Der Juwelier-Sicherheitsexperte Martin Winckel über den Millionen- Diebstahl im Berliner KaDeWe, professionelle Täter und die trüben Aussichten, die Beute jemals wieder zu finden.

Herr Winckel, die Berliner Polizei bearbeitet derzeit 56 Hinweise. Glauben Sie an eine ernsthafte Chance, dass der Einbruch im KaDeWe aufgeklärt wird?
Nein. Wenn überhaupt, werden die Ausführenden erwischt. Also die Einbrecher, die die Tat vor Ort begangen haben, und nicht die "Masterminds" im Hintergrund. Aber das wird nur passieren, wenn Spuren gefunden werden - oder wenigstens Teile der Ware irgendwann wieder auftauchen. Aber auch daran glaube ich nicht.

Wo könnten denn die gestohlenen Schmuckstücke wieder auftauchen?
(Lacht) Wenn ich das wüsste. In den vergangenen zehn Jahren sind deutschlandweit mehr als zehntausend hochwertige Markenuhren gestohlen und geraubt worden. Alle hatten eine Individualnummer und wären daher leicht wiederzufinden.

Und was ist geschehen?
Es sind vielleicht nur zwanzig Stück wieder aufgetaucht. Weltweit, wohlgemerkt.

Warum sind die Quoten so enttäuschend?
Die Polizei tut ihr Bestes. Sie wird aber durch gesetzliche Vorgaben, zum Beispiel in Sachen datenschutz, und schlechte sachliche wie auch finanzielle Ausstattung häufig behindert. Dies gilt nicht nur für die deutsche Polizei, sondern in ganz Europa. Die europaweite Zusammenarbeit und der Datenaustausch ist in vielen Fällen noch katastrophal. Echte Straftäter werden dadurch geschützt, aber bei Autofahrern werden Halterdaten problemlos grenzüberschreitend ausgetauscht.

Sie haben den Einbruch im KaDeWe mit dem Diebstahl im legendären Kinofilm Rififi verglichen. Warum?
Alle Personen, die daran beteiligt waren, haben optimale Arbeit geleistet. Hier wurden sämtliche Schwächen bei den Sicherungssystemen, vom Kaufhaus wie auch bei Christ, genau ausgekundschaftet und ausgenutzt. Die Männer, die ins KaDeWe dann eingestiegen sind, waren nur noch ausführende Organe. Dieser Fall ist der organisierten Kriminalität zuzuordnen, auch wenn das die deutsche Strafverfolgung nicht so gern hört. Doch wer so etwas plant und durchführt weiß vorher genau, wo und wie er auch hinterher die Beute absetzen kann.

Wie ist es den Einbrechern eigentlich gelungen, sämtliche Sicherheitsvorkehrungen des Kaufhaus zu umgehen?
Die Täter waren schlau. Um vom ersten Stock, wo sie durch ein Fenster auf dem Vordach eingestiegen sind, ins Erdgeschoss zur Filiale zu gelangen, haben sie sich abgeseilt oder Strickleitern benutzt. Und wieder hinauf, wohlgemerkt. Folglich mussten sie gewusst haben, dass auf den Rolltreppen oder Treppenaufgängen Alarm ausgelöst worden wäre. Was mich verblüfft ist, dass über diese lange Zeit kein Wachmann aufgetaucht ist, beziehungswese die Tat nicht früher entdeckt wurde. Zwischen Tatausführung und Enddeckung vergingen vermutlich rund 24 Stunden.

Sie glauben an Komplizen innerhalb des Personals im KaDeWe?
Das ist eine heiße Spekulation...

...die aber nicht abwegig ist.
Allerdings, denn für so eine Tat ist sehr viel Insiderwissen notwenig. Man kann sich vorher mit einem geübten Blick informieren, wo Bewegungsmelder und dergleichen installiert sind. Aber welcher Außenstehende zum Beispiel kann vorhersagen, wann die Wachmänner ihre Routine-Rundgänge antreten?

Derzeit schwanken die Schätzungen über die Schadenshöhe zwischen vier und sechs Millionen Euro. Haben Sie andere Zahlen gehört?
Nein. Aber wenn die Einbrecher zweimal kommen mussten, um die Beute wegzutragen, dann wird die Tat schon eine mächtige Größenordnung haben.

