Christoph Lange ist VP Brand Solutions bei Zalando in Berlin. Als Mitarbeiter Nr. 3 kam er 2008 zu Zalando, um den Tech-Bereich aufzubauen. Heute verantwortet Christoph Lange den Bereich Brand Solutions, Zalandos B2B-Produkte, die Marken, Retailer und Kunden vernetzen. Die Vernetzung des Handels und der Integrated Commerce bei Zalando stehen auch im Fokus bei seinem Aufritt auf dem etailment Summit am 29. September in Frankfurt. Welche Folgen die Vernetzung auch für den Kunden hat, beantwortet er im Interview mit etailment.




Plattformen entwickeln eine immer größere Magnetwirkung. Auch im E-Commerce. Warum sollten sich andere Händler einvernehmen lassen?

Christoph Lange: Das Verhalten und die Bedürfnisse der Kunden haben sich im Laufe der letzten Jahre stark verändert. Sie nutzen verschiedene Devices, sind mehrmals am Tag online und immer stärker vernetzt. In anderen Bereichen, wie beispielsweise Musik, haben sie gelernt, wie bequem und nützlich es ist, eine zentrale Anlaufstelle zu haben. Das wird auch für Mode erwartet und genau da setzen wir mit der Zalando-Plattform an. Für uns liegt deshalb die Zukunft des Handels in der Vernetzung.

Christoph Lange, Zalando (Foto: Zalando)
Christoph Lange, Zalando (Foto: Zalando)

Vorteile entstehen für alle Beteiligten: Kunden profitieren vom breiteren und flexibleren Angebot. Händler erschließen auf einen Schlag eine viel größere Zielgruppe ohne selbst eine technische Infrastruktur aufbauen zu müssen. Kunden, die beispielsweise über Click & Collect oder andere Services in den Laden kommen und denen man dann eine ganz eigene Erlebniswelt präsentieren kann. Deshalb kann für mich von Einvernehmen nicht die Rede sein. Wir selbst profitieren natürlich auch: durch mehr Angebot wird die Plattform noch attraktiver, was wiederum mehr Kunden anzieht und die Plattform damit noch spannender für neue Partner macht – ein Plattform-Kreislauf.

"Ein angenehmes Shoppingerlebnis wird in Zukunft immer stärker mit Technologie zu tun haben."


Wie wird sich dadurch das Verhalten der Kunden weiter verändern?

Christoph Lange: Das Verhalten der Kunden hat sich wie gesagt bereits verändert. Dadurch, dass sie mobil zu jeder Zeit und an jedem Ort online auf Informationen zugreifen können, haben sie auch eine ganz andere Erwartung  an das Shopping und die Verfügbarkeit von Produkten. Schon heute kommen 60 Prozent der Besucher über ihre mobilen Endgeräte auf unsere Seite. Der Shopping-Impuls geht bei nahezu allen Kunden vom Produkt aus. „Ich brauche eine neue Jeans“, das ist die Überlegung und nicht „Ich möchte heute online einkaufen“. Für Kunden bestehen daher die Grenzen zwischen online und stationär schon lange nicht mehr. Sie wollen ein bestimmtes Produkt,  einen guten Service und ein angenehmes Shoppingerlebnis und das wird in Zukunft immer stärker mit Technologie zu tun haben – davon bin ich überzeugt.

Wo sehen Sie für ihr Unternehmen oder ihre Branche den größten Nachholbedarf bei Innovationen?

Christoph Lange: Innovation steht für uns im Fokus, gerade im Zusammenhang mit der Plattformstrategie. Hier sind wir zwar mit Angeboten wie dem Curated Shopping-Service Zalon, Zalando Media Solutions oder auch den Integrated Commerce Piloten in Berlin erste, wichtige Schritt gegangen, um aber in Zukunft eine Art Betriebssystem für Mode zu werden, ist noch einiges zu tun. Deshalb wird auch an allen Zalando-Ecken und -Enden entwickelt und getestet. Was die Branche insgesamt angeht, so wünsche ich mir mehr Mut zu Neuem. Es gibt immer einige Aufgeschlossene und andere, die eher skeptisch sind. Wichtig ist aber zu sehen, dass der Kunde längst online ist und vernetzt denkt.

"Warum nicht einen Kunden mit Location Based Services auf ein Produkt aus seiner Zalando-Wishlist hinweisen, das in dem Laden verfügbar ist, an dem er gerade in diesem Moment vorbei geht."


Wenn sich Kanäle und Verhalten ändern, hat das Auswirkungen auf die Kommunikation mit dem Kunden.
Wie und wo kann man Kunden im Marketing künftig erreichen?

Christoph Lange: Durch die jetzt schon starke und weiter steigende Nutzung von mobilen Geräten wird auch das Thema „Personalisierung“ immer wichtiger – bei den Services wie auch der Ansprache des Kunden.  Hier ist vieles möglich und denkbar. Beispielsweise durch die Nutzung von Location Based Services: Warum nicht einen Kunden auf ein Produkt aus seiner Zalando-Wishlist hinweisen, das in dem Laden verfügbar ist, an dem er gerade in diesem Moment vorbei geht.

Welcher Trend im digitalen Handel wird am meisten unterschätzt, welcher wird am meisten überschätzt?

Christoph Lange: Unterschätzt wird meiner Meinung nach immer noch das Thema “Mobile”, hier muss in der Branche mehr passieren, denn da ist der Kunde heute. Für überschätzt halte ich aktuell Virtual Reality, denn es wird noch einige Zeit dauern, bis die Handhabung und der Mehrwert für Kunden wirklich gut ist. Trotzdem gucken wir uns Technologien wie diese natürlich auch an. Momentan liegen die riesigen Brillen aber noch nicht wirklich gut auf der Nase.

Eine Fee schickt Sie als Vertretung für einen Tag an den Schreibtisch eines Handels-CEO ihrer Wahl. Wo würden Sie sich gerne hinzaubern lassen?

Christoph Lange: Egal, in welches Unternehmen ich mich hineinzaubern lassen würde, ich würde auf keinen Fall am Schreibtisch sitzen wollen. Die wirklich spannenden Dinge passieren ja meistens in den Teams oder werden auf dem Gang besprochen. Wenn es ein anderes Handelsunternehmen sein muss, würde ich gerne mal einen Tag mit Jeff Bezos mitlaufen und schauen, woran er gerade für die nächsten 5 bis 10 Jahre feilt.