Handel und Industrie wollen sich nun doch am Textilbündnis von Entwicklungshilfeminister Müller beteiligen. Dafür haben sich beide Seiten auf neue Beitrittskriterien verständigt, die freilich etwas moderater ausfallen.

Wenn der Minister lobende Worte findet, dann muss etwas Besonderes passiert sein. "Das Bündnis ist einen entscheidenden Schritt vorangekommen", jubelt Gerd Müller. "Zwei Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch setzen wir in Deutschland ein wichtiges Zeichen für eine faire Textilproduktion."

Im Oktober vergangenen Jahres hatte Entwicklungshilfeminister Müller das "Textilbündnis" ins Leben gerufen, in dem sich Hersteller und Handel auf faire Produktionsbedingungen verpflichten sollten. Doch Müller fand kaum namhafte Mitstreiter seitens der Unternehmen und Verbände. Besonders mittelständische Händler sahen sich durch das Bündnis benachteiligt, wie etwa Daniel Terberger, Chef der Textilhandelsverbundgruppe Katag zu Der Handel sagte (siehe Februar-Ausgabe).

Ziel: möglichst viele neue Mitglieder

Es wurde dann im Stillen zwischen Wirtschaft und Ministerium verhandelt, und neuerdings gibt veränderte Beitrittsvoraussetzungen für das Bündnis. Das sehen beide Seiten als Erfolg. Ziel ist es offenbar zuerst, dass möglichst viele Unternehmen mitmachen. Auch mittelständische. Doch die gewünschte Steigerung der Mitgliedszahlen wird offenbar dadurch erkauft, dass die Einstiegsvoraussetzungen abgeschwächt worden sind. Siehe auch den überarbeiteten Aktionsplan des Ministeriums.

Die Position der Wirtschaft ist klar: "Wenn Behörden in Produktionsstaaten ihrer Kontrollfunktion nicht nachkommen, dann können jedoch deutsche Unternehmen dafür nicht haftbar gemacht werden", schreibt Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie (t+m). "Die deutsche Textilwirtschaft schlägt einen verbindlichen Arbeitsprozess vor, bei dem die Bündnisteilnehmer gemeinsam definierte Ziele zur Verbesserung der Produktionsbedingungen in Drittländern verfolgen", teilt Neumann weiter mit.

Die Wirtschaft könne keine hoheitlichen Aufgaben des Staates oder der Tarifpartner übernehmen. Eine konsequent internationale Ausrichtung des Textilbündnisses sei notwendig, um Nachteile für deutsche Betriebe im internationalen Wettbewerb zu verhindern, betont die Präsidentin weiter.

Verbände empfehlen Unternehmen Mitgliedschaft

Über besagte Ziele muss freilich noch verhandelt werden. Aber immerhin haben die Verbände der  Textilwirtschaft, dazu gehören die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels, GermanFashion, der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie und der Handelsverband Deutschland (HDE), dem Textilbündnis signalisiert, ihren Mitgliedsunternehmen auf der Basis der neuen Abmachung eine Mitgliedschaft zu empfehlen. "Voraussetzung für einen breiten Beitritt der Wirtschaft ist ein gemeinsamer Bündnisgeist", sagte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.

Derzeit sind rund 70 Unternehmen Mitglied beim Textilbündnis, die namhaftesten Unternehmen aus dem Einzelhandel sind der Discounter NKD sowie Hess Natur.