Wilfried Hollmann, Chef der Apothekenkooperation Noweda, spricht im Interview über die Aufgaben des stationären Pharmahandels, die Schwächen der Versender sowie die Bedeutung von Pick-up-Stellen.

Apotheker klagen neuerdings laut über ihre schlechte Lage. Verdient man in diesem Job so wenig?

Der Jahresumsatz eines typisch deutschen Apothekers liegt bei etwa 1,2 Millionen Euro. Als Verdienst bleiben ihm davon rund 80.000 Euro vor Steuern. Davon gehen noch 15.000 Euro Altersvorsorge ab - es bleiben ihm also noch 65.000 Euro. Und das für jemanden, der eine wichtige Gemeinwohlaufgabe und ein unternehmerisches Risiko zu tragen hat.

Vielleicht sind 21.500 Apotheken in Deutschland zu viele, damit sich das Geschäft für jeden Betrieb lohnt?

Wir diskutieren ja auch nicht, ob wir in Deutschland zu viele Automobilhersteller haben. Solange es Apotheker gibt, die für 65.000 Euro im Jahr arbeiten wollen, wird es keine Apothekenschließungen geben. Der Markt wird es auch hier regeln. Und der Wettbewerb zwischen den Apotheken, der ja gerne von Außenstehenden negiert wird, ist schärfer als man vermutet.

Aber die Monopolkommission beklagt, dass es zu ­wenig Wettbewerb unter den Apotheken gibt.

Wenn man Arzneimittel als gewöhnliche Ware ansieht, dann würde ich der Kommission recht geben. Aber die Gesundheitsversorgung braucht andere Regeln. Wer den Markt freigeben will, muss viele Fragen beantworten: Wer macht den Notdienst? Wer erstellt die kostenträchtigen Rezepturen? Wer spendet den älteren Menschen Trost? Die Apotheke steht doch nicht nur für Medikamentenabgabe - sondern auch für Sozialkompetenz.

Trotzdem haben die Versandapotheken im vorigen Jahr 30 Prozent Umsatzwachstum erzielt.

Die Versender sind Rosinenpicker. Sie gewinnen im OTC-Bereich, der bei einer stationären Apotheke etwa 10 Prozent des Umsatzes ausmacht. Und sie gewinnen weniger mit niedrig-, sondern mit hochpreisigen Medikamenten. Das ist ungerecht und nicht hinzunehmen. Die stationären Apotheken unterliegen wiederum dem Kontrahierungszwang, und das ist sinnvoll. Ein Apotheker muss per Gesetz bestimmte Medikamente im Sortiment haben - und dazu zählt eben Arznei aus dem Niedrigpreisbereich. Würde dieser Zwang entfallen, würde der Bürger manche Mittel nicht mehr sofort bekommen - oder müsste warten, bis sie für ihn mit hohen Aufschlägen für Porto und Verpackung zur Verfügung stehen.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will bei den Apotheken mehr reglementieren. Was halten Sie davon, dass zum Beispiel nur noch maximal 30 Prozent der Verkaufsfläche Drogerie- und Kosmetikprodukten vorbehalten bleiben soll?

Ein Apotheker sollte sich im Wesentlichen auf die Pharmazie konzentrieren. Das schließt nicht aus, dass Apotheken auch bestimmte verwandte Produkte führen, wie spezielle Zahncremes beispielsweise.

Auch Deoroller und Aftershave?

Beides gehört nicht in die Apotheke.

Ihnen bereitet Röslers Vorstoß kein Kopfzerbrechen? Der Minister will schließlich in den Markt eingreifen.

Wenn es darum gehen soll, dass sich ein Apotheker um Kranke, Prophylaxe und Pharmazie zu kümmern hat, dann darf er sein Hauptaugenmerk nicht auf Drogerieprodukte legen. Eine Apotheke muss sich auf die Arzneimittel konzentrieren. Wenn sie das nicht schafft, dann darf man sich nicht darüber wundern, wenn auch in der Politik diskutiert wird, ob die Apotheke in der aktuellen Form erhalten bleiben kann.

