Manche wollen Pilot, andere Arzt werden - Stefan Thiel hatte nur einen Traumjob: Centermanager. Als junger Mann leitet er nun sein erstes Objekt - und zeigt, wie rasant Handelskarrieren verlaufen können.

Anfang Mai ging bei sämtlichen Filialleitern des Dessauer "Rathaus-Centers" eine Einladung zum Kaffeetrinken ein. Der Absender: ihr neuer Hausherr. Stefan Thiel wollte in einer netten Runde sich allen bekannt machen, schließlich ist er seit Anfang April 2011 Manager des Centers – und dabei auch noch eine Attraktion. Einen erst 23 Jahre alten Centermanager dürfte es in Deutschland kein zweites Mal geben.

Die meisten seiner Altersgenossen bereiten sich derzeit auf das Ende ihres Studiums vor – Thiel ist bereits der Chef eines ECE-Centers mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, 90 Filialen sowie Vorgesetzter von zwölf Mitarbeitern. "Ich bin Stadtgespräch", hat er nach den ersten Wochen im neuen Job festgestellt.

Karriere im Zeitraffer

Nur 87.000 Einwohner leben in Dessau, als Führungskraft des Einkaufsmagneten der Stadt gehört der junge Mann schon zu den Persönlichkeiten vor Ort. Sogar die "Bild"-Zeitung berichtete über ihn.

Thiel wirkt nicht so, als ob ihn seine exponierte Stellung beunruhigen würde. Im Gegenteil - er ist in hohem Tempo in seinen Traumjob geprescht. So, wie manche junge Männer beschließen, Pilot oder Arzt zu werden, entschloss sich Thiel für den Beruf eines Centermanagers.

Stefan Thiel auf der Titelseite der Juni-Ausgabe von Der Handel
Stefan Thiel auf der Titelseite der Juni-Ausgabe von Der Handel
Die Karriere des gebürtigen Dresdners verläuft bisher wie im Zeitraffer: Abitur mit 17 Jahren, Bundeswehr, drei Jahre Duales Studium an der Europäischen Fachhochschule in Brühl zum Handelsmanager, ein halbes Jahr USA-Aufenthalt in Boston.

Vor Beginn des Studiums platzte er noch beim Manager des Dresdner Altmarkt-Galerie hinein, zog einen Fragenkatalog aus der Tasche, um alles über den Job des Mannes zu erfahren: "Danach war ich Feuer und Flamme für die ECE."

Genauso schwärmerisch wirbt der junge Sachse für das Duale Studium, beispielsweise in Brühl, wo der Hamburger Projektentwickler eine der Kooperationsfirmen ist. "Das lege ich allen ans Herz, die praxisorientiert sind", sagt er.

In seinen drei Praxissemestern tingelte der junge Mann durch ECE-Center wie in Kempten, Leipzig oder Bremen und hat sich dabei seinen "Werkzeugkoffer" gefüllt, wie er es formuliert. In Dessau "darf ich jetzt alles anwenden."

Werkzeugkoffer gut gefüllt

Man merkt Thiel an, dass er in der Handelsbranche am richtigen Platz ist. Zupacken, Menschen treffen - das ist seine Welt. Vielleicht ist es diese unprätentiöse Professionalität, die ihm auch den Umgang mit Mitarbeitern erleichtert, die oft doppelt so alt sind wie er.

Aber ihr neuer Chef bringt Handels-Stallgeruch mit, denn während des Studiums hat er auf seinen Praxisstationen ebenso klaglos Flaschen sortiert wie Herrenanzüge verkauft.

Der junge Manager möchte das 15 Jahre alte Rathaus-Center gezielt weiterentwickeln dabei regionale Schwerpunkte setzen. Er versteht sein Haus auch als Motor der Entwicklung von Dessau.

Diese sachsen-anhaltinische Stadt leidet wie viele ostdeutsche Mittelstädte unter einem rasanten Bevölkerungsschwund. Im Jahr 2005 lebten hier noch 92.000 Menschen, im Jahr 2025 sollen es nur noch rund 78.000 sein, lautet eine Prognose.

Wer als hier als Händler erfolgreich sein will, muss sich anstrengen: Die Kaufkraftziffer hier liegt bei 82, und die Touristen, die kommen, um die Werke der Bauhaus-Architekten zu bewundern, lassen eher wenig Geld beim Einzelhandel in der Stadt an der Elbe. Stefan Thiel hat gut zu tun.