Kleine Buchverlage machen ihrem Ärger über den Onlinehändler Amazon Luft: Aus Protest gegen das Geschäftsgebaren des Internetriesen kündigten sie ihre Verträge.

Katrin Witzleben reicht's. Ein halbes Jahr lang mailte die Vertriebsleiterin des kleinen Mainzer Buchverlags VAT André Thiele wegen einer Rechnung über 7,50 Euro mit dem Internet-Versandriesen Amazon hin und her. "Nie habe ich einen Ansprechpartner", klagt sie. "Das macht mich wahnsinnig."

Am meisten aber ärgert sich der kleine Verlag über die seiner Ansicht nach überzogenen Rabattforderungen des Internetriesen und über "katastrophal schlechte Konditionen", die Amazon Kleinverlegern einräume, schreibt Verlagschef Andreas Thiele. Sein offener Brief ist zugleich das Kündigungsschreiben des Kooperationsvertrages mit Amazon. "Bye bye, Amazon. Wir steigen aus", steht als großes Banner gleich auf der Startseite seiner Homepage.

Offener Brief an Amazon-Chef Bezos

Thiele folgt dem Beispiel des Lindlarer Kunst- und Literaturverlegers Christopher Schroer. Auch er kündigte Amazon vor wenigen Tagen in einem offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos. "Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht", schreibt Schroer. Die aktuellen Berichte über den Umgang Amazons mit Leiharbeitern hätten bei ihm "das Fass zum Überlaufen" gebracht. "Wir sagen Adieu!", schreibt Schroer. Und sagt im Gespräch: "Ich fühle ich mich jetzt besser."

Beide Verleger wissen aber auch, wie wichtig Amazon gerade für die ganz kleinen Verlage ist, die pro Jahr vielleicht 20 bis 25 Bücher herausgeben. "Amazon macht sichtbar", schreibt Schroer. Und Witzleben sagt: "Es wird für uns nicht leicht werden. Wenn Sie nicht bei Amazon sind, sind sie auch für den Endkunden nicht präsent." Allerdings machen die beiden erst 2009 gegründeten Verlage nur 5 bis 15 Prozent ihres Jahresumsatzes über Amazon.

Überzogene Rabattforderungen

Bei den Geschäftsbedingungen von Amazon habe er "erst mal geschluckt", dann aber akzeptiert, sagt der 35-jährige Schroer, der von Beruf eigentlich Mediengestalter ist. Vor allem die Rabattforderungen von bis zu 55 Prozent hält er für überzogen. Zwar bekomme auch der Zwischenbuchhandel 50 Prozent Rabatt. "Der Unterschied aber ist, dass der Buchhandel die Bücher tatsächlich kauft." Amazon zahle erst dann, wenn die Bücher beim Endkunden gelandet seien. Zudem lasse Amazon sich einen "unglaublichen Skontorahmen" einräumen.

Buchhändler ließen noch mit sich reden, Amazon dagegen nicht. Nicht verkaufte Exemplare schicke Amazon an den Verleger zurück. "Es kann aber passieren, dass Sie am nächsten Tag drei neue Exemplare des gleichen Titels wieder an Amazon schicken", sagt Schroer. "Das hat teilweise einfach keinen Sinn und Verstand."

Der Internet-Versandriese äußerte sich auf dpa-Anfrage zunächst nicht. Anfragen müssten per E-Mail gestellt werden, sagte eine Sprecherin in München.

Ist der Aufstand der zwei Kleinverleger der Beginn einer Protestwelle gegen Amazon oder nur ein Sturm im Wasserglas? Der Sprecher des Arbeitskreises Kleinerer Verlage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Bernd Weidmann, sagt: "Ich kann die kleinen Verlage gut verstehen." Niemand müsse aber mit Amazon zusammenarbeiten. Für die kleinen Verlage sei der Marktzutritt durch die Gründung von Amazon auch erleichtert worden.

Anonymer Riese

Für deutsche Verhältnisse sei es "gewöhnungsbedürftig, dass man es mit einem anonymen Riesen zu tun hat, der nur über das Netz kommuniziert", sagt Weidmann, der den Verlag Die Werkstatt führt. Für den Sportbuchverleger lohnt sich die Zusammenarbeit mit Amazon.

Aber Weidmann räumt ein, dass kleine Verlage mit Amazon kaum über bessere Konditionen verhandeln können. Das Rabattgefüge bei dem Internethändler sei zwar "hart an der Grenze", weiche aber nicht gravierend vom Höchstrabattniveau der großen Buchhändler und Grossisten ab.

Amazons Kündigungsbestätigung ist inzwischen bei Schroer eingetroffen. "Die hat tatsächlich mal ein Mensch geschrieben", sagt er.

Dorothea Hülsmeier, dpa