Die Stiftung Warentest hat festgestellt, dass es in Apotheken auch zu wenig Räume für diskrete Beratungen gibt. Was sagen Sie dazu?

Diese Kritik ist sicherlich vielfach berechtigt. Die Apotheker müssen sich in der Tat darüber Gedanken machen, wie dieser Mangel abgestellt werden kann.

In diesem Test fiel auch die neuerdings schlechte Beratungsqualität der Versender auf. Warum haben hier selbst lange als vorbildlich geltende Unternehmen wie Sanicare Boden verloren?

Wenn man stationären Apotheken vorwirft, schlecht zu beraten, dann gilt für Versender eine Erkenntnis: Sie beraten überhaupt nicht! Welche Versandapotheke ruft denn von sich aus den Patienten an? Solche Fälle kenne ich nicht. Diese Unternehmen sind schnell mit den Umsatzentwicklungen zufrieden und deswegen nicht mehr bereit, im täglichen Geschäft alles zu geben, auch nicht in der Betreuung und Beratung. Und Sozialkompetenz ist bei den Versendern eher ein Fremdwort.

Wird der Markt bald aufgeteilt? Die stationären Apotheken werden sich auf ihr pharmazeutisches Kerngeschäft konzentrieren, die Versender übernehmen den OTC-Bereich?

Nein. 67 Prozent aller frei verkäuflichen Arzneimittel werden in Apotheken gekauft, obwohl wir einen freien Markt haben. Der Kunde hat eben Vertrauen zur stationären Apotheke. Versuchen Sie doch einmal, auch in einem Drogeriemarkt eine fachkundige pharmazeutische Beratung zu bekommen. Es wird Ihnen nicht gelingen. Auch Arzneimittel, die nicht verschreibungspflichtig sind, sind beratungsintensiv. Ein Verbraucher kann sich auch mit Kopfschmerztabletten großen Schaden zufügen.

Für Sie sind die Pick-up-Stellen in Drogeriemärkten keine Konkurrenz?

Diese Angebote bedrohen die stationären Apotheken ökonomisch überhaupt nicht. Vielmehr droht, dass hier das Arzneimittel seinen Stellenwert als besondere Ware verliert. Pick-up-Stellen gehören schnellstens abgeschafft.

Fritz Oesterle, Chef des Pharmagroßhändlers Celesio, geht davon aus, dass es in naher Zukunft auch in Deutschland Apothekenketten geben wird. Wird der Markt bald vom Zweikampf Verbundgruppen gegen Ketten geprägt sein?

Ich glaube nicht, dass in naher Zukunft das Fremdbesitzverbot für Apotheken fallen wird. Doch dafür darf die Branche eine Dummheit nicht begehen: nämlich Apotheken in Quasi-Ketten umfirmieren, obwohl der jeweilige Betrieb weiterhin inhabergeführt ist. Wenn der Verbraucher den Unterschied nicht mehr wahrnimmt, dann besteht die Gefahr, dass die Politik auch Ketten zulassen könnte.

Profitieren Kooperationen von den stürmischen Zeiten für Apotheker? Noweda hat nun 8.000 Mitglieder.

Apotheker suchen mehr denn je die Gemeinschaft. Dachmarken-Konzepte werden in der Regel abgelehnt, weswegen diese an Bedeutung weiterhin verlieren werden. Einige haben auch rückläufige Mitgliederzahlen zu beklagen mit allen ökonomischen Folgen.

Warum nicht Noweda?

Die Übernahme des Pharmagroßhändlers Kapferer spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Dadurch sind wir seit zwei Jahren auch in Süddeutschland vertreten. Zudem verfügt Noweda laut eines Experten über das weltgrößte Sortiment im Pharmagroßhandel und anerkannt gute Leistungen. Und letztlich suchen vor allem junge Apotheker Anschluss in der Noweda aus Sorge vor der Ungewissheit der Zukunft.

Interview: Marcelo Crescenti und Steffen Gerth

Dieses Interview ist in der September-Ausgabe von Der Handel erschienen. Hier geht's zum Probeabo.