Mit dem XE ist Jaguar in die Mittelklasse zurückgekehrt.  Die neue Limousine gibt sich, der Tradition des Hauses entsprechend, sportlich-dynamisch - was im Alltagsbetrieb für Vielfahrer gelegentlich hinderlich ist.

2009 hatte sich Jaguar aus der automobilen Mittelklasse verabschiedet. Jetzt nehmen die Briten mit dem XE einen zweiten Anlauf. Nach dem Start des komplett neu konzipierten Fahrzeugs im Frühsommer ist der Viertürer in diesen Herbsttagen freilich noch immer eine Ausnahmeerscheinung auf deutschen Straßen. 1.246 Fahrzeuge sind bislang beim Kraftfahrt-Bundesamt angemeldet. Im Oktober registrierte die Flensburger Behörde 206 Zulassungen.

Das ist ein bescheidener Anfang für den avisierten "britischen Angriff auf die Businessklasse". Zum Vergleich: Der VW Passat brachte es allein im Oktober, trotz Abgasskandal, auf mehr als 9.000 Einheiten, die C-Klasse von Mercedes-Benz, in Form und Anmutung sicher der direkteste Konkurrent für den Jaguar XE, verbuchte immerhin noch mehr als 5.000 Neuanmeldungen.

Drei Jahre Garantie inklusive Inspektionen

Es ist nach der langen Abstinenz also noch ein weiter Weg für die Traditionsmarke von der Insel, um im umkämpften Segment Fuß zu fassen. Und das gelingt ohnehin nur, wenn Jaguar mehr Zugang zu gewerblichen Flotten findet. Basis hierzu ist die Drei-Jahres-Garantie inklusive aller Insepktionsarbeiten in den ersten drei Jahren (bis 60.000 Kilometer). Damit fallen während der üblichen Laufzeit des Leasingvertrages praktisch keine außerplanmäßigen Kosten an. 

Ganz aktuell erweitert die Marke mit einem eigenen Versicherungsdienst die Palette der Serviceleistungen. Unabhängig von Schadenfreiheits- und Regionalklasse bietet der Hersteller über seine Handelsbetriebe monatliche Flatrate-Tarife für Haftpflicht- und Kaskoschutz an.

Achtgang-Automatik und zahlreiche Assistenten

Im Bemühen um die gewerbliche Kundschaft versteht es sich fast von selbst, dass die Optionsliste alle relevanten Zutaten für Vielfahrer bereithält. Vom empfehlenswerten Achtgang-Automatikgetriebe (2.500 Euro Aufpreis gegenüber dem Sechsgang-Handschalter), über Navigation, Sitz- und Lenkradheizung bis hin zur Einparkhilfe mit Rundumüberwachung und Rückfahrkamera, die vor allem beim Rangieren hilft, Schäden zu vermeiden. Dazu zählt auch eine Heerschar an Assistenzsystemen - alles in der Regel einzeln bestellbar, zumeist aber in günstigere Pakete verschnürt.

Und wie fährt sich der XE, den der Hersteller mit viel Pathos als "Sportlimousine" lanciert? Eigentlich ganz unaufgeregt. Zumindest, wenn die Wahl auf die Diesel-Varainte mit 132 kW/180 PS und nicht auf die S-Version mit mächtigen 250 kW/340 PS gefallen ist. Der stärkere der beiden angebotenen Selbstzünder im XE 20 d zieht erwartungsgemäß kräftig an und bringt die, dank Aluminiumbauweise, 1.565-Kilogramm-Limousine mühelos bis zur Höchstgeschwindigkeit von 228 km/h. Angenehm unterstützt durch den Schaltautomaten aus dem Hause ZF. Selbst acht Jahre nach der Premiere im größeren XF ist der Drehregler für das Getriebe, der sich nach dem Druck auf den farblich pulsierenden Startknopf gediegen aus der Mittelkonsole erhebt, noch immer ein besonderes Erlebnis.

Unrealistischer Normverbrauch

Wie bei allen Herstellern und wie in der aktuellen Diskussion um die geschönten Verbrauchswerte bei Volkswagen deutlich wird, ist auch Jaguar mit der Angabe seines Normverbrauchswertes ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. 4,2 Liter sind mit diesem leistungsstarken Aggregat in der Praxis beim besten Willen nicht zu erzielen. Wer vorsichtig mit Rückenwind den Berg hinunter fährt, kann sich über Verbräuche im Fünf-Liter-Bereich freuen. Der realtistische Alltagswert dürfte sich indes bei 6,5 Litern einpendeln. Der 180-PS-Diesel kann übrigens nun auch mit Allradantrieb (2.900 Euro) kombiniert werden. Die Auslieferung dieser Modelle beginnt im März 2016.

Im Kampf um mehr Marktanteile in der Mittelklasse zitiert das Jaguar-Design seine Historie als Sportwagenmarke. Das macht optisch natürlich viel her, erfordert aber manchen Kompromiss. Die Sicht nach hinten ist vom Fahrerplatz aus stark eingeschränkt und macht die Rückfahrkamera fast schon unverzichtbar. Auf den hinteren Plätzen geht es eng zu und der Kofferraum setzt mit einem Knick in der Ladefläche und lediglich 410 Litern Volumen keine Maßstäbe. Ein Kombi ist nicht in Sicht. Wohl aber der erste Geländewagen der Traditionsmarke. Für April 2016 ist der F-Pace angekündigt.

Bernd Nusser