apollo-Optik (Schwabach) und mit Abstand Pro Optik (Wendlingen). Die Schwabacher gehören zur Pearle Europe Group und sind laut Marketing- und PR-Chef Volker Reeh mit 650 Filialen (inklusive Franchisepartnern) filialstärkster Optiker.

Der vom Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) errechnete Jahresumsatz 2008, Apollo nennt keine Zahlen, liegt bei 350 Millionen Euro. Umsatzkrösus ist Fielmann: 2008 erwirtschafteten bundesweit 536 Filialen 725 Millionen Euro. In diesem Jahr will Fielmann seine Expansion weiter vorantreiben und im laufenden Jahr 25 neue Läden eröffnen.

Nach der Zäsur 2004, als die Krankenkassen die Brillen-Leistungen auf Null setzten und in der Folge 30 Prozent der Optiker vom Markt verschwanden, ist die Zahl der Betriebe zuletzt wieder angestiegen. "Wir sprechen von einer Atomisierung der Branche, die vom Filialisten bis zum inhabergeführten Geschäft sehr heterogen ist. Viele der arbeitslosen Optiker haben sich selbstständig gemacht", sagt ZVA-Sprecherin Gabriele Gerling. "Der Einschnitt war schon hart. Aber statt auf den einen Premiumkunden zu warten, biete ich für alle Altersklassen bezahlbare Modelle an. Der Kunde soll meinen Laden verlassen und denken: "Was für ein attraktiver Preis!", sagt Optiker Stark.

Umsätze steigen

Die Branche erzielte 2008 einen Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro (plus 3,2 Prozent), teilte ZVA-Präsident Thomas Nosch auf der Jahrespressekonferenz Ende April mit; 34 Millionen Gläser und 10,6 Millionen Brillen wurden verkauft, davon 73,1 Prozent aus Metall und 12,5 Prozent aus Kunststoff. Man blicke zuversichtlich in die Zukunft und rechne 2009 mit 3 Prozent Umsatzwachstum, sagte Nosch.

Laut ZVA-Sprecherin Gerling hat sich auch das Konsumverhalten verändert: Das Preisargument der größten Filialisten fanden vor vier Jahren 60 Prozent der Kunden wichtig, heute noch 49 Prozent. Dies kommt auch regionalen Filialisten wie Binder Optik entgegen. Das Böblinger Unternehmen wurde gerade mit dem renommierten "Zukunftspreis des Handels" ausgezeichnet.

Die vom Bundeskartellamt jüngst unterbundene Preisvorgabe der Brillenglashersteller begrüßt Baur: "Das war längst fällig. Allzu viel ändern wird sich aber nicht." Thomas Stark hat sich ebenfalls mit der neuen Situation arrangiert. "Meist errechne ich denselben Betrag wie bei der UVP", sagt Stark.
Im Laden wartet schon der nächste Kunde.

Stefan Schubert

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 05/2009 von Der Handel erschienen.