Die Bundesbank zieht sich im kommenden Jahr weitgehend aus der Bargeldbearbeitung zurück. Die ­Kreditwirtschaft wird in die Lücke springen - und den Handel dafür zur Kasse bitten.

Im Zeitplan ist keine Luft mehr: "Es wird knapp", mahnt Carl Ludwig Thiele, im Vorstand der Bundesbank für Bargeld und bargeldlosen Zahlungsverkehr verantwortlich. "Am 30. April 2011 wird die Bundesbank definitiv alle Münzgeldkonten und Sammel-Treuhandkonten schließen."

Für die Bargeldversorgung von Banken und Handelsunternehmen beginnt damit eine neue Ära. Bislang erfolgt die Beschaffung des täglich im Einzelhandel benötigten Wechselgeldes über diese Konten. Diese Möglichkeit gibt es ab dem 1. Mai 2011 nicht mehr.

Bereits zum Jahreswechsel stellt die Zentralbank überdies Münzgelder nur noch in riesigen Norm-Containern zur Verfügung. Nur für eine Übergangszeit und gegen hohe Gebühren wird es noch kleinere Münzgebinde von der Bundesbank geben. Das Ziel dieser Maßnahmen: Die Ver- und Entsorgung des Handels mit Bargeld soll verstärkt über Banken und lizenzierte Geld- und Werttransportunternehmen (GWT) im Weg des privaten Cashrecyclings erfolgen - so will es der Gesetzgeber.

Keine Lösung in Sicht

Die Krux des "nationalen Bargeldplans" ist allerdings, dass bislang noch kein GWT-Unternehmen die erforderliche Lizenz hat. Mit Kötter, Unicorn und Brink's hatten zum ­Redaktionsschluss dieser Ausgabe (27. September) lediglich drei Bargeldlogistiker einen entsprechenden Antrag beim Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eingereicht.

Mit dem vierten Antrag von Ziermann ist dem Vernehmen nach zwar in Kürze zu rechnen. Doch selbst wenn die Genehmigungen von der BaFin erteilt werden sollten, ist damit noch lange kein Markt für ein flächendeckendes, privates Cashrecycling in Sicht.

"Wir werden in einer Übergangszeit vor allem regionale Kooperationsmodelle zwischen Banken und Geldtransporteuren sehen", sagt Michael Mewes, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Werttransporter (BDGW) im Gespräch mit Der Handel. "Wir hoffen, dass die BaFin die Anträge nun zügig bearbeitet, damit die notwendigen Investitionen in eigene Geschäftsmodelle für das Bargeld-Recycling getätigt werden können", so der Verbandschef.

Vogelstraußpolitik der Händler

Die Branche steckt in einem Dilemma, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint: Das Geld für Investitionen in Cash-Center und aufwendige Zertifizierungsprozesse fehlt. Und niemand wagt, in neue Geschäftsfelder zu investieren, wenn die potenziellen Kunden bereits im Vorfeld ihr Desinteresse bekunden. Immer wieder haben große Handelsunternehmen in der Vergangenheit betont, dass ein Cashrecycling durch Geldlogistiker nicht gewünscht ist - zu tief sitzt der Heros-Schock noch in den Knochen.

In der Hoffnung, die Bundesbank werde ihre Pläne noch einmal überdenken, ignorierten viele Handelsunternehmen und Banken den Fahrplan der Bundesbank. Diese Vogelstraußpolitik könnte für die Handelsbranche eine kostspielige An­ge­le­genheit werden: "Im Grunde müsste der Handel die Bemühungen der Geldtransporteure unterstützen, ein bankenunabhängiges Cashrecycling aufzubauen", urteilt Stefan Schneider, Inhaber des Beratungsunternehmens CardsConsult. "Ansonsten führt der Weg, der mehr Wettbewerb schaffen sollte, geradewegs in die Abhängigkeit von der Kreditwirtschaft."

Neue Kooperationsmodelle

Am Horizont zeichnet sich bereits heute ab, wie die Bargeldlogistik auch ohne die hoheitlichen Cash-Center der Bundesbank funktionieren kann. Gemeinsam mit der DZ Bank organisiert die Cash Logistik Security (CLS) AG ein bundesweites Netz für die Bargeldversorgung mit Hilfe von zertifizierten Geldtransporteuren. Unter der Schirmherrschaft der Bank wird das Bargeld in rund 40 regionalen Cash-Centern bearbeitet und wieder in Umlauf gebracht. 

"Der Kunde ist komplett aus dem Thema Geldlogistik raus", beschreibt Michael Mewes, Vorstandsmitglied der CLS den Vorteil des Systems. Rund 110 Händler mit bundesweit insgesamt 6.000 Filialen zählt die CLS zu ihren Kunden. "Wir können mit unserem Kooperationsmodell ein Drittel des Marktes abdecken", sagt Mewes. Der Haken: "Beim Thema Bargeldversorgung gelten wir als die Teuren im Markt", räumt Uwe Heckenthaler von der DZ Bank ein. Ähnliche Kooperationsmodelle etablieren inzwischen auch einige Sparkassen in verschiedenen Regionen. Der Handel sitzt derweil auf der Zuschauerbank.

Hanno Bender

Der Beitrag ist in der Oktober-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel erschienen. Hier geht es zur Bestellung eines Probehefts.