Dramatisch scheinen die Folgen des vor wenigen Monaten eröffneten Verteilerzentrums von Amazon in Olching bei München zu sein. Amazon liefert von dort in Eigenregie in der Metropolenregion aus. Ohne DHL und Co. Die Deutsche Post habe "fast ein Drittel des Marktanteils verloren", schreibt heute das "Handelsblatt". Doch Vorsicht ist bei solchen Zahlen angebracht.

Während der Onlineriese bereits über weitere eigene Hubs nachdenken soll, macht jetzt im "Handelsblatt" die Schlagzeile die Runde, in München habe "die Deutsche Post fast ein Drittel des Marktanteils verloren". Anlass dafür ist ein Satz von Ekkehard Hahn, Chef des bundesweit agierenden Logistikdienstleisters Mail Professionals, im heutigen Handelsblatt: "Die Mengen, die DHL an unsere Poststellen liefert, sind um 25 bis 30 Prozent eingebrochen."

Doch Vorsicht. Da ist etwas viel Interpretationsspielraum in der Meldung. Sehr viel. Aus diesem Satz herauszulesen, die Deutsche Post habe fast ein Drittel des Marktanteils verloren, ist ein bisschen gewagt.

Das klingt alles weitaus weniger dramatisch, wenn man weiß, dass der Dienstleister Mail Professionals bundesweit Poststellen für Firmenkunden betreibt. Er bildet also nur einen kleines Teilsegment im Markt ab (Umsatz von Mail Professionals 2013; 6,9 Millionen Euro). Analysten schätzten den Anteil von Amazon-Paketen in der gesamten Post-Zustellung auf bis zu 30 Prozent und beziffern den Anteil am Jahresumsatz auf rund 600 Millionen Euro und rund 50 Millionen Euro beim Ebit.

Aus der Detailbeobachtung bei Poststellen für Firmenkunden schon die große Krise für DHL auszurufen, wäre also ungefähr so, als würde man das Zalando-Wachstum auf der Basis der Lieferzahl pinkfarbener Badelatschen nach Moabit hochrechnen. Im Winter.

Hinzu kommt: In Olching und potenziellen Nachfolgern geht es Amazon vor allem darum, die Services Next Day - und Same Day-Delivery (in 14 Städten) sowie künftig Prime Now noch Metropolen-tauglicher und tempo-kompatibler zu machen.

Die Zahlen klingen andererseits aber umso dramatischer, wenn man weiß, dass Amazon erst gerade einmal 240 Lieferwagen von sechs Subunternehmen im Einsatz hat. Da geht also noch so einiges. Zumindest im KEP-Geschäft und bei Auftragsspitzen werden den Logistikern also auf Sicht Aufträge verloren gehen.  


Also sollten Logistiker wie DHL durchaus gewarnt sein.
Der britische Paketlieferant Royal Mail musste seine Wachstumhoffnungen bereits eindampfen. Wegen Amazon. Bei Tamebay kursiert die Statistik von einem Händler, der im Februar 1000 Sendungen über FBA abgewickelt hat. Danach werden in Großbritannien bereits knapp 80 Prozent der Bestellungen direkt von Amazon verschickt. Auf Platz 2 folgt Royal Mail mit 15,21 Prozent, DPD auf Platz 3 schafft gerade noch auf  4 Prozent. Auch das aber ist nur ein Fingerzeig.

Einen anderen Finger zeigt Amazon den Logistikern mit Plänen, die die Branche gleichfalls aufschrecken. Amazon plant in Deutschland eigene Abholstationen für Pakete, hieß es in der "SZ".  Damit würde sich Amazon noch unabhängiger machen. In den USA und Großbritannien pflanzt der Onlineriese seine Paketstationen namens "Amazon Locker" bereits seit einigen Jahren in Serie in Einkaufszentren oder an Supermärkten.

DHL und Mitstreiter haben also durchaus Gründe, gewarnt zu sein. Denn Amazon verleibt sich jeden Markt mit Babyschritten ein. Der 30-Prozent-Warnschuss aus der Firmen-Poststelle ist vielleicht also etwas überlaut, er zielt aber schon in die passende Richtung.

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