Die Insolvenz von Quelle ist ein wirtschaftliches Desaster. Hinter dem Aus für das Versandhaus stecken aber auch zahlreiche menschliche Schicksale. Die Redaktion von Der Handel stellt zwei vor.

Seit dem 20. Oktober steht fest, dass Quelle nicht mehr zu retten ist. An diesem Tag stellte Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg die Investorensuche für das insolvente Versandhaus ein. Was Unternehmensgründer Gustav Schickedanz vor 82 Jahren begonnen hatte, ging dieser Tage mit "Deutschlands größtem Ausverkauf" zu Ende. Ironischerweise besiegelten am 11. November, dem Tag, an dem die Faschingssaison beginnt, die Gläubiger in Essen das Aus von Europas einst größtem Versandhaus. Auf rund 1,6 Milliarden Euro belaufen sich die Forderungen der Gläubiger.

4.000 Arbeitssuchende

Das Ende von Quelle sorgte für die "größte Entlassungswelle innerhalb einer Woche in der Bundesrepublik", wie es Rainer Bomba, Chef der Nürnberger Arbeitsagentur formulierte. Rund 4.000 Beschäftigte in der Fürther Unternehmenszentrale mussten als Arbeitssuchende registriert werden. Was aus den noch 800 Beschäftigten im Logistikzentrum Leipzig wird, ist unklar. 150 Mitarbeitern dort ist bereits gekündigt worden, der Betrieb läuft wenigstens bis Februar 2010 weiter.

Wie geht es Menschen, denen das Aus von Quelle die Existenzgrundlage entzogen hat? Die Redaktion Der Handel stellt zwei völlig unterschiedliche Schicksale vor.

Quelle-Shop als Warenhaus mit Nestwärme

Es ist nur ein kleiner Laden mit etwa 20 Quadratmetern Verkaufsfläche. Doch wie wichtig dieses Geschäft für das Städtchen Winsen an der Aller ist, hat Sigrid Jacobus im Herbst zu spüren bekommen. "Die Leute haben mir zum Trost Blumen und Schokolade gebracht", sagt sie.

Der Quelle-Shop war in Winsen (13.000 Einwohner) wie ein kleines Warenhaus mit viel Nestwärme, vor allem für die alten Leute, die erst einen Kaffee bekamen, bevor sie ihre Einkäufe erledigten, für die sie sonst umständlich mit dem Bus in die Nachbarstadt Celle hätten fahren müssen.

Die einzige Mitarbeiterin entlassen

Seit 2006 führt Sigrid Jacobus diesen Shop, vorher war sie in der Stadt 23 Jahre lang Leiterin einer Aldi-Filiale. Im Oktober musste sie ihre Shop-Mitarbeiterin entlassen. Und wenn sie bis Mitte Dezember die letzten Waren des einst so großen Versandhauses verkauft haben wird, "dann habe ich Quelle zu Grabe getragen".

1.500 Quelle-Shops gab es in Deutschland - mit Bekanntgabe der Insolvenz des Versandhauses befanden sich diese Geschäfte mit einem Schlag in einem vertragslosen Zustand.

Gerade die Betriebskosten gedeckt

Der Anfang vom Ende war für Sigrid Jacobus aber schon Wochen vorher zu spüren. Plötzlich registrierte die Händlerin aus Niedersachsen Lieferengpässe. Ihre Kunden wollten zwar bestellen - aber es gab keine Ware mehr. "Seit Juli habe ich gerade noch so viel verdient, um meine Betriebskosten zu decken."

Vorher habe sich ihr Jahresumsatz auf einen sechsstelligen Eurobetrag summiert, vor allem Waschmaschinen seien gut gelaufen.

Kurzwaren und Wolle

Der Ausverkauf hat noch mal die Kasse des Shops in Winsen gefüllt. 30 Prozent Rabatt auf alles mussten alle Quelle-Shops ihren Kunden gewähren, so die Anweisung aus Fürth. Mittlerweile lebt die Familie mit drei Kindern vom Geld, das Sigrid Jacobus' Mann als Geschäftsführer einer Fahrschule verdient.

