Die Buchautoren Volker Kitz und Manuel Tusch über die Gründe, warum Mitarbeiter in ihren Betriebe stehlen - und was dagegen helfen kann.

Autoren Kitz, Tusch, Foto: Mareike Foecking
Autoren Kitz, Tusch, Foto: Mareike Foecking
Warum bestehlen Mitarbeiter ihre Arbeitgeber?

Kitz: Weil die Menschen den Bezug zu Mein und Dein verlieren, sobald sie sich im öffentlichen Raum bewegen.

Deswegen soll die Kassiererin Emmely Pfandbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen haben?
Tusch: Ein Arbeitsvertrag beinhaltet auch einen psychologischen Teil. Dieser betrifft die unausgesprochenen gegenseitigen Erwartungen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Hier wünschen sich Mitarbeiter Anerkennung und Respekt. Chefs wiederum wünschen Engagement ihrer Mitarbeiter und dass sie mehr leisten, als nur ihre Arbeitszeit abzusitzen. Frau Emmely könnte ihren psychologischen Arbeitsvertrag als verletzt angesehen haben, weil sie die Würdigung ihrer Arbeit vermisst hat.

Ein Diebstahl im Betrieb ist also eine Kompensation von solchen unerfüllten Wünschen?
Kitz: Genau. Doch diese vermeintliche Bagatelle könnte für den Vorgesetzten eine perfekte Vorlage sein, einem unliebsamen Mitarbeiter zu kündigen. Denn auch sein Teil des psychologischen Arbeitsvertrages könnte verletzt worden sein, weil die Mitarbeiterin aus seiner Sicht keine gute Kraft war - man ihr aber arbeitsrechtlich bislang nicht beikommen konnte. Vielleicht hat ja die Kassiererin in ihren 30 Jahren als Mitarbeiterin früher, als es noch keine Videoüberwachung gab, auch regelmäßig gestohlen? Solche Fragen stellt sich dann ein Vorgesetzter natürlich.

Diebstahl von Firmeneigentum ist kein neues Phänomen. Auffällig sind aber die vielen Kündigungen nach Bagatellvergehen in jüngster Zeit. Woran liegt das?
Kitz: Wir haben beobachtet, dass seit Beginn 2009 das Klima in den Betrieben rauer geworden ist. Für viele Mitarbeiter ist ein Diebstahl deswegen ein als gerecht empfundener Ausgleich für schlechte Behandlung. Für die Arbeitgeber sind diese Vergehen in der Wirtschaftskrise willkommene Anlässe, Personal loszuwerden.

Wie lässt sich das Betriebsklima verbessern?
Tusch: Chefs und Mitarbeiter sollten regelmäßig gedanklich und gefühlsmäßig die Rollen tauschen. Diese Perspektivenwechsel führen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis.

Glauben Sie, dass ein Geschäftsführer die Sorgen einer Kassiererin nachvollziehen kann?
Kitz: Chefs, die nicht zu Empathie fähig sind, die sich also nicht in Mit-arbeiter hineinversetzen können, sind fehl am Platz. Der Vorgesetzte einer Kassiererin muss wissen, dass jemand, der wenig Geld verdient, überdurchschnittlich oft motiviert und gelobt werden muss, um den monetären Nachteil auszugleichen.

Man könnte die Frau auch besser bezahlen.
Tusch: Gute Idee. Doch das allein hilft nicht. Die Menschen führen einen sozialpsychologischen Aufwärtsvergleich durch. Jeder vergleicht sich immer mit dem, dem es noch besser geht. Wir können somit nie genug verdienen. Die immateriellen Werte wie Respekt und Anerkennung wirken langfristiger.

Zu den Personen:
"Ohne Chef ist auch keine Lösung" heißt der Titel des zweiten Buches von Volker Kitz und Manuel Tusch (Campus Verlag). Darin geben beide Ratschläge zu einem besseren Umgang zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Mit ihrem Erstlingswerk "Das Frustjobkillerbuch" landete das Autorenduo 2008 einen "Spiegel"-Bestseller. Kitz arbeitet in Köln als Psychologe, Tusch als Rechtsanwalt.

Interview: Steffen Gerth