Ein schleichender Wandel in Delmenhorst führte zu Leerstand und Eintönigkeit. Nun soll ein neues Einkaufscenter für Wiederbelebung sorgen.

Es ist ein Klotz. Ein hässlicher, grauer Klotz. Die Passanten gehen vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Die Schaufenster sind mit Pappe verhängt, ein Fahrrad liegt auf dem Boden. Es ist trostlos, in freier Wildbahn würden vermutlich Aasgeier über einem solchen Ort kreisen. Heinz-Jürgen Buchholz steht kopfschüttelnd vor dem Gebäude und sagt: "Es muss sein, wir brauchen das Einkaufscenter."

Das Einkaufscenter, da ist es. Noch längst nicht gebaut, dennoch allgegenwärtig im niedersächsischen Delmenhorst, 80.000 Einwohner, gelegen zwischen Bremen und Oldenburg. Denn es wird die Stadt verändern.

Zum Positiven, glaubt Buchholz, der alteingesessene Juwelier. Der Oberbürgermeister sieht es genauso. Auch ein Teil der Kaufmannschaft sagt: "Alles wird besser!" Der andere Teil ist dagegen überzeugt: "Alles wird schlechter!" Und die Bürgerinitiative befürchtet gleich eine komplette Verödung der Innenstadt. Weiter können Meinungen nicht auseinander liegen. Was verdeutlicht, dass ein neues Center neben großen Chancen immer auch große Risiken birgt. Delmenhorst spielt auf Risiko!

Grauer Klotz war einst ein Einkaufscenter

Die Frage nach dem Warum führt zurück zum Klotz. Das Gebäude war einst ein Einkaufsparadies. Erst von Karstadt betrieben, dann von Hertie. Doch 2009 war im Zuge der Hertie-Insolvenz Schluss - Delmenhorst ging der letzte verbliebene Magnet verloren, die Passantenfrequenz nahm ab.

Bereits in den Jahren zuvor hatten sich die Geschäftsaufgaben gehäuft, danach wurde es noch schlimmer. Heute stößt man in der Fußgängerzone auf viele verwaiste Läden, in deren Fenstern Immobilienmakler auf "Zu Vermieten"-Zetteln ihre Telefonnummer kundtun. Insgesamt stehen rund 11.000 Quadratmeter Verkaufsfläche leer.

Sicher, es sind auch noch einige da: H&M, C&A, Gerry Weber, mehrere inhabergeführte Geschäfte. Doch dazwischen häufen sich die Handyläden und Discountbäckereien, die Drogerien und Ein-Euro-Läden. Einkaufsspaß sieht anders aus. Und Vielfalt auch: Wer eine CD, eine Tiefkühlpizza und Bettwäsche besorgen möchte, wird in Delmenhorsts Innenstadt nicht fündig - es sei denn, Mac-Geiz hat gerade Bettwäsche im Angebot.

"Das war mal anders", sagt Heinz-Jürgen Buchholz. Er eröffnete 1973 sein Juweliergeschäft im Kaufpark, damals ein modernes Einkaufscenter am westlichen Eingang zur Stadt. "Hier lief es, bei Karstadt auf der anderen Seite der Innenstadt auch, dazwischen gab es viele gute Geschäfte", erinnert er sich.

Doch dann wurden Fehler begangen, es ging bergab. In erster Linie, weil die Balance zwischen Innenstadt und Grüner Wiese nicht mehr stimmte - Mag­neten wie das Möbelzentrum oder der Elektromarkt zogen die Kunden aus dem Stadtkern. Hinzu kamen uneinheitliche Öffnungszeiten oder zu wenig innenstadtnahe Parkplätze.

Kein Geld, keine Ideen

Heute sind im Kaufpark außer Buchholz noch ein Friseur und eine Spielothek ansässig, ansonsten gähnende Leere und eine stillstehende Rolltreppe.

