Der Deutsche Handelskongress muss ohne Wirtschaftsminister Gabriel auskommen. Dafür liefert Hudson's-Bay-Manager Jerry Storch eine Werbung für den stationären Handel - und HDE-Chef Sanktjohanser erinnert alle an die neuen Zeiten in der Branche.

Dass die große Weltpolitik auf den Deutschen Handelskongress Einfluss nimmt, hat man auch nicht oft. Aber in diesen Tagen, seit den Terroranschlägen von Paris am vergangenen Freitag, ist vieles anders. Daher musste auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kurzfristig seine Teilnahme am ersten Kongresstag am Mittwoch absagen. Als Vizekanzler war seine Teilnahme am Sicherheitskabinett gefragt, schließlich wurde Dienstagabend das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande kurzfristig wegen einer Bombendrohung abgesagt. Der Terror hat offenbar auch die Bundesrepublik erreicht.

Für Gabriel kam, wie immer in solchen Fällen, Staatssekretärin Iris Gleicke, die Ersatzfrau für viele Zwecke. Es ist nicht ganz klar, ob Josef Sanktjohanser zufrieden war mit dieser Lösung, denn der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) hatte zuvor im Berliner Kongresshotel eine lange Wunschliste des Handels an die Politik vorgetragen. Mehr Impulse für die Wirtschaft, Wegfall der Störerhaftung, schnelle Umsetzung des Wertstoffgesetzes sowie Antworten auf die Flüchtlingskrise wurden dabei genannt. Konkrete Antworten lieferte Gleicke nur bedingt.

Immerhin versprach sie, das Wertstoffgesetz zügig zu realisieren. BeimThema Ladenöffnung auch an Sonntagen ist die SPD-Politikerin unsicher, "ob man jederzeit einkaufen muss". Andererseits erkennt auch sie an, dass der stationäre Handel im Kampf gegen die Onlinekonkurrenz hier im Nachteil ist.

Wettbewerbsgesetze aus den fünfziger Jahren

Überhaupt online - das große Thema der Handelsbranche. Alles befindet sich im Strukturwandel, und HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth sagte deswegen: "Wir brauchen neue Rahmenbedingungen. Denn wir haben Wettbewerbsgesetze aus den Fünfzigerjahren." Unternehmensbesteuerung, veraltetes Baurecht, Ausbau der Breitbandnetze - solche Themen umtreiben die Branche.

Doch die Firmen beweisen, dass sie schon mit den neuen Zeiten gut klarkommen. Alexander Birken etwa, Konzernvorstand Multichannel-Distanzhandel beim Versender Otto, demonstrierte, wie das Hamburger Traditionsunternehmen im digitalen Zeitalter angekommen ist. So werde jeder dritte Euro bei Otto via Smartphones umgesetzt, also per Mobile Commerce. Mehr Dynamik bei Apps brauche man, um alle Kundenwünsche zu befriedigen. Alle Prozesse im Haus würden auf Echtzeit ausgerichtet. Mit Tempo in die neue Zeit, sozusagen. Angst vor den mächtigen Onlineriesen Amazon und Alibaba hat Birken nicht. "Wir müssen auf die Verbraucher schauen." Bei allem Tun gelte es zu fragen: Was hat der Kunde davon?

"Das Internet zerstört keine Läden"

Alles online also? Von wegen. Gerald "Jerry" Storch lieferte ein verblüffendes und leidenschaftliches Plädoyer für den stationären Handel. "Die Läden schlagen zurück", rief der Manager des neuen Kaufhofeigners Hudson's Bay Company (HBC) in den Saal. Für Storch bedeutet die Zukunft eine große Verschmelzung der Kanäle. Omnichannel ist das Zauberwort. Internet geht nicht ohne Läden, alles muss verknüpft werden, bestellen, abholen, retournieren - alles immer und überall. "Wir wachsen über alle Kanäle", sagte Storch bezogen sein Unternehmen, das zuletzt online schneller gewachsen sei als Amazon. Und er behauptete gar: "Das Internet zerstört keine Läden." Man darf gespannt sein, wie HBC diesen Anspruch bei Galeria Kaufhof umsetzt. Es soll sehr schnell sehr viel passieren, wie die Nordamerikaner ständig betonen.

Das HBC-Engagement bei Kaufhof ist letztlich auch ein Beweis dafür, dass die Branche sich in spannenden Zeiten befindet. Die Digitalisierung aller Prozesse "verlangt neues Denken im Handel", mahnt HDE-Chef Sanktjohanser. "Heute gibt der Kunde Takt und Tempo vor." Die Unternehmen müssen sich dieser veränderten Geschwindigkeit jetzt anpassen. Schnell.

Der Kongress wird am Donnerstag fortgesetzt. Erwartet wird dann Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Steffen Gerth, Berlin