Immer häufiger protestieren Bürger gegen die Planungen von neuen Shoppingcentern. Die Entwickler müssen sich mit einer neuen Diskussionskultur arrangieren.

Schon bevor der erste Spatenstich getätigt ist, hinterlassen Shoppingcenter oftmals tiefe Spuren. Unversöhnlich stehen sich die Fronten von Gegnern und Befürwortern in hitzigen Debatten gegenüber und nicht selten kippt sogar das etablierte politische Machtgefüge in der Stadt.

Das ist kein neues Phänomen, doch durch das Internet und seine sozialen Netzwerke auf der einen sowie die zunehmenden Erfahrungen mit den Auswirkungen von Einkaufzentren auf der anderen Seite haben sich die Auseinandersetzungen um das Für und Wider von Centeransiedlungen verändert.

100 neue Center in fünf Jahren

Stoff für Diskussionen gibt es reichlich: In den nächsten fünf Jahren sollen in Deutschland mehr als  100 neue Einkaufszentren eröffnen. Akribisch hat die Fachzeitung "TextilWirtschaft" in einer Liste alle Planungen zusammengeführt.

Fragt man auf der Immobilienfachmesse Expo Real herum, wie realistisch diese Zahl ist, hört man zwar auch viel Skepsis heraus, doch es gibt auch nicht wenige Branchenvertreter, die 100 zusätzliche Einkaufszentren für möglich halten. "Ich glaube, es gibt in Deutschland noch viel Potenzial", sagt beispielsweise Dr. Christof Glatzel, Vorstandsmitglied des Projektentwicklers mfi AG.

Auch das EHI Retail Institute stellt für seinen "Shoppingcenter Report" aktuell eine Liste der geplanten Objekte zusammen. Danach kommen zu den 430 bestehenden Einkaufszentren in den nächsten Jahren 53 hinzu.

Köln-Ehrenfeld, Mainz, Kaiserslautern, Leer & Co.

Städte wie Leer, Köln und Kaiserslautern zeigen derzeit exemplarisch, wie sich die Diskussionskultur in den Kommunen verändert. Die ECE-Pläne für ein Center in Mainz hatte sogar Kardinal Karl Lehmann als "verfehlt und naiv" kritisiert.

"Die Menschen wollen in der Innenstadt keinen übermächtigen Klotz", wetterte der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Anfang August wurde eine Bürgerinitiative gegen das geplante Center in der Domstadt gegründet.

Im kleinen ostfriesischen Leer plante die Hamburger ECE ebenfalls ein innerstädtisches Center. Mit breiter Mehrheit ebnete der Bauausschuss des 34.000-Einwohner-Städtchens dem Vorhaben im Dezember 2010 den Weg. Doch bei der Kommunalwahl im September dieses Jahres erlitt die einstige Ratsmehrheit massive Verluste - das Fundament für das Centerprojekt ist damit weggebrochen.

"Wir haben es geschafft", bilanziert Carsten Tergast, Sprecher der Bürgerinitiative "Leer braucht Leer", zufrieden. Den Stimmungsumschwung in der Stadt sieht er als Erfolg der Initiative an.

In einer Planungswerkstatt soll nun bürgernah über die Zukunft der Altstadt des kleinen Städtchens debattiert werden. Im benachbarten Oldenburg hatte es ebenfalls hitzige Streitigkeiten über die Schlosshöfe der ECE gegeben, die im März 2011 eröffnet wurden.

Proteste unterschätzt

In Köln-Ehrenfeld plante die mfi AG zusammen mit dem örtlichen Bauunternehmer Bauwens-Adenauer ein Shoppingcenter auf dem brachliegenden Helios-Areal. Beide Partner unterschätzten allerdings die Kampagnenfähigkeit des subkulturellen Milieus um die auf dem Gelände beheimatete Kölner Kultkneipe "Underground".

Nach einer turbulenten Informationsveranstaltung im Herbst vergangenen Jahres gipfelte der Protest gegen die Investorenpläne im linksalternativen Geisterzug der diesjährigen Karnevalssaison. "Lieber ein AKW als eine Shoppingmall", hieß es gar auf einem wohl humoristisch gemeinten Plakat.

Die Bürgerinitative Helios (BI) erreichte schließlich, dass im Wege einer Bürgerbeteiligung Lösungen für die Bebauung des Areals erarbeitet werden sollen - das Centerprojekt liegt auf Eis.

Initiativen für und gegen ein Centerprojekt

Scharfe Debatten lieferten sich jüngst auch zwei Bürgerinitiativen in Kaiserslautern um die Realisierung eines ECE-Projektes. In der Initiative "Für Lautern e.V." stritten unter anderem der Oberbürgermeister und der örtliche ECE-Projektmanager Seite an Seite für das Center in der Pfalz-Metropole, während die Gegner ihren Protest in der Vereinigung "Neue Mitte" artikulierten.

Im Vorfeld eines Bürgerentscheids am 23. Oktober 2011 über den Verkauf von vier städtischen Grundstücken, die die ECE für ihre Vorhaben benötigt, hängten überengagierte Center-Befürworter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gar die Plakate der Gegenseite "Neue Mitte" ab.

Das Beispiel Kaiserslautern zeigt allerdings auch, dass ein Bürgerentscheid nicht automatisch das Ende eines Centerprojekts sein muss. Mit einer deutlichen Zweidrittelmehrheit stimmten die Lauterer am Ende für das Vorhaben der ECE. Die Eröffnung der Einkaufsgalerie ist für Herbst 2014 geplant.

Auf 20.900 Quadratmetern Verkaufsfläche soll das Center rund 100 Geschäften Platz bieten - und an der Stelle des ehemaligen Karstadt-Hauses Kaiserslautern entstehen.

Hanno Bender, Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der November-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Ein kostenfreies Ansichtsexemplar erhalten Sie hier.