Mercedes-Benz kehrt im Herbst mit dem Citan in das wachsende Fahrzeugsegment der Stadtlieferwagen zurück.

Der Schock sitzt noch immer tief: Mit dem Vaneo erlitt die ansonsten erfolgsverwöhnte Van-Sparte von Mercedes-Benz erstmals Schiffbruch. Laufen die Modelle Sprinter und Vito/Viano seit Jahren wie geschnitten Brot, fand der einst auf der ersten A-Klasse konzipierte Stadtlieferwagen kaum Fans und wurde nach nur drei Jahren Bauzeit 2005 sang- und klanglos wieder aus dem Programm genommen.

Seither klafft am unteren Angebotsende des „Vollsortimenters" eine große Lücke, die die Konkurrenten wie VW Caddy, Renault Kangoo, Citroen Berlingo, Peugeot Partner und Fiat Doblo mit stetig steigenden Verkaufszahlen weidlich ausnutzten.

Drei unterschiedliche Radstände verfügbar

Nun wollen die Stuttgarter dem lukrativen Treiben der Wettbewerber nicht länger tatenlos zusehen und bringen den Citan in Stellung. Pünktlich zur Internationalen Automobil-Ausstellung für Nutzfahrzeuge im September in Hannover soll der kompakte Lieferwagen mit drei unterschiedlichen Radständen und Motoren zwischen 50 kW/68 PS bis 80 kW/109 PS Leistung an den Start gehen.

Und weil der künftige Hoffnungsträger als erstes Ergebnis einer 2010 vereinbarten Kooperation ausgerechnet auf einem der genannten Widersacher, nämlich dem Renault Kangoo, basiert und sogar in den Werkshallen des französischen Partners von den Bändern läuft, fühlt sich die Kommunikationsabteilung gleich doppelt herausgefordert. Erstens: Ist das Vaneo-Dilemma überwunden? Und zweitens: Kann man aus dem eher preiswerten Allerweltskastenwagen Kangoo einen echten Mercedes machen, der dem hehren Marken-Claim „Das Beste oder nichts" gerecht wird? Diese Fragen gilt es, glaubwürdig zu beantworten; besser noch: sie erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Taufe mit Lasershow und Hirnforscher

Dementsprechend läuft die Vorbereitung der Markteinführung mit schwäbischer Gründlichkeit. Und so zelebrierte der Konzern jetzt vor 200 Journalisten aus ganz Europa schon mal die feierliche Taufe auf den Namen „Citan" mit Lasershow und professioneller Unterstützung durch einen Fernsehmoderator, einen Experten für Citylogistik und sogar einen eloquenten Hirnforscher.

Es war den Mercedes-Strategen um Spartenchef Volker Mornhinweg sichtlich daran gelegen, die Markenwerte wie Qualität, Zuverlässigkeit und guter Service gleich auf das künftige Modell zu projizieren - dabei bekamen die Pressevertreter das Fahrzeug nicht einmal zu sehen.

Publikumspremiere zur IAA in Hannover

Das ist erst für die Nutzfahrzeug-Messe RAI im April in Amsterdam versprochen. Dann dürfen die Medienleute immerhin mal anfassen und im August in Kopenhagen schließlich auch anlassen. So soll der Spannungsbogen bei der Kundschaft aufgebaut werden, die sich schließlich bis September Gedulden muss, ehe der kleine Frachter in Hannover zum großen IAA-Star werden soll.

Dass die Mercedes-Macher den Citan nicht im Alleingang auf die Räder gestellt haben, braucht sie eigentlich nicht weiter zu beschäftigen. Markenübergreifende Zusammenarbeit ist in diesem Bereich schließlich die Regel, nicht die Ausnahme. Peugeot produziert mit Citroen, Renault mit Nissan und in wenigen Wochen steht der Fiat Doblo auch als Combo bei den Opel-Händlern. Technisch wäre eine eigene Entwicklung "natürlich kein Problem" gewesen, sagt Volker Mornhinweg im Gespräch mit Der Handel, aber ohne Skaleneffekte und den geteilten Entwicklungsaufwand würden sich solche Projekte trotz der steigenden Absatzzahlen nicht rechnen.

Wachsender Markt

Bis 2015 wachse der europäische Markt für die Fahrzeuggattung um 34 Prozent gegenüber 2010 auf insgesamt 1,3 Millionen Einheiten, hat Mercedes-Benz-Vertriebsleiter Andreas Burkhart ermittelt. Dass die Stadtlieferwagen weiter an Bedeutung gewinnen, belegt zudem Marcel Huschebeck von der PTV AG, einem Logistikdienstleister aus Karlsruhe.

Der Verkehrsexperte lieferte auch gleich die für den Handel bedeutsame Erklärung: Weil die Bestellungen im Internet (E-Commerce) rasant zunehmen, werde die Lieferung zu den Verbrauchern in häufig enge Wohngebietsstraßen immer kleinteiliger. Für die „letzte Meile" seien  daher die emissionsarmen, wendig-kompakten Citytransporter besonders gefragt.

Bernd Nusser