Die Fluktuation in den Chefetagen der Handelsbranche steigt. Dies zwingt viele Mitarbeiter, laufend mit anderen Vorgesetzten klarzukommen. Wer einige Regel befolgt, hat es leichter im Arbeitsalltag

Nicht schon wieder! Viele Handelsmanager stöhnen, wenn ihnen wieder einmal ein neuer Vorgesetzter vor die Nase gesetzt wird. Zum Beispiel beim Warenhausbetreiber Karstadt.

Dort mussten die Mitarbeiter allein seit 2004 mit fünf verschiedenen Führungsspitzen leben (Wolfgang Urban, Christoph Achenbach, Thomas Middelhoff, Peter Wolf, Stefan Herzberg). Bei Rewe waren sie im selben Zeitraum mit vier Firmenlenkern konfrontiert (Hans Reischl, Ernst Dieter Berninghaus, Achim Egner, Alain Caparros).

Das Personalkarussell dreht sich immer schneller. So wurden im vergangenen Jahr 19,7 Prozent der Führungsspitzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgetauscht. Das geht aus der „CEO Succession Study 2007" der Unternehmensberatung Booz & Company hervor, die die 300 größten Unternehmen der deutschsprachigen Länder untersuchte.

Noch krasser sieht es der Erhebung zufolge im Einzelhandel aus. Im Fach- und Textilhandel fand bei 25 Prozent der Unternehmen ein Wechsel statt, im Lebensmittelhandel sogar bei 30 Prozent. Ein Ende des Revirements ist nicht in Sicht. So lässt die Finanzmarktkrise auch für 2008 und 2009 größere Fluktuationen in allen Branchen erwarten.

Durchlauferhitzer Chefetage

„Die Chefetagen werden zum Durchlauferhitzer von Führungskräften", sagt Rainer M. Neubauer, Geschäftsführer der Metaberatung in Düsseldorf. Das Personalkarussell dreht sich nicht nur auf den Teppichetagen, sondern auf allen Hierarchieebenen - wegen Umstrukturierungen, Stellenabbau, Fusionen und internen Versetzungen quer durch Abteilungen, Funktionsbereiche und Standorte.

„Gerade Filialleiter machen die Erfahrung, dass die Führungskräfte oft schneller als das Sortiment wechseln", sagt Kommunikationstrainer Martin Wehrle. Diese Erfahrung habe aber auch etwas Tröstliches: „Man kann schlechte Chefs überleben. Und gute umso mehr genießen."

Generell sind Handelsmanager gut gerüstet für schnelle Chefwechsel: Denn sie wissen, wie man Kunden zufriedenstellt. Und ein neuer Chef ist nichts anderes als ein neuer interner Kunde. Gefragt ist dabei höchste Flexibilität.

„Wer in ein, zwei Tagen das Führungsverständnis des Chefs nicht herausgefunden hat, wird im Wettbewerb der Teamkollegen zurückfallen", warnt Professor Christian Scholz, Direktor des Instituts für Managementkompetenz der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. „Nur Mitarbeiter, die die Spielregeln des neuen Vorgesetzten kennen, können sich richtig positionieren."

Von Anfang an

Dabei gilt es, von Anfang an alle Chancen zu nutzen. Schon in der Vorstellungsrunde kann man dem Neuen gegenüber seine Aufgaben und seine Rolle im Team darstellen. Hier darf auch in wohldosierter Form auf eigene Stärken hingewiesen werden. Zudem verschafft man sich Vorteile, wenn man herausfindet, wie der Chef tickt.

„Personen, die dieselben Werte teilen, kommen per se schnell miteinander klar", so Neubauer. Und wer die Wertunterschiede zwischen sich und dem Chef kennt, schützt sich vor Frustrationen. Hat man es etwa mit einer Führungskraft zu tun, die keinen Wert auf Anerkennung legt, wird man es nicht persönlich nehmen, wenn Lob ausbleibt.

„Cheffing" nennen Fachleute neudeutsch die Kunst, den Vorgesetzten von unten zu führen. Dazu gehört auch das Durchsetzen der eigenen Ziele. Das Rezept dafür lautet: Wer seinen Boss erfolgreich macht, macht sich selbst erfolgreich. Clevere Angestellte fokussieren sich also auf die Ziele, die sich mit denen ihres Vorgesetzten verknüpfen lassen.