Nun soll also ein neues Einkaufs­center für den Um- und damit Aufschwung sorgen. Und zwar just an dem Platz, wo der Kaufpark vor sich hin vegetiert. Das entschied der Stadtrat vor wenigen Wochen. Die Grundsatzentscheidung pro Center fällte er 2008 auf Basis eines Gutachtens des Stadtplanungsbüros "Junker und Kurse". Ende dieses Jahres soll über den Investor (bisher im Gespräch: DIH/Procom und ECE) entschieden, bald darauf gebaut werden.

"Kein Geld, keine Ideen, also soll ein Investor mal machen!" - So kritisiert Bärbel Seidel von der Bürgerinitiative "Lebendiges Delmenhorst" das Vorgehen der Politik. Ihre Alternative: "leere Gebäude revitalisieren, die Fußgängerzone verschönern, Jugendtreffs einrichten - einfach die Stadt wieder zum Leben erwecken."

Ein Einkaufscenter sei doch keine Besonderheit mehr: "Bremen hat welche, Oldenburg bekommt eines", so Seidel. "Statt uns abzuheben als eine Innenstadt ohne Center, machen wir das gleiche wie die Nachbarn." Mit ihrer Meinung steht sie nicht alleine. Auch viele Kaufleute würden laut Einzelhandelssprecher Christian Wüstner eine Wiederbelebung der City ohne Center bevorzugen.

Delmenhorst ist nicht Paris oder London

Wüstner selbst will in der Sache neutral bleiben, spricht aber etwas an, das er "Delmenhorst-Krankheit" nennt: "Wegen der größeren Nachbarn herrscht hier manchmal ein Minderwertigkeitsgefühl, begleitet von einem Beklagen der angeblich schlechten Lage", sagt er. Dabei könne man diese Lage nutzen und sich als kleinere, aber sehr gute Alternative zu den Großen präsentieren, beispielsweise durch spezielle Fachgeschäfte.

Oberbürgermeister Patrick de La Lanne glaubt nicht, dass das reicht. Die Verschärfung der Situation nach dem Hertie-Aus habe gezeigt, dass es nur mit Kleinteiligkeit nicht funktioniere. "Wir brauchen einen neuen Impuls." Zumal es zwar gut klinge, leerstehende Geschäfte zu revitalisieren - dabei aber die Rolle der Immobilienbesitzer vergessen werde. Sie würden mit überzogenen Mietvorstellungen zum Leerstand beitragen, darauf habe die Stadt keinen Einfluss.

Insbesondere Dawnay Day fordere für den Ex-Karstadt-Ex-Hertie-Klotz unrealistisch viel Geld. "Die sollen sich klarmachen, dass wir nicht Paris oder London sind, sondern Delmenhorst", sagt de La Lanne.

Hier wählt er klare Worte, in puncto Größe des neuen Centers ist der Oberbürgermeister unbestimmter: Das sei ein wichtiger Aspekt, man müsse genau abwägen, es werde viele Gespräche geben.

Einkaufscenter in der richtigen Größe

Klingt nicht nach einer klaren Absage an erste Investorenpläne, die 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche vorsehen - obwohl der Rat 2008 eine Obergrenze von 10.000 Quadratmetern festgelegt hat. Trotz dieser nicht unerheblichen Differenz: Ein Scheitern des Projekts in Verhandlungen mit dem späteren Investor schließt Patrick de La Lanne aus: "Gebaut wird das Center auf jeden Fall."

Einzelhandelssprecher Wüstner hofft und bangt, dass die Stadt sich bei der Größe nicht übervorteilen lässt: "Die Investoren ziehen mehrere Center im Jahr hoch, wir haben aber nur ein Delmenhorst", sagt er. Heißt: Wenn schon ein Center, dann bitte schön eines, das in Größe und Sortiment zur Stadt passt.

"Denn", sagt Christian Wüstner abschließend, "wir brauchen kein funktionierendes Einkaufscenter in der Innenstadt - sondern eine funktionierende Innenstadt mit Center!"

Alexander Schmolke

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe von Der Handel erschienen.
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