Der spektakuläre Einbruchsdiebstahl im KaDeWe ist immer noch nicht aufgeklärt. Zwei Verdächtige wurden dieser Tage wieder freigelassen. Wie sicher sind eigentlich Juweliergeschäfte?

Nein, sagt Jürgen Wörner, Sprecher der Mannheimer Versicherungen, "so was gibt es nur in James-Bond-Filmen". Dass eine Versicherung eigene Geheimermittler losschickt, um im Schatten der Polizei nach der Beute zu fahnden, wird in Kriminalfilmen gerne vorgegaukelt, die Praxis sieht anders aus. "Wir kooperieren mit der Polizei", sagt Wörner zu Der Handel, "das hat sich bewährt."

Drei Wochen nach dem fulminanten Einbruch in der Filiale des Juweliers-Christ im Berliner KaDeWe (25. Januar) konnte die Polizei zwei Tatverdächtige fassen. Von der Beute gibt es allerdings bisher keine Spur.

Zudem mussten die beiden verdächtigen Zwillingsbrüder wieder freigelassen werden. Der erstaunliche Grund: Die Ermittler konnten zwar anhand der am Tatort sichergestellten DNA-Spuren feststellen, dass mindestens einer der beiden an der Tat beteiligt war. Aber wer, das war nicht herauszufinden. Beide mutmaßlichen Täter haben sich bisher zu dem Fall ausgeschwiegen.

"Zahlen müssen wir auf jeden Fall"

Mannheimer ist neben Christ Haupt-Leidtragender dieses Einbruchs, bei dem Schmuck im Wert von geschätzten sechs Millionen Euro gestohlen wurde. Die Assekuranz ist der Versicherer der Juwelierkette aus Hagen. Egal, ob die Beute jemals wieder auftaucht oder nicht, "zahlen müssen wir auf jeden Fall", sagt Wörner, "denn die Täter sind ja nicht gerade mit der Pinzette vorgegangen". Eingeschlagene Vitrinen und Glastüren haben für einen hohen Sachschaden gesorgt.

Martin Winckel glaubt nicht, dass der Schmuck von Christ wieder gefunden wird. Der Betreiber eines Sicherheits- und Warndienstes für Juweliere aus Lünen vermutet Organisierte Kriminalität hinter diesem gewaltigen Einbruch. "Wer so etwas plant und durchführt weiß vorher genau, wo und wie er auch hinterher die Beute absetzen kann", sagt er zu derhandel.de.

Neue Dimension

Mannheimer ist längst dabei, alle sicherheitsrelevanten Fragen mit Christ zu klären, wie es Sprecher Wörner formuliert. Für Winckel ist der Knackpunkt des Einbruchs das offene Ladenkonzept bei Christ. Denn die Nachbarfilialen im KaDeWe der Nobelmarken Bulgari oder Tiffanys verfolgen geschlossene Shop-in-Shop-Konzepte, die einbruchsicherer sind. 

Winckel ist ein strikter Gegner der offenen Läden: "Für mich ist ein unverständliches Risiko, dass derart viel Ware wie bei Christ im KaDeWe offen aufbewahrt worden ist. In Italien ist das nächtliche Ausräumen der Vitrinen Standard."

Kein neues Ladenkonzept

Wörner betont, dass die Assekurenz trotzdem nicht darauf drängen werde, dass Christ seine bisherige Ladenform aufgeben muss. Allerdings pocht die Versicherung auf Konsequenzen - wie schon 1994, als die dieselbe Filiale zum ersten Mal bestohlen wurde. Der Schaden damals: 600.000 Euro.

Der Manneheimer-Sprecher sagt, dass der generalstabsmäßig durchgeführte Einbruchsdiebstahl im KaDeWe eine neue Verbrechensdimension beschreibt. "Die Täter werden immer dreister." Ein Versicherer hechelt angesichts der Dynamik der Kriminalität immer hinterher.

Sachschäden entstehen immer

Laut Wörner ist Mannheimer Deutschlands größter Versicherer für Schmuckgeschäfte. Zehn Fachleute für Juweliere beschäftigt die Assekuranz, die die Fachgeschäfte nach drei Kriterien beraten: mechanische Sicherungen (Türen), elektronische Sicherungen (Alarmanlagen) und Verhaltensregeln für brenzlige Situationen.

Das scheint zu helfen, denn "acht von zehn Einbrüchen sind erfolglos", versichert Wörner. Trotzdem entstehen immer Sachschäden, beispielsweise, wenn die Schaufensterscheibe eingeschlagen wird. Dass Juweliere gefährlich leben, bestätigt auch die Aussage vom Versicherer Hamburg-Mannheimer. "Die Risikosituation ist nach wie vor angespannt. Einbrüche, Blitzeinbrüche haben etwas nachgelassen, Raubüberfälle, Trickdiebstähle haben jedoch zugenommen", teilt das Unternehmen auf Anfrage von derhandel.de mit.

Sicherheitsexperte Winckel bezweifelt die Rechnung von Mannheimer, dass bei den meisten Einbrüche keine Ware gestohlen wird.  "Ich schätze, dass gut die Hälfte der Taten erfolgreich ist. Andernfalls müssten ja die Versicherer in Geld schwimmen - oder die Höhe der Prämien drastisch reduzieren."

Ganze Läden werden leer geräumt

Winckel weist auch darauf hin, dass Optikergeschäfte immer öfter überfallen werden und deswegen mittlerweile in der selben Schadensklasse wie Juweliere angekommen sind. Für Mannheimer gelte das nicht, betont Wörner, bestätigt aber die "Beliebtheit" dieser Läden bei Dieben. "Da werden ganze Ladeneinrichtungen inklusive Werkstätten leer geräumt."

Den Juwelieren stellt Fachmann Winckel ein gutes Zeugnis aus: "Die Geschäfte haben in den vergangenen 15 Jahren - seitdem eine massive Bedrohung durch Banden aus Ost- und Südosteuropa besteht - erheblich in die Sicherheit investiert."