Der defekte Chip auf rund 30 Millionen deutschen Kredit- und Debitkarten bringt den Zeitplan der Terminalumrüstung im Handel in Gefahr. Doch die Kreditwirtschaft ignoriert das Problem.

Ob an der Skibar in St. Moritz, an der letzten Tankstelle vor dem Brenner oder am Geldautomaten in Mettmann: Der Jahreswechsel brachte für viele Karteninhaber eine böse Überraschung mit sich. Mehr als 30 Millionen Debit- und Kreditkarten von deutschen Banken versagten am Silvesterabend pünktlich ab 0:00 Uhr ihren Dienst.

Die lapidare Meldung "Kartenfehler" war alles, was die Geräte noch ausspuckten.
Von einem "verspäteten Jahrtausendproblem" sprachen die Banken, nachdem der Chip des französischen Herstellers Gemalto als Fehlerursache identifiziert war.

Während sich die Akzeptanz an den deutschen Geldautomaten für die Debitkarten relativ zügig wiederherstellen ließ, musste der Einzelhandel länger mit verärgerten Kunden, Zahlungsschwierigkeiten und Umsatzeinbußen kämpfen. Rund 200.000 POS-Kartenterminals waren vom "2010-Bug" betroffen, weil sie statt des Magnetstreifens bereits den Chip auslesen.

Terminals umkonfiguriert

So schreiben es die neuesten Vorgaben des Zentralen Kreditausschusses (ZKA) für das girocard-System vor (ehemals EC-Cash-Verfahren). "TA 7.0" heißt die Betriebssoftwareversion für die Terminals, mit der die deutschen Banken ihr nationales Debitkartenverfahren europafähig und sicherer machen wollen.

"Ausgerechnet die Händler, die frühzeitig in die neue Sicherheitsarchitektur der Banken investiert haben, hatten mit Störungen zu kämpfen", kommentiert Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland (HDE).

In Tag- und Nachtschichten konfigurierten die EC-Netzbetreiber die betroffenen Terminals um. "Rund 18.000 unserer Geräte waren betroffen. Bereits am 6. Januar konnten alle unsere Kunden auch die defekten Karten verarbeiten", erklärt Thomas Haarmann, Geschäftsführer des Zahlungsdienstleisters Telecash im Gespräch mit Der Handel.

Auch die übrigen großen EC-Netzbetreiber, Easycash, B + S Card Service, Intercard, CardProcess und Montrada, stellten die Terminals innerhalb der ersten Januarwoche um, sodass die Akzeptanz bei den Debitkarten wieder flächendeckend hergestellt war. Die Lesegeräte stellen sich nun dümmer als sie sind, ignorieren alle Chips und nutzen wieder den Magnetstreifen.

Ambitionierter Zeitplan

 
Sobald die defekten EMV-Chips repariert sind, müssen die Terminals jedoch erneut umkonfiguriert werden, damit sie wieder regulär arbeiten. Wann das der Fall sein wird, ist offen.

Seit Anfang Februar programmieren die Geldautomaten der Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sowie der Postbank die defekten Seccos5-Chips um. Doch wie viele Karten in welchem Zeitraum auf diese Weise repariert werden können, dazu gibt es mangels Vergleichsfall keine Erfahrungen.

"Über den geeigneten Zeitpunkt für die Rückkonfiguration der Terminals im Handel ist noch nicht entschieden", erklärt eine ZKA-Sprecherin auf Anfrage von Der Handel. Damit wird man sich beschäftigen, sobald die Chipkarten-Updates breitflächig angelaufen sind."

Für den Einzelhandel und die EC-Netzbetreiber ergibt sich aus dieser "Verzögerung im Betriebsablauf für unbestimmte Zeit" jedoch ein manifestes Problem: Bis zum 30. Juni 2010 sollen sämtliche Terminals im Einzelhandel auf die neue TA 7.0- Software umgestellt sein, sonst verlieren sie die notwendige Zulassung für das girocard-System, droht der ZKA.

Unter Fachleuten galt dieser Zeitplan als ambitioniert, schon bevor es zum 2010-Desaster kam - bestenfalls ein Drittel aller rund 600.000 EC-Terminals ist bislang umgerüstet.

Solange die Banken kein grünes Licht zur Rückkonfiguration erteilen, finden vielerorts auch keine Upgrades statt, weil das Akzeptanzproblem bei den Kreditkarten noch nicht gelöst ist.