Also: Möglichst rasch ergründen, welche Aufgabe der Chef im Unternehmen erfüllen soll. Wurde er für schnelle Ergebnisse eingestellt, versorgt man ihn genau damit. Soll er die Abteilungen neu strukturieren, heißt es, sich flexibel eine neue Rolle zu sichern.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Eine „professionelle Neugier" fordert Frank Kriegl, Interims-Geschäftsführer des Versandhändlers Lands' End Deutschland in Mettlach mit 42 Mitarbeitern. „Denken Sie sich in Ihren Chef hinein. Welche Informationen braucht sie oder er, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können?"

Wer das weiß, ist schon auf der richtigen Spur. Auch Kriegl selbst hat das Sesamstraßen-Prinzip („Wer nicht fragt, bleibt dumm") verinnerlicht. Im Laufe seiner Karriere scheute sich der 48-Jährige nie, neue Vorgesetzte mit Fragen zu löchern.

Wer sich zum Beispiel unsicher ist, ob der Chef lieber mündlich, telefonisch oder per Mail informiert werden will, kann das mit einer Frage klären. Wünscht er schriftliche Infos, brauchen sich die Kollegen nicht zu wundern, ihn telefonisch schlecht zu erreichen.

Image aufpolieren

„Heute muss jeder Mitarbeiter auf seine Leistungen extra hinweisen", so Neubauer. In Vier-Augen-Gesprächen halten sie ihren Vorgesetzten stets auf dem Laufenden und erklären ganz nebenbei ihren eigenen Beitrag zum Teamerfolg.

Auch Kriegl hat seine neuen Vorgesetzten immer mit Informationen versorgt. Die Devise „Weniger ist mehr" gilt hier nicht: „Wenn sich der Chef überschüttet fühlt, gibt er schon Laut", so der Handelsmanager.

Trotz guter Vorbereitung kann es im neuen Gespann zu Verstimmungen kommen. Manch Angestellter schiebt Probleme in der Zusammenarbeit dann allzu gern seinem Vorgesetzten in die Schuhe. „Schuldzuweisungen helfen jedoch nicht weiter", warnt Kommunikationstrainer Wehrle.

Die Kommunkation selbst übernehmen

Sein Appell: Von Anfang an sollte die untere Ebene die Verantwortung für eine fehlerfreie Kommunikation selbst übernehmen. Wirft der neue Chef bei einem Auftrag ein „Eilt ja nicht" in den Raum, mache es Sinn, nach dem Abgabetermin zu fragen. Der frühere Chef mag zwei Wochen gemeint haben, der neue vielleicht nur zwei Tage.

Ist etwas schiefgelaufen, raten Experten, nicht gleich zur Tagesordnung überzugehen. Besser ist es, den Chef darauf anzusprechen, „auch wenn er wenig Zeit hat", so Wehrle. Schildern Sie die eigene Sichtweise. Wehrle: „So sehen Chefs auch ihren Anteil an der Fehlkommunikation ein."

Besondere Kraftanstrengungen sind notwendig, wenn die Chemie zwischen beiden Parteien nicht stimmt. „Hat man persönlich einen guten Draht zueinander, hilft das vielleicht der Arbeit. Zwingend notwendig ist es aber nicht", meint Kriegl.

Nicht verbiegen

Verbiegen sollte sich niemand für seinen Chef. Ein erfahrener Vorgesetzter wird das Theater schnell durchschauen. „Eine unterwürfige Kuschelhaltung bringt niemanden weiter und ist Ihrem Chef vielleicht sogar unangenehm", sagt Kriegl aus eigener Erfahrung.

Er selber mag Vorgesetzte, an denen er sich reiben kann. „Durch Reibung entsteht Energie. Und die ist nötig, um Erfolge und Wettbewerbsvorteile zu erzielen", so der 48-Jährige. Zum Scheitern verurteilt ist ebenfalls die Strategie, schlecht über Kollegen zu reden, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Denn Mitarbeiter, die Intrigen spinnen, verweben sich oft selbst darin.

Judith-Maria Gillies