Wie es mit ihrem kleinen Shop weitergeht, weiß Sigrid Jacobus noch nicht. Sie hat sich mittlerweile an den Konkurrenten Neckermann gebunden, Kurzwaren und Wolle ins Sortiment genommen und ist ab 1. Dezember auch Annahmestelle für eine Textilreinigung.

"Ich bin Händlerin"

Durch das Durcheinander der Insolvenz habe ihr Laden einen Imageschaden erlitten, sagt Sigrid Jacobus. Kunden, die mit einem Garantiefall an einem Quelle-Produkt zu ihr kommen, muss sie nun wieder wegschicken - oder an den örtlichen Elektriker vermitteln.

Eine berufliche Alternative wäre für die 45-Jährige ein Bürojob in der Fahrschule ihres Mannes, "aber das ist nicht meine Welt. Ich bin Händlerin", sagt sie.

Im Schaukasten am Nürnberger Bahnhof

Noch bis Ende dieses Jahres wird der Reisende am Nürnberger Hauptbahnhof auf einen Schaukasten aufmerksam. Er blickt auf fünf edel fotografierte Frauen, geschäftsmäßig geschminkt und gekleidet, die nur eines wollen: neue Jobs.

Sabine Schweiger, Danijela Stanojcic, -Kerstin Popp, Hermine Stengl und Manuela Cooper sind die persönlichen Sekretärinnen der ehemaligen Quelle-Chefs in Fürth, bis zu 25 Jahren im Unternehmen - aber bald arbeitslos.

Mit E-Mail-Adresse

Beim Mittagessen in der Kantine kam die Idee: Mit einem professionellen Werbeplakat wollte das Quintett sich auf die Suche nach neuen Arbeitsplätzen machen.

Eine Fotografin rückte die Damen ins rechte Licht, und bei der Nürnberger Städtereklame wurde für außergewöhnliche Bewerbungsschreiben ab 27. Oktober bis zum Jahresende ein Schaukasten am Bahnhof gemietet - zum Vorzugspreis von 500 Euro. "Sekretärinnen suchen neuen Chef" steht auf dem Bewerbungsfoto, darunter die E-Mail-Adresse top-five-secretaries@web.de

Viele Angebote

Dank des Medieninteresses wurde das Quintett vorübergehend zu Deutschlands populärsten Jobsuchenden. "Es sind bisher viele Angebote gekommen", sagt Danijela Stanojcic, 33 Jahre alt, seit 16 Jahren bei Quelle und derzeit noch Sekretärin des kaufmännischen Leiters.

Eine Zusage gebe es freilich bisher weder für sie noch für eine ihrer vier Kolleginnen. Vielleicht behindert die lokale Verbundenheit den schnellen Jobwechsel: Alle fünf wollen aus familiären Gründen in der Nürnberger Umgebung bleiben. Stellenangebote aus anderen Städten haben die fünf fränkischen Frauen deswegen an Kollegen in der Arcandor-Zentrale in Essen weitergeleitet.

"Mein halbes Leben bei Quelle verbracht"

Trotz TV-Interviews und Zeitungsberichten würden sie sich freilich nicht als Stars fühlen, sagt Danijela Stanojcic, dafür sei die Lage zu ernst. Noch ist keiner von ihnen gekündigt, sie gehen weiter täglich zur Arbeit und helfen, ihr Unternehmen abzuwickeln. "Das ist ein eigenartiges Gefühl", empfindet die Sekretärin. Sie habe "nie damit gerechnet, dass Quelle dicht macht. Mein halbes Leben habe ich hier verbracht".

Unter ihren Kolleginnen herrsche trotzdem gute Stimmung, denn Arbeit gebe es für das Sekretärinnen-Quintett noch jede Menge. "Doch außerhalb unserer Büros spüre ich Enttäuschung und Zorn bei den Mitarbeitern", sagt Danijela Stanojcic.