Der Volkswirtschaftler Horst Gischer über die Gründe, warum dem Einzelhandel wegen der Finanzkrise nicht bange sein muss. Zumindest noch nicht.

Herr Professor Gischer, der Einzelhandelsverband verblüfft dieser Tage mit guten Nachrichten für die Branche - trotz der aktuellen Finanzkrise. Widerspricht das nicht der Logik?

Nicht unbedingt. Denn einige zentrale Preise in Deutschland, wie beispielsweise für Energie, steigen seit Wochen nicht mehr, sondern fallen teilweise deutlich. Bei Kraftstoffen merken es die Verbraucher besonders gut. Aber auch bei Lebensmitteln wie Molkereiprodukten, sind die Preise deutlich langsamer gestiegen. Teilweise gab es sogar erhebliche Preisrückgänge. Zudem haben die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen gute Lohnerhöhungen durchgesetzt. Das alles sorgt dafür, dass die privaten Haushalte kaufkräftiger geworden sind.

Also muss der Einzelhandel die Finanzkrise nicht fürchten?
Zumindest im Augenblick nicht.

Das heißt, der Handel hat ein gutes Weihnachtsgeschäft?
Ich vermute stark, dass es so kommen wird. Denn es gibt Nachholeffekte. Schließlich litten die vergangenen zwei, drei Weihnachtsfeste unter ungünstigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Doch jede Menge Arbeitsplätze sind wieder sicherer geworden, zudem haben viele Menschen Jobs gefunden. Daher wollen sich die Leute in diesem Jahr wieder belohnen und sich schön beschenken.

Aber wer sein Erspartes an der Börse verliert, der wird keinen Sinn haben für Konsum. Der spart sein Geld.

Daher spreche ich ja von Verzögerungseffekten angesichts der Finanzmarktkrise. Viele Verbraucher rechnen ja damit, dass dieser Zustand nur vorübergehend Bestand haben wird, und dass sich in drei, vier Wochen die Wogen wieder geglättet haben. Aber je anhaltender die Krise ist, desto größer ist der Anreiz zum Sparen. Und dann schwindet die Kauflaune.

Der Einzelhandelsverband verblüfft zudem mit famosen Arbeitsmarktzahlen. Angeblich seien durch die neuen Ladenöffnungszeiten 60.000 neue Jobs entstanden. Glauben Sie das?
Also, diese Zahl überrascht mich schon sehr. Zumal für breite Käuferschichten diese veränderten Öffnungszeiten kaum ersichtlich sind. Man muss vielmehr prüfen, ob sich die Netto-Öffnungszeiten nennenswert verändert haben. 60.000 ist eine schwer vorstellbare Zahl. Es ist zu prüfen, ob das wirklich alles „richtige” Stellen sind, oder mehrheitlich nur Saisonkräfte oder Aushilfen in Spitzenzeiten.

Und was erwarten Sie für 2009? Selbst die Bundesregierung spricht nun davon, dass sich Deutschland einer Rezession nähert.
Wirtschaftliche Abschwünge sind nichts Neues. Und im Moment erleben wir eine Stagnation, aber keine Rezession. Einen nennenswerten Einbruch der deutschen Wirtschaft halte ich für unwahrscheinlich.

Warum?
Weil der Gesamtrahmen anders ist als vor fünf, zehn Jahren. Fast alle leidvollen Reformen, wie bei den Sozialversicherungen oder auf dem Arbeitsmarkt, sind bereits umgesetzt worden. Außerdem produzieren die Unternehmen bei relativ hoher Kapazitätsauslastung. Das heißt, dass sinkende Auftragsniveaus nicht mehr so stark einen Beschäftigungs-Rückgang durchschlagen. Auch die Wirtschaftsinstitute sprechen nicht ohne Grund von maximal rund zusätzlichen 250.000 Arbeitslosen für das kommende Jahr. Das bedeutet, dass die Masseneinkommen stabil bleiben, und der private Konsum nicht einbrechen wird.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Der gebürtige Westfale Horst Gischer hat Bankkaufmann gelernt und ist seit 1997 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.