"Im Zeitplan fehlen mindestens drei Monate", erklärt Horst Rüter, Kartenexperte im EHI Retail Institute. "Viele Händler haben das Weihnachtsgeschäft abgewartet, um die Umrüstung im Anschluss in Angriff zu nehmen. Vor dem Ostergeschäft ist die Kassenzone für IT-Projekte aber ebenfalls Tabu."

Banken stellen sich taub

Die Bankverbände stellen sich für solche Überlegungen jedoch taub: "Was den Zeitplan der TA 7.0-Umstellung angeht, so ist dieser völlig unabhängig vom Chipkarten-Update", stellt der ZKA auf Anfrage von Der Handel klar. "Deswegen wird an dem aktuellen Zeitplan festgehalten."

Der Umstellungstermin droht nun zum Machtspiel zu werden. Die Rewe-Gruppe hat bereits angekündigt, die neue Software erst einzusetzen, "wenn diese einwandfrei funktioniert". In allen 6.500 Märkten des Konzerns gab es nach dem Jahreswechsel keine Akzeptanzprobleme, "weil noch die Terminalsoftware TA 5.3.1 eingesetzt wurde", freuen sich die Kölner.

Störungsfrei lief der Kassenbetrieb auch bei allen Handelsunternehmen, die Kartenzahlungen im Wege des Lastschriftverfahrens mit Unterschrift (ELV) abwickeln können.

"Die Anzahl der durch den Chipfehler verursachten Zahlungsabbrüche war bei unseren Kunden sehr gering", sagt Kai Adolph, Vorstandsvorsitzender der Intercard AG. "Dies ist auf die starke Verbreitung des intelligenten Mischverfahrens in unserem Netzbetrieb zurückzuführen. Nur ein geringer Anteil wird dabei im girocard-Verfahren abgewickelt."

Ähnliches war von allen anderen Netzbetreibern zu hören, die das ELV-Verfahren anbieten. "Zum einen arbeiten wir im Schwerpunkt mit dem Lastschriftverfahren mit Online-Sperrdateiabfrage, zum anderen haben wir auch bei diesem Verfahren ein Fallback-System auf reiner Lastschriftbasis, falls unsere Systeme einmal streiken", erläutert Ulrich Holzapfel, Abteilungsleiter der DZB Bank für elektronische Zahlungssysteme. "Störungen aufgrund eines Chipdefekts oder eines Fehlers in der technischen Peripherie gibt es daher nicht."

Da das girocard-System der deutschen Banken immer mal wieder - etwa ausgerechnet am 29. Dezember 2009 - für mehrere Stunden zusammenbricht, sind solche Notfallinstrumente für den Handel unverzichtbar - zumal der ZKA bereits jetzt über die Einführung der nächsten Softwareversion TA 8.0 nachdenkt.

Hanno Bender

Dieser Artikel ist in der Februar-Ausgabe von Der Handel erschienen. 
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Der letzte Stand zum Chip-Update

Aktualisierung: Am 17. Februar teilte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband mit, dass inzwischen 5,8 Millionen von den 30 Millionen betroffenen Chipkarten an Geldautomaten mit einem Software-Update versehen wurden. Diese EC- und Kreditkarten sind nun wieder funktionsfähig und können auch im Ausland zum Geldabheben und Bezahlen eingesetzt werden.

Ab Mitte März werden die Sparkassen und Landesbanken den Update-Vorgang umgestalten. Die Kunden können dann auf dem Display der Geldautomaten auch direkt den Reparaturvorgang anwählen. Bei dieser Lösung erfolgt die Kartenreparatur automatisch im Rahmen der Echtheitsprüfung. Die Eingabe einer PIN ist dann nicht mehr erforderlich. Nur wenige Kreditkarteninhaber in Deutschland kennen die PIN ihrer Kreditkarte, da diese hierzulande bislang nicht für die Autorisierung von Zahlungen nötig ist.

Bei der Postbank waren am 19. Februar rund 450.000 der insgesamt 1,5 Millionen PostbankCards mit defektem Chip repariert. Die Kunden der Postbank können ihre Karten auch am Bankschalter ohne PIN-Eingabe umprogrammieren lassen. 

Am Rande der Fachmesse EuroCIS, vom 2. bis 4. März 2010 in Düsseldorf, war zu erfahren, dass bislang rund neun Millionen Karten umprogrammiert wurden. Der ursprüngliche Zeitplan der Kreditwirtschaft, die Updates bis Ende März abzuschließen, sei damit obsolet.