In die Christ-Filiale im KaDeWe wurde schon 1994 eingebrochen. Hat das Unternehmen ein Sicherheitsproblem? Schließlich blieben auch diesmal Luxusfilialen von Bulgari oder Tiffany in der Nachbarschaft unbehelligt.
Diese Geschäfte bieten hochwertigere Waren an und arbeiten nach dem Shop-in-Shop-System. Christ verfolgt aber ein offenes Konzept, ohne Türen. Dieses erhöhte Risiko muss von der Versicherung abgesegnet worden sein.

Also hat jetzt die Versicherung auch ein großes Problem?
So ist es. Dieser Diebstahl schmerzt vermutlich auf beiden Seiten.

Gibt es ein Sicherheitsdefizit bei Juwelieren?
Ein klares Nein. Juweliergeschäfte haben in den vergangenen 15 Jahren - seit dem die massive Bedrohung aus Ost- und Südosteuropa besteht - erheblich in die Sicherheit investiert. Ein Problem haben Versicherer, die nicht selten (auch aus Wettbewerbsgründen) zu hohe Risiken eingehen oder Altverträge nicht auf den aktuellen Stand bringen.
Probleme haben ebenfalls Polizei und Staatsanwaltschaft bei der grenzüberschreitenden Kriminalität und die Rechtsprechung mit Urteilen, die in ihrem Umfang nicht vollstreckt werden. So werden ausländische Täter in der Regel spätestens nach Verbüßung der halben Haftzeit mit Auflagen abgeschoben. Die Probleme der Tatopfer spielen bei diesen Verfahrensabläufen keine Rolle. Die Rückführung des Raub- uns Stehlgutes ist gleich Null. Die selten festgenommenen Täter geben die begangen Taten zwar zu. Aber zum Verbleib der Beute schweigen sie, da ihre Familien daheim sonst um ihre Leben fürchten müssen.

Leiden unter dieser Form der Kriminalität nur Schmuckhändler?
Derzeit sind Optiker in Mode, mangels schlechter Absicherung der Ware und Geschäfte. Diese werden komplett ausgeräumt - und ein paar Tage später eröffnet dann in Osteuropa ein neuer Optiker. Der Warenwert und der Wert der technischen Ausstattung eines Optikerfachgeschäfts gehen schnell in die Hunderttausende. Bei Neueröffnungen werden solche Läden von den Versicherungen mittlerweile fast wie Juweliere eingestuft.

Christ bietet 100.000 Euro Belohnung für sachdienliche Hinweise, die den KaDeW-Einbruch aufklären. Wird es diese geben?
Die Frage ist, ob sich Zeugen wegen des hohen Risikos für Leib und Leben melden. Theoretisch ist auch die Identifikation über Hautpartikel oder Haare am Tatort möglich. Aber in einem Kaufhaus wird man jede Menge Haare finden. Wem soll ein Haar dann zugeordnet werden? Gehört es einem Täter oder einem Kunden?

Was bedeutet dieser Raub für die anderen Christ-Filialen in Deutschland?
Die haben dasselbe Risiko wie alle Schmuckgeschäfte. Ich glaube aber, dass die Versicherungen darauf drängen werden, dass solche enormen Werte wie im KaDeWe nicht mehr über Nacht offen aufbewahrt werden dürfen. Geschlossene Juweliergeschäfte werden nicht ohne Grund angehalten, soviel Ware wie möglich über Nacht in den Tresor zu schließen. Das offene Verkaufskonzept ist nur praktikabel bei preisgünstigen Waren wie in Modeschmuck-Boutiquen. Aber bei höherwertigen Angeboten ist das nicht empfehlenswert, da es Kriminelle anlockt.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Martin Winckel ist gelernter Goldschmied und Einzelhandelskaufmann. Er betreibt in Lünen einen internationalen Juwelier-Warndienst und eine Sicherheitsberatung. Dazu gehört die regelmäßige Informationen für Juweliere und Polizei über Straftaten - und wie man sich davor schützen kann.