Das Onlinegeschäft des stationären Buchhandels wächst, kann aber den Umsatzrückgang der Buchhandlungen vor Ort nicht kompensieren.

Heinrich Riethmüller wünscht sich mehr Mut zur Moderne: Stationäre Händler aller Branchen sollten nach Meinung des Vorstehers des Börsenvereins die Chancen der Digitalisierung nutzen, damit nicht zuletzt die Innenstädte wieder belebter werden: "Der Sortimentsbuchhandel ist ein gutes Beispiel, wie der Multichannelverkauf funktionieren kann. Denn mit der Kombination von professionellem Onlineservice und Einkauf vor Ort sind die Buchhandlungen dem reinen Onlinehandel weit überlegen", sagte er auf der Jahrespressekonferenz in Frankfurt. "Wir waren schließlich die ersten, die reagieren mussten, weil uns ein großer Konkurrent aus Amerika im Nacken saß."
 
Mit einem Minus von 1,4 Prozent auf 9,2 Milliarden Euro im Jahr 2015 blieb der Umsatz auf dem Buchmarkt auch 2015 – trotz "großer Umbrüche und massiver Medienkonkurrenz" – seit zehn Jahren stabil. Die sinkende Kundenfrequenz in den Innenstädten hat nach Meinung des Geschäftsführers der Osianderschen Buchhandlung mit dazu beigetragen, dass der Umsatz der stationären Buchhandlungen 2015 zurückging: Er betrug im vorigen Jahr 4,43 Milliarden Euro, 3,4 Prozent weniger als 2014.

Einen deutlicheren Umsatzanstieg von 6 Prozent auf von 1,6 Milliarden Euro konnte unterdessen der Internetbuchhandel verbuchen, zu dem der Börsenverein allerdings auch das Onlinegeschäft der stationären Händler zählt. Auf Amazon entfällt davon geschätzt rund 50 bis 70 Prozent, der Online-Anteil des Sortimentbuchhandels dürfte Schätzungen zufolge bei rund 400 Millionen Euro liegen.

Konsequent vom Kunden aus denken

"Das stationäre Geschäft des Buchhandels ist Schwankungen unterworfen, das zeigt sich an der mäßigen Umsatzentwicklung bei den stationären Händlern im vergangenen Jahr. Der Onlinevertrieb von Büchern hat dagegen wieder angezogen, das merken auch die vielen Buchhändler vor Ort mit eigenem Onlineshop. Doch das kann den Rückgang noch nicht kompensieren", erläuterte Riethmüller. Das zeige, wie wichtig es für den stationären Handel ist, weiter in die Modernisierung seiner Konzepte zu investieren. "Wer konsequent vom Kunden aus denkt, darf keine Vertriebskanäle und Vermarktungsmöglichkeiten vernachlässigen. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren einige neue Allianzen geben wird," sagte er.

Ein Lichtblick sei, dass in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres die Umsatzentwicklung im Buchhandel wieder nach oben zeige, der stationäre Buchhandel liegt demnach nach den ersten Monaten des Jahres mit rund zwei Prozent im Plus.

Stationärer Buchhandel vorn

Mit einem Anteil von 48,2 Prozent bleibt der stationäre Buchhandel größter Vertriebsweg, gefolgt von den Verlagen mit 20,9 Prozent und dem Internetbuchhandel mit 17,4 Prozent. Jedes dritte verkaufte Buch stammt aus dem Bereich Belletristik, aber die Deutschen mögen auch zusehends Sachbücher. Nachdem die Warengruppe bereits 2014 beim Umsatz um 5,4 Prozent zulegte, lag das Sachbuch mit einer Umsatzsteigerung von 1,6 Prozent auch 2015 wieder im Plus. Der Umsatzanteil vergrößerte sich somit nochmals auf 10,3 Prozent (2014: 10,1 Prozent).

Neben neuen Vertriebswegen sind auch neue Medien in großes Thema bei Verlagen, im Buchhandel und beim Kunden. So setze sich der Aufwärtstrend bei den E-Books fort, die Nachfrage nach der elektronischen Lektüre stieg im vergangenen Jahr um 9 Prozent. Da aber der durchschnittlich bezahlte E-Book-Preis um 26 Cent auf 6,82 Euro sank, stieg der Umsatz nur um 4,7 Prozent. Der Anteil am Publikumsmarkt liegt somit bei 4,5 Prozent, 2014 waren es 4,3 Prozent. 2015 wurden 27 Millionen elektronische Bücher verkauft, durchschnittlich kaufte ein Kunde 7 E-Books. 2014 waren es statistisch gesehen noch 6,4 E-Books pro Käufer.

BGH-Urteil macht kleinen Verlagen zu schaffen

Die größte Herausforderung der Verlage ist laut Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, aktuell das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zur Ausschüttungspraxis der Verwertungsgesellschaften. Im April dieses Jahres entschied der Bundesgerichtshof, dass die bisherige Weitergabe von Einnahmen aus Urheberrechten an Verlage durch die Verwertungsgesellschaften rechtswidrig ist.

Die höchstrichterliche Entscheidung begünstigt Autoren und Journalisten, die Verlage hingegen müssen mit Ausfällen im zweistelligen Millionenbereich rechnen. "Wegen der aktuellen Rückzahlungsverpflichtungen droht etlichen kleineren Verlagen die Insolvenz und damit das wirtschaftliche Aus", warnt Skipis. "Der Zustand, den wir jetzt haben, war nie der wahre Wille des Gesetzgebers. Das ist auch in der Politik unumstritten. Deshalb brauchen wir sowohl im europäischen Recht als auch im deutschen Urheberrecht eine unverzügliche Klarstellung, dass Verlage Rechteinhaber sind, denen ein Ausgleich für gesetzlich zulässige Nutzungen ihrer Werke zusteht."